Das ist nun mal die Frage des Glaubens und daran kann man auch nichts ändern. Manne Dumke

Und alle so: Yeah!

Es ist en vogue, gegen den Kapitalismus zu wettern. Die Medien tun dies gerade ausführlich und konsequent. Und nächste Woche? Die Karawane zieht weiter, das System hält durch.

Vorige Woche war in den deutschen Medien Kapitalismuskritik angesagt. Frank Schirrmacher hatte in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vorgelegt; die Meute folgte mit ein paar Tagen Verspätung wie auf Bestellung. Jakob Augstein schreibt vom sozialen Fukushima des Westens, Georg Dietz sorgt sich um die Idee der Stadt als Ort sozialer Interaktion. Und angesichts der Berliner Brandstiftungen wird prophylaktisch schon einmal der ganz große Argumentationsbogen gespannt: Stehen auch wir vor der Kernschmelze des sozialen Gefüges, am spätkapitalistischen Abgrund, am Ende des politischen „Weiter so“ und dem Beginn einer krawalltriefenden Revolution von unten?

Die wilde Meute lebt

Jon Stewart ist ein lustiger Mann, seine bissigen Kommentare zur Lage der Vereinigten Staaten treffen oftmals ins Schwarze. Ebenfalls vorige Woche kommentierte er die Berichterstattung der US-Medien zur Kandidatenkür der Republikaner mit der Metapher einer Hundemeute: Jedes Zucken, jeder geworfene Stock, jeder rollende Ball sorgt für instinktives Ohrenspitzen, Losrennen und Apportieren. Im Zickzackkurs geht es über die Wiese, wenn ein Hype den nächsten jagt. Am Ende steht vielleicht ein Leckerli.

Wenn man sich die Kapitalismuskritik hierzulande ansieht, mag man glauben, wir seien ebenfalls eine Meute von Rottweilern und Dackeln. Die einen beißen wild drauflos, die anderen rennen kläffend hinterher und schauen, ob nicht auch irgendetwas für sie abfallen könnte. Wer weiß, wie lange die Stimmung anhält und es sich gut leben lässt von linkem Gedankengut. Mit Kapitalismuskritik „liegt man in diesen Tagen immer richtig, mit diesem Bekenntnis segelt man anstandslos durch jede Debatte“, schrieb der konservative Überzeugungstäter Jan Fleischhauer gestern auf SPON. Besser jetzt feste druffhauen, solange es noch schön rumort.

Es ist leicht, sich nun auf das moralische Ross zu schwingen und zu sagen: „Ihr armen Irren, endlich habt auch ihr das Licht gesehen. Hat euch die Linke nicht schon immer gesagt, dass der Kapitalismus entmenschlicht und die Politik korrumpiert ist? Warum muss es erst fünf vor zwölf sein, bevor euch die bürgerlichen Scheuklappen von den Augen fallen und die bestehenden Narrative in sich zusammenbrechen?“ Doch zum einen sind linke Überzeugungen kein Zertifikat sozialpolitischen Hellsehertums – wie oft ist uns die Weltrevolution schon versprochen worden? – und zum anderen ist es beileibe nicht fünf vor zwölf. Schirrmacher schreibt:

„Das komplette Drama der Selbstdesillusionierung des bürgerlichen Denkens spielt sich gerade in England ab. In einem der meistdiskutierten Kommentare der letzten Wochen schrieb dort Charles Moore: ,Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis ich mir als Journalist diese Frage stelle, aber in dieser Woche spüre ich, dass ich sie stellen muss: Hat die Linke nicht am Ende recht?‘“

Fünf vor zwölf?

Wenn die Linke „am Ende“ recht hat, dann bestimmt nicht, weil jetzt in London Häuser brennen und in Athen den Menschen die Lebensgrundlage wegrationalisiert wird. Es geht den Menschen in Tottenham oder in den Banlieues von Paris heute nicht objektiv schlechter als letztes oder vorletztes Jahr. In den USA öffnet sich die soziale Schere seit Jahrzehnten immer mehr. Über achtzig Prozent des Reichtums sind inzwischen auf zwanzig Prozent der Bevölkerung konzentriert. Die verkrusteten parlamentarischen Strukturen und die Technokratisierung der Politik, die in Stuttgart Menschen auf die Straße getrieben haben (und bei Europawahlen zuverlässig dafür sorgen, dass sich niemand aus dem Haus wagt), sind keine Neuerfindung des 21. Jahrhunderts. Und auch die Abgründe finanzwirtschaftlichen Spekulantentums sind bekannt, seit der Wirtschaftsnobelpreisträger James Tobin 1972 eine Steuer auf hochfrequente Transaktionen vorschlug.

Wenn wir uns jetzt im „Fünf vor zwölf“-Affekt auf den Kapitalismus stürzen, dann ist das also aus zwei Gründen problematisch: Zum einen, weil alle zugrunde liegenden Entwicklungen schon zumindest seit den 1970er-Jahren ihren Lauf nehmen. Zum anderen, weil daraus keinesfalls der Kollaps der bestehenden Ordnung abgeleitet werden kann. Die Pervertierung des Systems ist lange bekannt und noch länger manifest – wenn der Umbruch so einfach wäre, er wäre schon längst geschehen. Und wenn dies wirklich eine existenzielle „Krise des Westens“ (Georg Dietz) ist, dann haben wir bereits über Jahrzehnte hinweg gut in der Dauerkrise leben können und erfolgreich diejenigen ignoriert, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Und jetzt?

Wenn dieses Weghören und Wegsehen jetzt sogar in eher konservativ geprägten Medienkreisen ein Ende hat, ist das erst einmal eine gute Sache. Weniger gut ist es, wenn stattdessen hyperventiliert wird. Irgendwie sind wir alle der Meinung, dass ein „Weiter so“ keine gute Option ist. Doch auch Herr Schirrmacher hisst nicht plötzlich die Piratenflagge über dem Verlagsgebäude oder summt zum Einschlafen die Internationale vor sich hin. Unsere Visionen dafür, wie eine bessere Gesellschaft auszusehen habe – und die konkreten Schritte, mit denen wir uns in Richtung dieser Visionen bewegen – dürften weiterhin für Streit sorgen. Sechzig Jahre kapitalistischer Litaneien verschwinden nicht einfach über Nacht aus dem Gedächtnis der Nachkriegsgeneration, nur weil jetzt in Übersee die Jugend auf die Straße geht oder Griechenland nach Unterstützung ruft.

„Sie streiten sich, so heißt’s, um Freiheitsrechte! Genau besehen, sind’s Knechte gegen Knechte.“ (Goethe) Soll hier heißen: Es ist ein weiter Weg von der instinktiven Kapitalismuskritik der Medien zu einer Politik, die nachhaltige Veränderungen zu verankern weiß und Bestand hat, selbst wenn der Salon sich wieder anderen Themen verschreibt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Eiermann: Politische Partizipation in den USA ist ein Minderheitenphänomen

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