In der Dunkelkammer

von Martin Eiermann19.01.2015Wirtschaft

Wie einst Atlas müssen heute du und ich die Last der Welt schultern. Verantwortungslos!

Ganz tief im Westen – dort, wo die Sonne den Horizont berührt – lebte der Titan Atlas. Unter den Titanen war er für seine Stärke berühmt, unter den Göttern dafür gefürchtet. Und so kam es, dass Atlas an der Spitze der Titanen gegen den Gott Zeus in die Schlacht zog. Zehn Jahre rangen Götter und Titanen miteinander, bis die Titanen geschlagen und in die Unterwelt verbannt waren. Nur für Atlas hatte Zeus ein anderes Schicksal bestimmt: Er musste fortan das Gewicht des Himmels auf seinen Schultern tragen und die Welt zusammenhalten.

Wer trägt heute die Welt auf den Schultern? Du und ich – wir alle. Gegen die Umweltverschmutzung sollen wir die Mülltrennung beachten, gegen die Wasserknappheit auf Fleisch verzichten und gegen den Klimawandel auf das Flugzeug. Als ethisch denkender Konsument bin ich die Speerspitze im Kampf für faire Arbeitsbedingungen in Übersee, als pflichtbewusster Wähler die letzte Verteidigungslinie gegen populistische Parteien. Die Verantwortungsethik der Gegenwart ist eine zutiefst individualisierte Ethik.

„Was früher Weltverbesserung war, heißt heute Selbstoptimierung“, überschrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ einen Beitrag des polnischen Essayisten Milosz Matuschek. Und wo früher die Systemkritik war, dreht die Diskussion sich heute um die Verantwortung des Einzelnen. ­Gemein ist beiden die Introspektive: Seelen- und Gesellschaftsheil sind angeblich nicht mehr in der Welt zu suchen, sondern in der kopfeigenen Dunkelkammer. Anstatt Rechte und Gerechtigkeit von ­Politik und Wirtschaft einzufordern, soll Verantwortung im Kleinen gelebt werden.

Verantwortung wird nicht mehr internationalisiert, sondern personalisiert

Das war nicht immer so. Im Amerika der 1950er-Jahre stieg mit dem Konsum auch die Menge an Plastikmüll exponentiell. Und weil’s nicht nur stank, sondern auch unschön fürs Auge war, sollten ­unnötige Plastikverpackungen per ­Gesetz verboten werden. Nur hatten die Parlamentarier ihre Rechnung ohne die politisch einflussreiche Nahrungsmittelindustrie gemacht. „Warum brauchen wir ein Verbot“, fragten die Lobbyisten, „wenn man den Müll trennen und wiederverwerten kann?“ Die Lösung des Problems sei Sache des verantwortlich handelnden Verbrauchers. Seit 1953 kümmert sich die industriefinanzierte Organisation „Keep America Beautiful“ darum, dass niemand diese Botschaft vergisst.

Weil in Freihandelsabkommen wenig Platz für faire Arbeitsbedingungen ist, sollten du und ich keine Kleidung aus Bangladesch kaufen und am besten auch keine iPhones aus China. Weil Überschuldung und Sparprogramme die Gräben zwischen Europas Starken und Schwachen vertieft haben, müssen du und ich an der Wahlurne dem Erstarken des ­Populismus Einhalt gebieten. Verantwortung wird nicht mehr internationalisiert, sondern personalisiert.

Aber selbst wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt nicht immer verändern. Es gibt Herausforderungen, die so systemimmanent sind, dass die einzige Hoffnung auf Erfolg in systematischen Lösungen liegt. Manche Lasten kann keiner von uns auf seinen Schultern tragen.

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