Wenn Medien Angst haben

von Martin Lohmann3.09.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Am vergangenen Wochenende konnte man den medialen Paradigmenwechsel wieder in extenso „genießen“. Überall wurde diskutiert, wie böse doch diejenigen – per se natürlich – allesamt sind, die in Chemnitz demonstrieren und dem Staat vorwerfen, des Bürgers Sicherheit zu vernachlässigen. Ja, ja, Differenzierung ist schon eine schwierige Sache, schreibt Martin Lohmann.

Auch das ist ein Missbrauchsskandal. Nur: So darf man es auf keinen Fall nennen. Denn diejenigen, die diesen Skandal betreiben, haben sich selbst mit Hilfe der Mächtigen, denen sie willenlos zu dienen ergebenst bereit sind, in die Sphäre der Unfehlbarkeit katapultiert, von der Päpste heute nur träumen können. Wehe dem, der sich etwa allen Ernstes traut, das Recht auf Meinungsfreiheit zu nutzen und gar öffentlich-rechtliche Medien kritisiert! So etwas tut man einfach nicht. Was Theologen einst in sich böse nannten, hat ein großer teil der Medienwelt säkular für sich adaptiert. Kurzum: Wer sie kritisiert oder mit Fakten konfrontiert, handelt in sich böse. Was für ein Paradigmenwechsel!

Am vergangenen Wochenende konnte man ihn wieder in extenso „genießen“. Überall wurde diskutiert, wie böse doch diejenigen – per se natürlich – allesamt sind, die in Chemnitz demonstrieren und dem Staat vorwerfen, des Bürgers Sicherheit zu vernachlässigen. Ja, ja, Differenzierung ist schon eine schwierige Sache. Und so anstrengend! Es setzt nämlich die Fähigkeit der Unterscheidung voraus – und den Willen, diese Fähigkeit auch einmal einzusetzen, sie zu nutzen. Dabei ist es doch so einfach, alle Kritiker von – sagen wir es einmal so – Lückenmedien in einen Topf zu werfen: krawallige Rechsradikale, enttäuschte Bürger, besorgte Patrioten und natürlich die gesamte blaue Partei. Deckel drauf und zu! Das nennt man dann Berichterstattung. Ist ja so einfach, dann auf diesen selbstkreierten Topf kräftig zu schlagen. Mit besorgter Mine, besteht sich.

Früher, doch das scheint lange her zu sein, gab es mal so etwas wie die Vorstellung von Verantwortung gegenüber der Wirklichkeit und – Achtung: Jetzt kommt ein ganz unverschämtes Wort – der Wahrheit. Medienleute wussten einst, dass ihr so wahnsinnig freier Beruf, der halt nur wirklich funktioniert, wenn man ihn in Freiheit ausübt und ausüben kann, etwas mit Verantwortung zu tun hat, ja, haben muss, wenn er denn maßstabsgetreu gelebt und ausgeübt werden will. Das aber setzt eine gewisse Unabhängigkeit voraus, und selbstverständlich die mental verankerte Fähigkeit, möglichst unabhängig zu berichten. Also die Wirklichkeit so abzulichten, dass der Empfänger der medialen Sekundärwirklichkeit sich ein möglichst korrektes Bild von der ihm transportierten Wirklichkeit machen kann.

Aber das war früher! Heute scheinen Scheren im Kopf zur Grundausstattung vieler Medienschaffenden zu gehören, vor allem wohl, damit man bei den Mächtigen in Parteien und Regierung nicht aneckt. Denn die wollen ja ein bestimmtes Bild, so scheint es, pflegen und behalten. Und das hat mit der durchaus erkannten Bedrohung der Falschheit durch eine Partei zu tun, die wenigstens versucht, das ernst zu nehmen, was die Menschen bewegt und was ihnen Sorgen bereitet. Also gilt es, alle, die sich kritisch gegen das herrschende System äußern, in einen zu verachtenden Topf zu zwingen. Seltsam, dass so etwas manche gar an eine Diktatur erinnert, oder?

Man fragt sich, wie eigentlich die Familie des mit zahlreichen Messerstichen Getöteten Vaters einiger Kinder empfindet, wenn dieser Auslöser von nicht immer nur zurückhaltenden Demonstrationen in etlichen Berichten der Besorgnis in den vergangenen Tagen totgeschwiegen oder vergessen wurde. Man fragt sich, warum die so „mutig“ recherchierenden Medien nicht einmal fragen, wer denn da den H-Gruß zeigte. Waren es wirklich Rechte? Oder verkleidete Linksradikale, damit auf jeden Fall die Empörung gegen Rechts funktioniert? Dieses Knopfdrücken klappt doch eigentlich immer. Wollen wir mal hoffen, dass da nicht auch V-Leute von verfassungsschützenden Organisationen dabei sind! Aber das wäre ja absolut unvorstellbar.

Es ist richtig und notwendig, dass seitens der Regierung betont wurde, dass jede Form von Hetzjagd bei uns keinen Platz haben dürfe. Wissen will man aber schon, ob und inwieweit es diese Hetzjagden, die stets mit einem einzigen und wenig aufschlussreichen Handyvideo „belegt“ wurden, denn tatsächlich gab. Immerhin haben Lokaljournalisten, die vor Ort dabei waren, kräftige Zweifel geäußert. Wünschenswert wäre übrigens auch derselbe ablehnende hörbare Einsatz des Regierungssprechers gegen jede „Kultur“ von Messerstecherei und Tötung von Menschen! Hier brauchen wir ebenfalls klare und mutige Signale der Verachtung! Fakt ist, dass es Verletzte durch diese „Kultur“ gab – und einen relativ jungen Toten!

Es wird dringend Zeit, dass sich viele Medienschaffende daran erinnern, was die Aufgabe der Medien tatsächlich ist und wie sehr sie dem Frieden, der Freiheit und der Fairness in einer Demokratie verpflichtet sind, nicht aber ausschließlich dem Wunsch von Mächtigen, die eigentlich angstfrei und scheuklappenlos kritisiert und kontrolliert werden müssten. Eines Tages wird man auch analysieren müssen, wie viel Verantwortung Medienleute durch angepasste Ängstlichkeit und vorauseilendem Gehorsam für fatale und demokratiegefährdende Duckmäuserei tragen. Verantwortungslosigkeit gegenüber der stets fordernden Freiheit kann nämlich auch Verrat an eben dieser Freiheit sein. Das aber ist zumindest fahrlässig, wenn nicht gar schuldhaft.

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