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Stadionverbot für Arme

Das Stehplatzverbot in deutschen Stadien basiert auf einer falschen Rechnung. Statt das Problem der Fangewalt zu lösen, werden Fans bestimmter Einkommensgruppen verdrängt.

Kevin Pezzoni – bis vor wenigen Wochen kannte kaum einer der Millionen Fußballfans in Deutschland den Spieler des 1. FC Köln. Doch nachdem fünf Ultras ihm vor seiner Privatwohnung auflauerten, ihn und seine Freundin massiv bedrohten und schließlich der Vertrag zwischen Pezzoni und dem 1. FC Köln aufgelöst wurde, spricht ganz Fußball-Deutschland über den jungen Mann. Es ist der unrühmliche Höhepunkt einer ganzen Serie von Angriffen selbsternannter Tugendwächter der jeweiligen Fanvereinigungen. Schon in den vergangenen Spielzeiten hatte sich eine Eskalation an die nächste gereiht, wie z.B. Angriffe auf Fans auf Parkplätzen, Steinwürfe auf der Autobahn und „Platzstürme“ von frustrierten Fans nach dem Abstieg ihrer Mannschaften.

Null Stehplätze = null Gewalt?

Seitdem wird zum wiederholten Mal über die Sicherheit in den Stadien der Bundesligen auf höchster politischer Ebene diskutiert. Bei der letzten Innenministerkonferenz am 31. Mai und 1. Juni 2012 war Gewalt in Fußballstadien ein wichtiges Thema. Bundesinnenminister Friedrich hat dabei die Abschaffung von Stehplätzen ins Gespräch gebracht. Ob dies wirklich zu mehr Sicherheit im Stadion führt, ist eher umstritten. Theoretisch könnte auf Länderebene eine solche Regelung erlassen werden. Allerdings muss vor einer einfachen Gleichung (keine Stehplätze = keine Gewalt in den Stadien) dringend gewarnt werden. Die komplette Abschaffung von Stehplätzen würde das Gewaltproblem in den Stadien mit Sicherheit nicht lösen. Dafür würde jedoch der Verdrängungsprozess von Fans bestimmter Einkommensschichten weiter forciert.

Warum aber kommt es zu dieser Eskalation der Gewalt? Dieser Frage müssen sich nach den jüngsten Vorkommnissen DFB, DFL, Wissenschaft und Politik stellen. Aber auch die Fans, und insbesondere die Ultras, müssen sich fragen lassen, was sie zu diesen Konflikten bzw. zu ihrer Lösung beitragen. Meiner Ansicht nach wäre es wichtig, die (Jugend-)Kultur der Ultras nicht auf Klischees zu reduzieren und ausschließlich an einzelnen Punkten wie Gewalt im Stadion, Stadionverboten und Pyrotechnik zu messen.

Vielmehr sollten die Ultras als ein Teil der Fankultur ernst genommen und in den Dialog einbezogen werden. Bisher finden Diskussionen auf der politischen Ebene, aber auch innerhalb des DFB und der DFL, nicht oder zu selten mit Fanvertretern statt. Man spricht – salopp formuliert – meist über die Fans und nicht mit ihnen. Dies wäre jedoch dringend nötig, um die Gräben zwischen den Verbänden und den Fans nicht weiter zu vergrößern. Auf der anderen Seite müssen sich die Ultragruppen von Gewalttätern distanzieren und dürfen sich nicht weiter mit ihnen solidarisieren. Denn wer in seiner Kurve gewaltsuchende Fans duldet und schützt, der kann nicht gleichzeitig Respekt einfordern. Hier gewinnt der Satz des renommierten Juristen Gustav Radbruch traurige Aktualität: „Keine Toleranz mit den Feinden der Toleranz“.

Im Dreiklang zum friedlichen Spiel

Die SPD-Bundestagsfraktion fordert seit vielen Jahren einen Dreiklang bei der Bekämpfung von Gewalt, Rassismus und Rechtsextremismus im Fußball: Kooperation, Repression und Prävention. Für eine sportpolitische „Agenda“ fehlt an dieser Stelle der Raum; trotzdem möchte ich versuchen, diese Punkte kurz zu skizzieren:

  1. Kooperation: Wie schon angesprochen, muss der Dialog mit den Fans auch vonseiten der DFL und des DFB gesucht und geführt werden. Die meisten Fans und ihre Clubs lehnen die Gewalteskalation ebenso ab wie die Verbände. Daher muss verstärkt kooperiert werden, um die Gewalttäter und Chaoten auch in den Kurven zu isolieren.
  2. Prävention: Die präventive Arbeit der Fanprojekte ist ein sehr wichtiger Baustein in unserem Konzept. Die Koordinierungsstelle der Fanprojekte (KOS) ist seit vielen Jahren eine der besten Einrichtungen, die wir in Deutschland haben. Die Fanprojekte bilden Netzwerke zwischen den Fans, sie bieten Beratung und Hilfestellung an. Über sie ist in den letzten Jahren der Dialog zwischen Verbänden und Fans stark versachlicht worden. Finanziert werden die lokalen Fanprojekte zu je einem Drittel durch den DFB, das Bundesland und die Kommune. Leider kommt es immer wieder zu Finanzierungsengpässen der örtlichen Fanprojekte, da Länder und vor allem die Kommunen keine langfristigen Finanzierungszusagen geben können. Dies ist wenig sinnvoll, denn durch den Einsatz relativ bescheidener Mittel in den Fanprojekten können viele Verbesserungen bewirkt werden.
  3. Repression: Man darf die Fanprojekte allerdings nicht als Allheilmittel ansehen. Auch Präventionsarbeit hat ihre Grenzen. Die Polizei muss zusammen mit den Ordnerdiensten in den Stadien für Sicherheit sorgen, denn nur die Polizei kann diese auch gewährleisten. Eine weitere Privatisierung von Sicherheitsleistungen kann und darf hier nicht die Lösung sein.

Zusammengefasst sind vertrauensbildende Maßnahmen gefragt, deren Erfolg gegenwärtig allzu oft durch den schnellen Ruf nach härteren Sanktionen erstickt wird. Statt öffentlicher Aufregung ist ein ruhiger Blick auf die Entwicklungen innerhalb der Fanszenen notwendig, der die positiven Aspekte des Fantums wertschätzt und gleichzeitig die Bereitschaft weckt, Defizite und Exzesse klar zu benennen und anzugehen. Die vor allem aus den Fanszenen heraus entwickelte erfolgreiche Arbeit gegen Rassismus und Rechtsextremismus in den Stadien kann auf diesem Weg als Inspirationsquelle dienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Feltes, Michael Grüber, Thomas Gander.

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