Die Stärke des Wirtschaftsstandortes Deutschland | The European

Schleichender Abstieg

Martin Kneer6.08.2014Wirtschaft

Deutschland fühlt sich wohl. Doch am Wirtschaftswunder-Himmel zeigen sich längst erste dunkle Wolken. Wir müssen hart arbeiten, soll daraus kein Unwetter werden.

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misao / photocase.de

Es passiert eher selten, dass Mannschaften wie das Fußball-Team der Brasilianer mit einem 1:7 abrupt in eine tiefe Krise stürzen. Von einem Drama war nach dem WM-Spiel gegen Deutschland die Rede, einer Demütigung. In Deutschland konnte man den sportlichen Erdrutschsieg kaum fassen. „Ohne Worte“, titelte die „BILD“-Zeitung. Und die „BZ“ sah sich sogar zu einer Entschuldigung bei den Brasilianern genötigt: „Sorry“, lautete die Überschrift auf Seite eins.

So überraschend die grandiose Leistung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war, so alltäglich werden von uns allen inzwischen der Wohlstand und die die wirtschaftliche Stärke Deutschlands wahrgenommen. Die Arbeitslosenzahlen sind niedrig, die Wirtschaft brummt – in Politik und Gesellschaft herrscht business as usual.

Die Fundamente bröckeln

Auch im Ausland bewundert man deutsche Erfolge. Im Jahr 2002 schrieb das US-Magazin „Newsweek“ noch von Deutschland als „Europe’s sick man“. Heute, 12 Jahre später, lautet die Titelschlagzeile: „Welcome to the German century“ und die Autorin fragt, wie wohl der Rest der Welt ein Stück von diesem Gefühl abbekommen könne.

Fußball-Weltmeister, Export-Vize-Weltmeister, Vorreiter in Sachen Umweltschutz. Ja, es geht uns gut – aber hinter den Kulissen brauen sich erste dunklere Wolken zusammen. Der IWF hat seine Erwartung für das globale Wirtschaftswachstum um 0,3 Prozentpunkte gesenkt, eine schlechte Nachricht für die Exportnation Deutschland. Und der ifo-Geschäftsklimaindex ist im vergangenen Monat überraschend deutlich gesunken. Die kritischen Stimmen mehren sich. Laut einer Studie des DIHK wird in Deutschland inzwischen viel zu wenig investiert. Diese Entwicklung gebe Anlass zur Sorge, meinen die Experten. Der „Spiegel“ schreibt: „Die Fassade glänzt, aber die Fundamente bröckeln.“

Die Warnung kommt zur rechten Zeit. Hatte sich die Politik doch bereits gut in einer Stimmung eingerichtet, in der der deutsche Wirtschaftsmotor gleich einem Perpetuum mobile wie von selbst brummt. Die Botschaft aus dem politischen Berlin lautet: Alles ist möglich! Uns geht es gut! Wir können wieder mehr verteilen.

Es geht um Investitionssicherheit

Folge dieser Politik des Wohlgefühls sind Entscheidungen wie die Rente mit 63, die Mütterente oder nach wie vor hohe Kosten durch das umstrittene Erneuerbare-Energien-Gesetz. Politische Entscheidungen, die in der Industrie zu der bangen Frage führen: Was kommt eigentlich als nächstes? Im Kern geht es in der Debatte um Investitionssicherheit. Für unseren Wohlstand braucht es politische Rahmenbedingungen, mit denen die industrielle Produktion in Deutschland für den intensiven Wettbewerb gut aufgestellt ist. Aktuelle Entscheidungen und Diskussion führen zu Unsicherheiten, die Investitionen negativ beeinflussen. Ohne Investitionssicherheit aber fehlen mittelfristig neue Investitionen an den Standorten. Zu befürchten ist eine schleichende Desinvestition in Deutschland.

Die „Alles-ist-gut-Mentalität“ der Politik und die romantische Technikskepsis in der Gesellschaft sind eine Gefahr für Wachstum und Wohlstand. Die erste deutsche Romantik und das Biedermeier wurden vom Ausbruch der Moderne, von Demokratie und Industrie überrollt. Romantik ist kein Zukunftsrezept.

Wir sollten weg kommen von der typisch deutschen Schwarz-Weiß-Mentalität: Es ist sehr wohl möglich und auch notwendig, ökologische und ökonomische Aspekte vorurteilsfrei miteinander zu verbinden. Dies gelingt allerdings nicht, wenn man sich über Jahre in einer schnell verändernden Welt statisch einrichtet und Verzichtsdiskussionen aus gesicherter persönlicher Situation heraus führt. Im Übrigen ist es nicht fair gegenüber mehreren Millionen Industriearbeitern in unserem Land, die für diesen Wohlstand arbeiten, und erst recht nicht gegenüber denjenigen, die nicht erwerbstätig sind oder sein können.

Romantik mit digitalem Anschluss

Eine grenzenlos vernetzte Welt stellt uns täglich vor neue Herausforderungen. Die Welt wird schneller und komplexer. Sonntagslob und das Vertrauen auf Erreichtes sind kein Ruhekissen. Es braucht einen Weckruf an Politik und Gesellschaft. Das Bewahren und Verteilen führt nicht nur in die Stagnation. Es führt zum Verlust von Stabilität. Auch BDI-Präsident Ulrich Grillo kritisierte in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ die Bundesregierung: „Statt Wahlkampfgeschenke einzulösen und dafür Milliarden auszugeben, sollte die Regierung lieber an die Zukunft denken.“ Ihr fehle „das Konzept, wie unser Land auch in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich und innovativ sein soll.“

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt daran zu erinnern, dass Wohlstand nicht aus dem Himmel kommt. Nur wer weiter hart arbeitet und Veränderungen nicht statisch ablehnend gegenübersteht, kann Stabilität und sozialen Frieden erhalten – alles andere ist „Romantik mit digitalem Anschluss“.

Wir freuen uns zu Recht über den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands. Wir haben hart dafür gearbeitet. Wer jetzt meint, sich eine Ruhepause leisten zu können, wird zurückfallen. Nicht immer bricht eine Krise wie ein Donnerhall herein, wie bei der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft nach der 1:7-Niederlage. In der Regel geschieht der Abstieg schleichend. In Deutschland müssen wir in diesen Wochen analysieren, ob wir nicht schon auf diesem Weg des schleichenden Abstiegs sind. Der Fußball-WM-Sieg war ein langfristiges, erfolgreiches Projekt. Die Stärke des Wirtschaftsstandortes Deutschland sollte es auch bleiben.

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