Wir verkörpern eine Botschaft, die nicht jedem gefällt: Niemand steht über dem Gesetz. Hans-Peter Kaul

Europas menschlichstes Geschenk

Am siebten Tage ruhte er … – und bis heute sind die Sonntage als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt. So steht es im deutschen Grundgesetz. Doch im Alltag sieht es anders aus – Deutschland knabbert beständig am Sonntag. Und nicht nur wir.

In ganz Europa nagen Wirtschaft und Konsum an unserem einzigen arbeitsfreien Tag. Dabei ist es heuer ganze 1.690 Jahre her, dass Kaiser Konstantin den Schutz des Sonntages erstmals staatlich verordnete – zum Schutz des Menschen. Und als Ausdruck einer Hochkultur. Das gilt – im Prinzip – bis heute. Erst 1994 schuf das deutsche Arbeitszeitgesetz überhaupt Ausnahmen zum Verbot der Sonntagsarbeit. Seitdem kommen immer mehr und immer neue Sonderfälle hinzu.

Das europäische Kulturgut Sonntag bröckelt

Ja, das europäische Kulturgut Sonntag bröckelt. Ruinös – denn ganz Europa erliegt dem Irrglauben, ein weiterer Tag Konsum bringe automatisch Umsatz, bringe Wachstum. Das Gegenteil ist der Fall. Schon heute muss fast jeder dritte Erwerbstätige in Europa sonntags arbeiten – in Deutschland trifft es elf Millionen Menschen. Tendenz steigend – europaweit. Selbst das Privileg, für Sonntagsarbeit wenigstens Zuschläge zu bekommen, erfahren immer weniger. Zuwachs erfährt eine ganz andere Bilanz: Nie zuvor waren psychische Erkrankungen so häufig Ursache von Arbeitsunfähigkeit wie heute. Europa konsumiert sich in den Burn-out. Kein Wunder, dass selbst medizinische Gutachten inzwischen den Sonntag loben.

All das ruft Sonntagsschützer auf den Plan – in Kirchen, Gewerkschaften, in Familien, ja sogar im Mittelstand. „Ohne Sonntag gibt’s nur noch Werktage“ – was einst auf den Plakaten der evangelischen Kirche warnend stand, ist heute für viele trauriger Alltag. Dabei können und wollen wir Sonntagsschützer die Zeit nicht zurückdrehen: Nein, konstruktiver Sonntagsschutz ist etwas für Realos. Viele, gerade industrielle, Prozesse müssen heute 24 Stunden, sieben Tage die Woche laufen. Andere Dienste – Strom, Rettungsdienst, auch ÖPNV und Bahn, Tagespflege oder Bäcker – zählen zu einer, teils unerlässlichen, Grundversorgung. Unser Ziel: Der Sonntag soll – im gemeinsamen europäischen Binnenmarkt – nicht zum einfachen, normalen Arbeits- oder Konsumtag verkommen. Kein Mensch ist glücklicher, nur weil Geschäfte sieben Tage die Woche 24 Stunden am Tag geöffnet haben. Generelle, verkaufsoffene Sonntage sind abzulehnen – Ausnahmen sind auf historischen Marktrechten begründet. Bis 1995 hatte die Arbeitszeitrichtlinie der EU mindestens eine 24-Stunden-Pause pro Woche vorgeschrieben. Und im Nebensatz den Sonntag explizit als Ruhetag genannt. Mitte der 90er-Jahre kippte der EuGH diese Position. Paragrafen hatten Vorfahrt – der Mensch bleibt auf der Strecke. Leider.

Europa sollte seinen Familien den Sonntag schenken

Wir stellen fest: Der Schutz des Sonntages ist Thema in nahezu allen europäischen Ländern – genau so, wie der Bruch der Sonntagsruhe. Initiativen unterschiedlichster Art werden vielerorts von Kirchen, christlichen Verbänden, Parteien und Gewerkschaften getragen. Der Ansatz der europäischen Bürgerinitiative zum europaweiten Schutz des Sonntages versucht, diese auf europäischer Ebene zusammenzufassen und zum Erfolg zu führen.

Die Online-Kampagne www.freiersonntag.eu zum europaweiten Schutz des freien Sonntags läuft – unter einem altbekannten Titel: „Sonntags gehören Mami und Papi uns!“ Sonntag ist Familientag, die gemeinsame Zeit für Eltern und Kinder das wertvollste Gut. Selbst flexibelste Schichtmodelle garantieren wochentags nicht den Schutzraum, den der Sonntag bietet: Alle haben frei, alle haben Zeit füreinander. Was hilft es einer Familie, wenn einer am Samstag, der andere am Dienstag und die Kinder am Wochenende frei haben? Für Kinder da zu sein heißt, sich auf sie einzulassen – mit allen Sinnen, an einem festen Tag der Woche. Und das ist der Sonntag. Deshalb sollte Europa seinen Familien den Sonntag schenken. Das menschliche Geschenk einer Hochkultur. Ja – Gott sei Dank, es ist Sonntag!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martin Walzer, Robin Mishra, Robert Zollitsch.

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Mehr zum Thema: Europaeische-identitaet, Christliches-erbe, Alltagskultur

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