Die unerbittliche Logik des biotechnologischen Fortschritts

von Martin Hähnel15.12.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Der chinesische Forscher He Jiankui hat mit Hilfe der biotechnologischen Methode von CRISPR/Cas9 das Genom der vor kurzem zur Welt gekommenen Zwillinge manipuliert. Doch wie weit darf die Forschung gehen, fragt aus ethischer Perspektive Martin Hähnel.

Die Nachricht, dass der chinesische Forscher He Jiankui mit Hilfe der biotechnologischen Methode von CRISPR/Cas9 das Genom anscheinend vor kurzem zur Welt gekommener Zwillinge manipuliert haben, ist um die Welt gegangen und hat für große Empörung gesorgt. Allerdings ist es bislang weitestgehend bei diesen eruptiven Empörungsreaktionen, die langsam in den nahezu unendlichen Weiten der globalen Medienwelt zu verhallen drohen, geblieben. Es scheint sich diesbezüglich deshalb der Eindruck aufzudrängen, dass die Argumente für und gegen Genom-Editierung am Menschen bereits hinlänglich ausgetauscht worden sind und nur noch jemand wie He Jiankui zu kommen brauchte, der die Bedeutung von Einwänden gegenüber Keimbahneingriffen beim Menschen um willen größerer Ziele relativiert und schließlich das tut, was sich andere noch nicht getraut haben.

Womöglich sind wir mit der Diskussion über Genom-Editierung auch an einen Punkt gelangt, an dem es nicht mehr allein um die Abwägung von Vor- und Nachteilen bestimmter biotechnologischer Verfahren geht oder um die Analyse der ethischen Implikationen und gesellschaftlichen Folgen dieser oder jener Verfahren. Vielmehr ist der Blick auf die Logik aktueller Forschungspraxis zu richten, die in nahezu fatalistischer Weise davon ausgeht, dass sie nicht mehr nur Probleme lösen kann, die sie selbst geschaffen hat, sondern auch Antworten auf Fragen zu geben glaubt, die mit ihrem eigentlichen Anwendungs- und Verantwortungsbereich kaum oder nur wenig zu tun haben. Dieses Selbstbewusstsein und die damit einhergehende Überzeugung, dass das menschliche Heil in den Händen derjenigen liegen soll, die mit Hilfe einer universellen und technisch gestützten Optimierungsstrategie Handlungsweisen legitimieren, deren ethische Bewertung noch aussteht, ist Ausfluss einer anderen Logik, die umso unerbittlicher ist, je mehr man sie als selbstverständlich voraussetzt. Ich spreche von der Logik des medizinisch-technischen Fortschritts.

Es ist hier nicht meine Absicht, die Idee des Fortschritts als solche zu diskreditieren. Das wäre absurd und intellektuell auch nicht statthaft. Denn wer würde schon ernsthaft behaupten wollen, dass die Einführung der Narkose kein wünschenswerter medizinischer Fortschritt gewesen sei? Vielmehr soll es mir darum gehen, die in der aktuellen Tagespresse immer wieder aufgeworfene Frage, wieso es keine Fundamentalkritik mehr an der spezifischen Anwendbarkeit ethisch so bedenklicher und hochartifizieller Methoden wie CRISPR/Cas9 beim Menschen gibt, zu beantworten. Aus meiner Sicht hat diese Zurückhaltung nämlich mit der Logik der aktuellen biotechnologischen Forschung selbst zu tun, die sich immer mehr Verstöße erlauben kann, weil sie sich nicht nur aus philanthropischen Absichten heraus über die lähmende Pattsituation in der argumentativen Auseinandersetzung zwischen Biokonservativen und Bioliberalen hinwegzusetzen legitimiert sieht, sondern sich auch die naturwüchsige Behäbigkeit politisch-rechtlicher Regulierungsinstanzen zunutze macht. Hinzu kommt, dass sich vor diesem Hintergrund eine zeitlich und argumentativ weit weniger aufwendige Berufung auf den „gesunden Menschenverstand“, dem zufolge man bestimmte Dinge, wie z.B. manipulative Eingriffe in die menschliche Keimbahn, normalerweise nicht tun sollte, als facon de parler erweisen und daher auch als normativ unwirksam gelten.

Doch was ist mit der Fundamentalkritik bzw. den Fundamentalkritikern passiert? Klassische Vertreter einer Fundamentalkritik in bioethischen Fragen waren in der Vergangenheit zumeist die Kirchen. Deren Rolle besteht heute jedoch zumeist darin, sich auf die Position eines reinen Bedenkenträgers zurückzuziehen, um der Aufgabe nachzugehen, aktuelle ethische Entwicklungen nur solange zu kritisieren, bis damit der allgemeine technisch-medizinische Fortschritt nicht behindert wird. Während der eine Teil von Kritikern aus den kirchlichen Reihen dabei in Bezug auf die Erhöhung der Akzeptanz einer neuen Technologie in der Bevölkerung noch zurückhaltend bleibt, widmet sich der andere Teil sogar einer aktiven Beschaffung dieser Akzeptanz. Allerdings müssen wir in Deutschland an dieser Stelle noch die Haltung der Katholischen von der Evangelischen Kirche unterscheiden.

Meistens wird die Rolle des klassischen Bedenkenträgers der Evangelischen Kirche zugewiesen, der es weniger um die Abwehr von Inkaufnahmen negativer gesellschaftlich-moralischen Folgen einer technischen Neuerung geht, sondern um die Sicherung des status confessionis ihrer Gläubigen. Demnach gilt, dass ethisch nahezu alles erlaubt ist, solange dieser Status nicht angetastet wird. Die Gegenfrage dazu lautet allerdings: Wenn dieser Status nicht empirischer Art ist, wie kann er dann überhaupt Gefahr laufen, angetastet zu werden? Die Katholische Kirche nimmt dagegen eine andere Funktion im Konzert der Kritiker ein: Traditionellerweise hat sich die Katholische Kirche als eine Instanz verstanden, die Eingriffe in die „menschliche Natur“ von Grund auf und ohne Einschränkungen ablehnt bzw. als unethisch deklariert. Ihr Verständnis von „menschlicher Natur“ ist dabei grundlegend normativer Art; zwar stellt diese Natur wie der status confessionis der Protestanten ebenfalls keine empirische Größe dar, gibt aber im Raum des Empirischen mittels vernünftiger Einsicht in ihre Prinzipien vor, was zu tun und zu lassen ist. Im sogenannten Naturrecht wird dieser Standpunkt in ethischer, sozialer und juristischer Hinsicht konzise ausgefaltet.

Allerdings findet sich der Bezug auf ein von Natur aus Geltendes als Kern einer katholischen Fundamentalkritik nur noch selten in der aktuellen Diskussion zur Genom-Editierung beim Menschen; vielmehr wird er in den eigenen Reihen sogar als „essentialistisch“ abgetan. Aus meiner Sicht sprechen vor allem zwei Gründe für diese Entwertung des Naturrechts im Sinne einer Abkehr von einer fundamentalkritischen katholischen Position in der Bioethik: Erstens wurde in der Moderne, wie der irische Kirchenhistoriker Bury schon früh erkannt hat, der christliche Gedanken der Vorsehung durch die Idee des Fortschritts (eines Fortschritts im Singular) ersetzt. Zweitens haben viele katholische Ethiker und Moraltheologen versucht das klassische Naturrecht Schritt für Schritt zu „entessentialisieren“, mit der Konsequenz, dass sie es nolens volens „konsequentialisieren“ mussten. So sind einflussreiche Moraltheologen wie der Jesuit Bruno Schüller davon ausgegangen, dass es keine Handlungstypen („gut“ und „schlecht“) gibt, von denen wir ableiten können, was zu tun und was zu lassen ist. Stattdessen müssen wir Handlungen anhand ihrer Folgen bewerten, was schließlich dazu führt, dass eine Handlung bzw. Handlungsregel gewählt wird, die ein positives Ergebnis hervorbringt und damit automatisch eine Entwicklung in Richtung „besserer Weltzustand“ befördert – nicht anderes ist Fortschritt.

Was bedeutet dies alles für das Ausbleiben einer Fundamentalkritik am verantwortungslosen Handeln eines He Jiankui und anderer Forscher? Zum einen könnte man der Auffassung sein, dass die Geburt von Lulu und Nana nur ein weiterer unvermeidbarer Schritt in Richtung einer noch ungewissen, aber ebenso unvermeidbaren Zukunft gewesen ist. So zu denken wäre jedoch allzu fatalistisch und ebenfalls verantwortungslos. Eine Rückkehr zu einer Fundamentalkritik im Sinne des Naturrechts scheint aber unter derzeitigen Vorzeichen ebenso wenig wahrscheinlich bzw. aussichtsreich zu sein, da viele Menschen, darunter zuallererst die chinesischen Forscher aus Shenzhen, die Prämissen des Naturrechts nicht mehr zu teilen bereit sind und auch andere Einwände, wie z.B. den gattungsethischen Einwand von Jürgen Habermas, abweisen. Also schlechte Karten für eine Fundamentalkritik. Womöglich kann nur noch das Schicksal selbst dieser unerbittlichen Logik des Fortschritts auf dem Gebiet der Genom-Editierung einen Streich spielen, denn angesichts des Klimawandels müssen Forschungsgelder in Zukunft vielleicht in andere Bereiche als die moderne Biotechnologie fließen. Wie dem auch sei: Dem Fortschritt bzw. seiner Logik wird man nicht entkommen können, solange man diesem Fortschritt nicht ein Ziel zu geben wagt, das er selbst nicht hervorbringen kann.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die erstaunlichen Geschäfte der Greta Thunberg-Lobby

Greta Thunberg bricht mit einem Segelboot in die USA auf. Das globale Medienspektakel um die Klimaschützerin erreicht einen neuen Höhepunkt. Doch im Hintergrund ziehen Profis ihre PR-Strippen und machen erstaunliche Geschäfte.

"Ganz klar die Ausländerkriminalität."

Vor einigen Wochen stellte Friedrich Merz völlig zu Recht - aber natürlich auch völlig entsetzt - fest, dass sehr viele Polizisten und Soldaten mittlerweile Unterstützer der Alternative für Deutschland sind.

Unsere Positionen sind keineswegs AfD-nah

Gern unterstellen unsere Gegner der WerteUnion, unsere Positionen seien AfD-nah. Die Realität ist aber, dass die WerteUnion Positionen vertritt, die über Jahrzehnte unbestritten Positionen der CDU/CSU waren. Leider hat die alte Parteiführung diese Positionen in den letzten Jahren aber über Bord

Der Rest der Welt hält Deutschland für verblödet

Deutschland ist nur für kaum mehr als 1 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, während China, der größte Emittent, vom Pariser Klimaschutzabkommen das Recht auf Steigerung seiner CO2-Emissionen eingeräumt bekommen hat. Die politisch herbeigeführte Verelendung der deutschen Bevölk

Fünf Gründe, die für die E-Mobilität sprechen

Die Absatzzahlen steigen sprunghaft. Die Batterietechnik meldet Durchbrüche. Die Produktion von E-Autos wird ab sofort in gewaltige Volumina vorstoßen. Branchenexperten sprechen vom „Take-off“ der E-Mobilität.

Warum Sie aus der Klimakirche austreten sollten

Es gibt in der Wissenschaft unterschiedliche Meinungen darüber, ob es eine allgemeine Klimaerwärmung gibt und welchen Anteil der Mensch daran hat. Diese unterschiedlichen Positionen werden von Politik und Systemmedien nicht offen diskutiert; vielmehr wird wahrheitswidrig behauptet, dass nur ein un

Mobile Sliding Menu