Fast alle Reiche entstehen durch Gewalt, aber keines kann durch Gewalt erhalten werden. Henry Kissinger

Die unendliche Geschichte

Wir erfahren und erklären die Welt in Geschichten. Davor kann sich auch der Journalismus nicht verschließen. Ein Loblied auf den Narrativ.

Kürzlich saß in ich London in einer Diskussionsrunde zum Thema „Der Arabische Frühling und der Journalismus“. Um das Thema an sich soll es hier gar nicht gehen, dazu können andere deutlich intelligenter schreiben: Zeynep Tufekci, Andy Carvin, Mona Eltahawy oder die exzellenten Schreiber vom Nieman Lab. Was mich hier interessiert, ist eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Schwergewichten des britischen Journalismus. Es geht um die Frage, wie wir die Welt erklärbar machen.

„Es ist schwer, einen klaren Erzählfaden aus den Entwicklungen im arabischen Raum heraus zu destillieren“, erklärte Brian Whitaker, ehemaliger Ressortleiter Nahost des „Guardian“ und Betreiber der Politikseite Al Bab. Von der Seite kam ein müdes Lachen: „Wir können die Welt nicht immer in Geschichten verpacken.“ Die Stimme dazu gehörte Roger Hardy, seines Zeichens BBC-Veteran mit jahrzehntelanger Erfahrung im Nahen Osten. Gemeinsam können die beiden auf mehr als 50 Jahre Betriebserfahrung im Epizentrum des Journalismus verweisen. Hinter den beiden Aussagen steht jedoch mehr als der kollegiale Disput zwischen zwei Journalisten oder zwei Medienhäusern. Es geht grundsätzlich um die Frage, welche Auffassung von Berichterstattung wir vertreten.

Wahrheit oder Pflicht?

Auf der einen Seite der Debatte steht die Auffassung, dass der Journalismus ein Spiegelbild der Realität abbildet und sie verstärkergleich einer größeren Öffentlichkeit zugänglich macht. Es gelten das Diktat der Fakten und der Grundsatz der Objektivität. Die Aufgabe des Journalisten ist es, diese Fakten zu finden, zu verifizieren und zu publizieren – und all das „without fear or favor“ als externer und relativ emotionsloser Beobachter – ein Technokrat der Informationsgesellschaft; Dienst nach Vorschrift. Die BBC sieht sich auch heute noch stark in dieser Tradition.

Auf der anderen Seite stehen viele Blogger, neue journalistische Projekte und zumindest teilweise auch eine Zeitung wie der „Guardian“. Auch in diesem Lager sind Fakten und Objektivität tonangebend. Doch der Journalist ist hier nicht notwendigerweise ein externer Beobachter. Seine Aufgabe ist weniger das stupide Weitergeben verifizierter Fakten als vielmehr die Kuratierung eines entstehenden Narrativs. Dieser Typus des Journalisten will die Welt erklärbar machen, analysierend eingreifen, ordnen und selektieren. „Objektivität“ bedeutet in diesem Kontext also weniger unbedingte Neutralität als vielmehr das Bekenntnis, jede Information auf ihren objektiven Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

Der News Blog des Guardian ist ein hervorragendes Beispiel für eine neue Form des Erzähljournalismus, Projekte wie Storify sind ein anderes. Beiden gemeinsam sind mindestens vier Punkte:

1. Aktive Einbindung sozialer Medien. Wer die Grundsätze des „Storytelling“ akzeptiert, hat es leichter, sich dem Informationsdschungel der sozialen Netzwerke zu öffnen. Viele Informationen sind nur schwer verifizierbar, ein direkter Kontakt zur Quelle findet selten statt. Wichtig für die Geschichte sind die Informationen trotzdem, vor allem in Umgebungen, in denen klassische Medien von Zensur bedroht sind.
2. Geschichten sind niemals abgeschlossen. Jede Entwicklung kreiert neue Realitäten und bedingt weitere Prozesse. Der stakkatohafte Rhythmus von Agenturmeldungen wird ersetzt durch Geschichten, die im besten Sinne „unfertig“ sind: Ihr Merkmal ist das permanent Provisorische. Der Fokus liegt weniger auf dem Endprodukt als auf dem Entstehungsprozess.
3. Informationen sind Wertungen. Jede Einbindung reflektiert die Entscheidung des kuratierenden Redakteurs, dass der entsprechende Informationshappen wichtig sei. Gerade weil die Verifizierung von Informationen aus dem Netz problematisch sein kann, gewinnt die einordnende Meinung des Journalisten an Bedeutung. Transparenz ist King: Wenn ein Journalist Zweifel an einer Quelle hat, wird dies offengelegt. Korrekturen erfolgen in Echtzeit, das Informationsspektrum verändert sich mit der Faktenlage.
4. Öffnung nach außen. Die journalistische Hintergrundarbeit wird ergänzt durch die Kommunikation mit den eigenen Lesern. Als kollektive Schlusskorrektur, additive Informationsquelle und Hiwi-Rechercheure erfüllen die Leser eine Dreifachfunktion für den Journalismus.

Entschlossen gen Zukunft

Wir können lange darüber streiten, welche Vor- und Nachteile eine solche Herangehensweise bietet und an welchen Stellen etablierte journalistische Standards unter die Räder zu geraten drohen. Aus zwei Gründen blicke ich solchen Debatten jedoch relativ gelassen entgegen:

Unter dem Strich überwiegt das Positive. Ich habe den Eindruck, dass sich die journalistische Skepsis gegenüber sozialer Medien oftmals weniger auf der mangelnden Verifizierbarkeit begründet als vielmehr auf der Tatsache, dass Twitter und Facebook Herrschaftswissen tendenziell untergraben. Für eine Profession, die sich an Exklusivität und Insiderwissen gerne ergötzt, ist das nicht immer leicht zu verkraften. Es ist vielleicht gut, sich in Erinnerung zu rufen, worin historisch der größte Vorteil professioneller Journalisten lag: nicht im Informations- oder Intelligenzvorsprung, sondern im infrastrukturellen Unterbau aus Druckerei und Distributionsmaschinerie. Doch diese Parameter verschieben sich immer mehr.

Zweitens klingt es zwar nett, auf die unbedingte Trennung von Journalist (als Person) und Journalismus (als Produkt) zu pochen, realistisch ist es jedoch nicht. Wir verstehen die Welt durch Geschichten: Wir denken in Anekdoten, Episoden, Gesprächen. Wir suchen nach Narrativen, um Ordnung in unsere Gedanken zu bringen und die Komplexität beherrschbar zu machen. Jeder Informationshappen ist ein Puzzleteil dafür. Es lohnt sich, dies auch in der Berichterstattung explizit zu machen. Wer, Was, Wann, Wo und Wie? – Hinter diesen unschuldig anmutenden fünf Fragen steckt bereits eine erste Geschichte mit Konfliktpotenzial.

Die Frage ist also weniger, ob wir Geschichten erzählen wollen – wir können oftmals gar nicht anders. Die Frage ist vielmehr, welche Geschichten gute Geschichten sind, kritisch fragen, Mehrwert liefern und zum Weiterdenken anregen. Wie unterscheidet sich gutes Erzählen vom Fabulieren? Wo liegt die Wahrheit, wo die Moral? Was ist schnöder Bahnhofsliteratur-Journalismus, was ist große Prosa? Sicher ist: Der klassische Journalismus besitzt kein Monopol auf Qualität.

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