Finger weg von den Volkshochschulen

von Martin Lätzel5.07.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Volkshochschulen bieten mehr als nur Bildung für Erwachsene, sie beinhalten einen sozialen Faktor. Doch die Finanzierung ist bedroht und Privatisierung würde die Flächendeckung Preis geben.

Wer lebenslanges Lernen will, der muss die ganze Bandbreite der Institutionen in den Blick nehmen. Dazu gehören auch die Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Die Hauptlast tragen hier die Kommunen und Kreise. Sie müssen finanziell entlastet werden. Nur so kann weiterhin öffentlich zugängliche Weiterbildung vorgehalten werden. Mit dem Niedergang der öffentlichen Finanzen gerät das System der Erwachsenenbildung massiv unter Druck. Alle reden von Bildung, aber der Begriff wird häufig verengt angewendet. Wenn es um Geld geht, dann geht es um Schulen, kostenfreie Kindergartenplätze, Hochschulen oder betriebliche Weiterbildung. Aber wie steht es mit der Bildung von Erwachsenen?

Mehr als ein Klischee

Über lange Jahre hat sich eine allgemeine Form von Erwachsenenbildung etabliert. Da sind die über 1000 Volkshochschulen im Land. Die Häuser arbeiten auf hohem professionellem Niveau. Die Teilnehmerzahlen können sich sehen lassen: Über neun Millionen Bürger besuchen alljährlich die rund 570.000 Kurse der Volkshochschulen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Initiativen, Vereinen, Gruppen und Verbänden, die sich der Erwachsenenbildung widmen. Sie unterhalten Heimvolkshochschulen und Akademien, die sich über die Jahre hinweg ein Profil erarbeitet haben. Teilweise halten sie an alten Volksbildungsidealen fest, teilweise haben sie sich mit neuen Themen etabliert. In den Einrichtungen steckt mehr, als das Klischee glauben macht. Die meisten Kurse werden im Bereich Gesundheitsbildung und Prävention belegt, dicht gefolgt von Sprachkursen. Die historisch-politische Bildung hat einen hohen Stellenwert. In Zeiten der Politikverdrossenheit ist es tröstlich, sich auf ein dichtes Netz öffentlicher Einrichtungen verlassen zu können. Sie bieten gute Bildung zu niedrigschwelligen Preisen auf einem eindeutig demokratischen Fundament. Ist den Einrichtungen der Erwachsenenbildung ihre Selbstverständlichkeit zum Verhängnis geworden? Die Volkshochschulen sind in den Kommunen etabliert. Selbst, wenn sie als eingetragene Vereine oder gGmbHs geführt werden, haben sie doch eine sehr enge Bindung zu ihrem Standort. Die Verankerung vor Ort führt allerdings dazu, dass die Volkshochschulen in den Strudel des finanziellen Niedergangs der Kommunen zu geraten drohen. Die Akademien haben hingegen mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass der Euro nicht mehr so locker sitzt. Zur Bildung summieren sich die Beiträge für Kost und Logis. Viele Einrichtungen sind Zuschussbetriebe, die sich nur deswegen halten können, weil Träger in die Häuser investieren.

Die Verankerung der Einrichtungen vor Ort ist konsequent

Eine Privatisierung des Systems ist nicht hilfreich. Das würde die Flächendeckung Preis geben ebenso wie Angebote, die sich nicht rechnen und quersubventioniert werden müssen. In den Häusern läuft oft das, was sonst keiner anbieten will und kann, weil es aufwändig und kostenintensiv ist: nachgeholte Schulabschlüsse, Alphabetisierung oder Sprachkurse für Migranten. Nicht ohne Grund ist die Teilnahme an einem Einbürgerungstest nur an den Volkshochschulen möglich. Das öffentliche Weiterbildungsangebot stellt einen sozialen Faktor dar. Deshalb ist die Verankerung der Einrichtungen vor Ort konsequent. In einer Zeit, in der alle von Bildung reden, ist die Erwachsenenbildung Garant für lebenslanges Lernen. Bezahlt wird vor Ort. Dafür brauchen Kommunen und Kreise finanziellen Spielraum.

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