Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Wenn Dialogverweigerung und Wirklichkeitsphobie koalieren

Die SPD schafft sich ab. Konsequent. Mit Dummheit allein kann man das nicht mehr erklären, meint Martin Lohmann.

Eigentlich kann sie einem leidtun. Oder wäre das schon übertriebene Anteilnahme? Freilich: Schade ist es schon, dass sich die einst profilierte und inhaltsreiche SPD so ganz selbst abschaffen möchte. Den Eindruck kann man bekommen, wenn man auf das blickt, was eine frühere Juso-Chefin aus der Eifel nun zu führen versucht. In den Umfragewerten sackt sie denn auch mit beeindruckend stetiger Zuverlässigkeit ab ins Bodenlose. Also müsste sie einem vielleicht doch leidtun?

Nein. Eher die Demokratie kann einem leidtun, wenn eine so alte Partei sich abschafft durch Kopflosigkeit und selbstbetäubende Wirklichkeitsphobie. Das dokumentiert sich jetzt wieder am Umgang mit einem prominenten Sozialdemokraten, der mit seinem Buch vor acht Jahren schon kräftig störte, als er – für viele viel zu sanft und vorsichtig – behauptete: Deutschland schafft sich ab. Mit dieser kritischen Wortmeldung, die von der Wirklichkeit längst überholt wurde, stempelte seine eigene Partei Thilo Sarrazin zur Unperson. Pfui! So etwas schreibt man doch nicht. Erst recht nicht als Sozialdemokrat! Der Mann muss weg, hieß es. Er wurde bedrängt, seine Frau ebenfalls. Man drängte sie aus dem Schuldienst. Ihn aber aus der Partei zu drängen, gelang nicht.

Nun „erdreistet“ sich dieser SPD-Mann doch tatsächlich, sich mit einem weiteren Buch zu Wort zu melden. „Feindliche Übernahme“ heißt es, und es scheint sauber recherchiert zu sein. Die Fakten sind Fakten. Aber, und das ist das Problem, es wagt viel Kritik am Islam und bezweifelt die Integrationsfähigkeit vieler Moslems. Ja, es werden sogar Zweifel am Integrationswillen geäußert. Und schon hört man wieder die Pfui-Rufe. Natürlich zuerst (!) aus der SPD. Ob Frau Merkel sich wieder wie damals abwertend äußern wird bei gleichzeitiger Weigerung, sich dafür durch Lektüre Wissen anzueignen, bleibt abzuwarten.

Der Generalsekretär der SPD hat sein Urteil schon gefällt. Und das bereits am Tag der Buchvorstellung. Thilo Sarrazin solle die Partei verlassen. Kaum vorstellbar, dass Herr Klingenbeil das 450 Seiten starke Buch gelesen hat, also eine Wissensgrundlage für sein Exekutions-Urteil hat. Der Juso-Vorsitzende springt ihm eifrig zur Seite und fordert den Rauswurf Sarrazins. Andere kündigen an, das Buch werde nun von „Experten“ genau überprüft.

Zensur im Namen der SPD? Zensur im Namen der SPD! Andrea Nahles, der momentanen Parteichefin, scheint das nicht zu gefallen. Sie bremst. Sie ahnt vielleicht, dass Meinungsdiktatur und Schriftzensierung nicht ursprüngliche DNA einer SPD sein könnten, die gleichwohl nichts auszulassen scheint, einen heutigen Umfragewert von 18 Prozent dereinst rückblickend als gigantisch guten Wert erkennen zu müssen. Ihrem Generalsekretär, der zu jung ist für manches SPD-Wissen, könnte die Nachfolgerin von Willy Brandt ja einmal erklären, dass dieser vor einigen Jahrzehnten ernsthaft forderte, mehr Demokratie zu wagen. Klingenbeil und andere scheinen da etwas missverstanden zu haben, wenn sie jetzt die Devise ausgeben: Mehr Demokratie jagen!

Je länger man nachdenkt, desto deutlicher wird dann doch die Berechtigung, Mitleid zu empfinden mit dieser SPD. Aber eher so, wie man mitleidet mit jemandem, der an einer unheilbaren Krankheit leidet. Mit dem Unterschied, dass hier alles selbstverschuldet und hausgemacht ist. Denn es stimmt schon: Die SPD schafft sich ab. Konsequent. Mit Dummheit allein kann man das nicht mehr erklären.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martin Lohmann, Gesine Lötzsch, Sahra Wagenknecht.

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