Monster gesucht

von Martin Eiermann2.11.2014Gesellschaft & Kultur

Das japanische Ungeheuer „Godzilla“ antizipierte einst die Ängste und die Logik eines ganzen Jahrhunderts. Wer könnte in seine Fußstapfen treten?

Ein Filmarchiv in New York hat zur ­Re­tro­spektive geladen. Während in den Kinos der neueste einer ganzen Reihe von „Godzilla“-Filmen läuft, wird hier das japanische Original aus dem Jahr 1954 gezeigt. Gojira – wortwörtlich: der „Gorilla-Wal“ – bläst seinen radioaktiven Atem in die Welt und zieht eine Schneise der Zerstörung hinter sich her. Mit ­konventionellen Waffen ist dem Monster aus dem Meer nicht beizukommen. Neun Jahre nach Hiroshima und Nagasaki lieferte Regisseur Ishirô Honda einen kaum verhüllten Kommentar zu der Zerstörung des Zweiten Weltkrieges und der ungeheuerlichen Kraft atomarer Waffen. Der Film wurde, wenig überraschend, ursprünglich ins Horror- und nicht ins Action-Genre eingeordnet.

Als Spiegel ihrer Zeit haben viele ­Klassiker der Filmgeschichte gedient: Nirgendwo kommt der Freiheitsdrang der 1960er-Jahre besser zur Geltung als in „Easy Rider“, kaum ein Kulturprodukt eignet sich besser als zeitgenössisches „Symbol einer Frustration“ (Max Frisch) in der DDR als „Die Legende von Paul und Paula“. Was „Godzilla“ besonders macht, ist etwas anderes: Im Monster Gojira werden die Ängste und Risiken der Zukunft antizipiert. Ein ganzes Jahrzehnt vor Stanley Kubricks „Dr. Seltsam“ zeigte der Film die (Un-)Logik des Kalten Krieges.

In den frühen 1940er-Jahren brachten die beiden ins Exil geflüchteten ­deutschen Sozialwissenschaftler Max Horkheimer und Theodor Adorno ihre Kritik der Aufklärung zu Papier: Im Angesicht zweier Weltkriege und einer globalen Finanzkrise schien das Projekt der Moderne zum Scheitern verurteilt, verreckt am Erfolg der Industrie- und Konsumgesellschaft. Was Horkheimer und Adorno nicht ahnten: Als bestimmendes Paradigma der Nachkriegsordnung hatte die Industrialisierung ausgedient.

Zwei Weltkriege waren mit industriellem Eifer geplant und geführt worden, zwei Mal hatte der Mensch die ­dunkelsten Seiten industrieller Produktion und Vernichtung ausgelebt. Die Welt nach ­Hiroshima war eine andere: Massenmord durch Hochtechnologie, fragiler Friede durch gegenseitige Abschreckung.

In Godzilla sind es die Küstenfischer, die sich an alte Sagen erinnern und als Erste vor dem Monster warnen. Das einzig funktionierende Frühwarnsystem ist vormodernes, scheinbar antiquiertes ­Wissen. Politiker und Wissenschaftler sind erst ­ahnungs- und dann machtlos. Nur mit einer ebenfalls ungeheuerlichen Waffe ist dem Monster beizukommen. Ihre Zerstörungskraft ist so schrecklich, dass ihr Erfinder es vorzieht, nach einmaliger ­Anwendung mit ihr ins Grab zu gehen.

Das Überleben wird erkauft mit der Eskalation des Risikos. Der Mensch ­erschafft eine Realität, die er nicht mehr kontrollieren kann. Mit dem Fall der ­Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs schien einige Jahre lang auch die ­globale, menschengemachte Gefahr gebannt. Dann kamen der 11. September, der Kollaps von Lehman Brothers und der ­Klimawandel.

Wenn man heute einen Film über ­Gegenwart und Zukunft des 21. Jahrhunderts drehen wollte, worum ginge es darin? Was wäre das Monster, das uns um den Schlaf und die Politik um den Verstand brächte?

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