Bauchnabelschau

von Martin Eiermann15.04.2015Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Wir lieben geschlossene Weltbilder. Was aber, wenn unsere Sicht der Welt entweder faktisch falsch oder zunehmend anachronistisch ist?

Die eigene Idiotie hat mich irgendwann im dritten oder vierten Uni-Semester eingeholt; den genauen Zeitpunkt habe ich verdrängt. Wahrscheinlich war es spät geworden, vielleicht auch weinselig, und das Gespräch drehte sich um die Ästhetik nach innen oder außen gewölbter Bauchnabel und auch um die Frage, ob denn die Form des Nabels genetisch bedingt oder durch die Umwelt zu beeinflussen sei.

„Na klar,“ proklamierte ich mit einer Überzeugung, die mich angesichts meiner eher rudimentären entwicklungsbiologischen Kenntnisse eigentlich hätte stutzig machen sollen, „das hängt davon ab, ob der Arzt die Nabelschnur sauber verknotet.“ Verwirrte Gesichter. „Der Arzt schneidet die Schnur durch und verknotet den Rest. Wenn er den Knoten schön tief reindrückt, ist der Nabel nach der Vernarbung später nach innen gewölbt. Wenn er’s versemmelt, gibt’s einen nach außen gewölbten Nabel.“ Erst ungläubiges Schweigen, dann Gelächter. Seitdem redet meine Freundin mit mir wie mit einem treudoofen Hund, der gerade zum x-ten Mal gegen die Glastür gedonnert ist.

Meine offensichtlich falschen anatomischen Vorstellungen waren damals bereits peu à peu der Erziehung zum Opfer gefallen: Die Kinder kommen nicht vom Storch, der Magen hat keine Extra-Schublade für Süßigkeiten, et cetera. Die Bauchnabeltheorie konnte überleben, weil sie ihrer eigenen internen Logik folgte, und weil das in ihr vorhandene wissenschaftliche Faktenwissen gerade ausreichte, um die gleichzeitige Absurdität meiner Annahmen und Schlussfolgerungen zu kaschieren.

Ja, die Nabelschnur wird normalerweise nach der Geburt abgeklemmt und durchtrennt. Ja, der Nabel entsteht durch Vernarbung. Aber die Fingerfertigkeit des Arztes hat mit der Form meines Bauchnabels etwa so viel zu tun wie der Flügelschlag eines Vogels mit dem morgigen Wetter.

Gefahr besteht vor allen, wenn es um Machterhalt geht

Durch das selektive Verarbeiten von Informationen bestätigen wir unsere eigenen Erwartungen und Annahmen. Widersprüchliche Informationen werden entweder ignoriert oder so lange uminterpretiert, bis sie mit bereits existierendem Wissen vereinbar sind. Der britische Psychologe Peter Wason prägte für solche Phänomene in den 1960er-Jahren den Begriff des „Bestätigungsfehlers“ und der Philosoph Imre Lakatos hat für die Wissenschaft eine ähnliche Tendenz postuliert: Wissen, schreibt er, entsteht nicht primär durch das Testen von Hypothesen und die Entkräftung fehlerhafter Theorien, sondern durch die permanente Verteidigung bestehender Annahmen gegen neue Fakten und Theorien. Da mag Sokrates noch so fröhlich trällernd verkünden, er wisse, dass er nichts weiß – die meisten von uns hängen an der eigenen Erkenntnis.

Es gibt gute Gründe für das Festhalten an historisch sedimentiertem Wissen, und es gibt viele Theorien, die zwar neuartig aber dadurch nicht weniger falsch sind. Der Hang zur Akzeptanz des bereits Bekannten hilft uns beim Filtern von Informationen und Meinungen, indem er die Beweislast zulasten des Herausforderers verschiebt.

Was aber, wenn unsere Sicht der Welt entweder faktisch falsch oder zunehmend anachronistisch ist? Die Verteidigung des Status quo wird zur Bremse für gesellschaftlichen Wandel vor allem, wenn sie gepaart wird mit dem Interesse am Machterhalt. Auch davon schreibt Lakatos: Je stärker die Allianz der Verteidiger und je konkreter ihr Interesse am Erhalt gegenwärtiger Arrangements, desto weniger durchlässig sind ihre Linien für neues Wissen und neue Theorien, unabhängig von deren Wahrheitsgehalt. Dann hilft nur eine volle Breitseite: Das Anprangern von Idiotie als überspitzte Herausforderung an alle, die sich aus kruden Annahmen und Halbwissen heraus ein Weltbild zimmern, das in sich geschlossen aber dadurch nicht weniger absurd ist.

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