Das Ende der Unschuld

von Martin Eiermann4.08.2013Gesellschaft & Kultur

Zwanzig Jahre lang haben wir an eine bessere Zukunft im Netz geglaubt. Doch seit diesem Sommer ist es vorbei mit der Unschuld.

Jean Paul Getty war gerade einmal 24 Jahre alt, als er seine erste Million in der Tasche hatte. Der Sohn eines Petroleumhändlers aus dem Mittleren Westen der USA machte sich in der boomenden Öl-Branche des frühen 20. Jahrhunderts schnell einen Namen. Im Jahr 1966 wurde Getty vom Guinness Book of World Records offiziell zum reichsten Mann der Erde gekürt.

Doch Öl bedeutete mehr als bloß Reichtum: Das schwarze Gold veränderte Wirtschaft und Gesellschaft innerhalb weniger Jahrzehnte von Grund auf. Öl lieferte den Treibstoff für Fabriken, Autos und Träume industrieller Dominanz. Ein Blick auf der Werbeposter der Auto-Industrie der 1950er- und 1960er-Jahre genügt, um eine Vorstellung des herrschenden Optimismus zu erhalten. In den USA beschloss der Kongress damals per Gesetz den Bau eines landesweiten Schnellstraßennetzes, in Deutschland wurde – dem Wirtschaftswunder sei Dank – das Familienauto zum allgegenwärtigen Statussymbol. Jedes aus dem Boden geförderte Fass Rohöl war ein Schritt in eine scheinbar bessere Zukunft.

Dann kam die Ölkrise der 70er-Jahre, die Umweltbewegung der 80er-Jahre und die Vorboten der heutigen Klima-Diskussion in den 90er-Jahren. Die Ölkrise machte endgültig deutlich, dass der Zugang zu Ressourcen immer auch ein Politikum ist. Öl bedeutet nicht nur Geld, sondern auch Macht. Gleichzeitig rückten Umweltaktivisten und erste wissenschaftlichen Studien zum Zusammenhang zwischen Emissionen und Klima die Konsequenzen des Konsums in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit. Öl bedeutet nicht nur Wohlstand, sondern auch Altlasten. Jahrzehntelang hatte das schwarze Gold die Weltgeschichte dominiert und Zukunftsfantasien befeuert – und auf einmal war es vorbei mit der Unschuld.

Zwei Jahrzehnte Fortschrittsfanatismus

Spulen wir zwei Jahrzehnte vor. In den 70er-Jahren wurden die ersten TCP/IP-Protokolle entwickelt, die heute immer noch die Basis für die Kommunikation im Internet bilden. Die erste HTTP-Verbindung kam 1989 zustande, die erste kommerzielle Nutzung des Netzes folgte zwei Jahre später. „Big Data“ ist längst dabei, Öl als wichtigste globale Ressource abzulösen. Die materielle und informationelle Infrastruktur des Netzes ist in vielerlei Hinsicht wichtiger geworden als interkontinentale Pipelines, Bahnlinien und Schifffahrtskanäle. Und ebenso, wie die Jahre des frühen 20. Jahrhunderts vom Fortschrittsdenken und vom Glauben an die weltverändernde Macht des Öls geprägt waren, so sind die vergangenen Jahre dominiert worden vom Glauben an die Macht des Netzes und an die Vorteile der Digitalisierung.

Die Revolutionäre der ersten Stunde nennen sich heute „digital natives“; viele von ihnen sind mit den Quietschtönen der Modems erwachsen geworden. Und wie jede revolutionäre Vorhut haben sie dem Wandel ihr Siegel aufgedrückt: Die Bolschewiken stürmten den Winterpalast in St. Petersburg, J. Paul Getty entthronte die Fabrikbesitzer des 19. Jahrhunderts mit seinem Rohstoffimperium, Jeff Bezos blies mit Amazon zum Sturm auf den Buchhandel. Die breite Masse zeigte deutlich weniger Sturm und Drang: Für die meisten Nutzer ist das revolutionäre Potenzial neuer Ideen und neuer Geschäftsmodelle weniger wichtig als eine einfache Bedienung und konkrete Vorteile im Alltag. Anders ausgedrückt: Neue Technologien sind attraktiv für den Massenmarkt, wenn sie sich als harmlos verkaufen lassen. Mehr Freunde durch soziale Netzwerke? Klar, ich bin dabei! Weniger Papierkram durch Online-Banking? Her damit! Einkaufen, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen? Perfekt!

Im frühen 20. Jahrhundert kündete das Öl von einer besseren Zukunft, heute liefert die Digitalisierung ein ähnliches Versprechen. “Kevin Kelly , Gründungsredakteur der Zeitschrift „Wired“, sagt dazu: „Ich bin überzeugt, dass die Auswirkungen [der Digitalisierung] insgesamt positiv sein werden. Mehr brauchen wir nicht: etwas mehr positive Konsequenzen als negative. Das ist die Definition von Fortschritt.“ Und so schien es für einen Großteil der vergangenen zwanzig Jahre nur natürlich, immer mehr Informationen zu teilen und offener zu kommunizieren. Kritische Stimmen wie Evgeny Morozov oder Jaron Lanier hatten schnell eine Reputation als renitente Eigenbrötler oder konzentrierten sich, wie Nicholas Carr , auf die psychologischen und neurologischen Konsequenzen der Digitalisierung. So groß war das Gefühl der Unschuld, dass das am häufigsten benutzte Passwort des Jahres 2012 ganz einfach _passwort_ lautete (gefolgt von _123456_). Selten waren wir bereit, über Technologie als Macht zu sprechen.

Es ist vor diesem Hintergrund verlockend, die Geschichte des Internets als die Geschichte eines Sündenfalls zu erzählen: Als die Geschichte eines offenen Netzwerks, dass zu einer Ansammlung geschlossener Räume verkommt; als Prozess der schleichenden Kommerzialisierung und der zunehmenden Ausbeutung von personenbezogenen Daten durch Unternehmen und Regierungen. Doch diese Erzählung krankt an einem zentralen Missverständnis: Eine revolutionäre, einflussreiche Technologie ist notwendigerweise ein Machtinstrument – und die Hoffnung auf ein offenes Netz ohne einflussreiche Eigeninteressen und ungewollte Konsequenzen ist dementsprechend illusorisch. Digitale Technologien liefern nicht nur den Grundstein für E-Commerce und soziale Netzwerke, sondern auch für neue Machtverhältnisse und neue Formen der Machtausübung.

Jedes über das Netz versendete Informationspaket ist Teil dieser digitalen Machtverhältnisse. Es verändert die informationelle Landschaft, lässt neue Geschäftsmodelle profitabel werden, vergrößert digitale Datenberge und hinterlässt seine Spuren in gesellschaftlichen Diskursen zu Privatsphäre und Transparenz. Wer Daten teilt oder sammelt, übt Einfluss aus, schafft neue Verbindungen und neue Abhängigkeiten. Macht ist destruktiv, Macht ist produktiv, Macht wird von jedem von uns produziert und macht sich für jeden von uns bemerkbar. (Lust auf mehr Foucault? Kein Problem, einfach hier g klicken.)

Das Problem der Technik-Optimisten ist daher nicht der Mangel an empirischen Belegen für die Theorie des digitalen Fortschritts (empirisch hat Kevin Kelly recht: viele Dinge lassen sich online besser/effektiver/schneller organisieren als offline), sondern die konzeptionelle Blindheit in Bezug auf neue Machtverhältnisse. Oder, anders gesagt: der instinktive Glauben an die Unschuld neuer Technologien.

Alles wahrhaft Böse wird aus der Unschuld geboren

Diese Blindheit ist ein Problem. Ernest Hemingway bringt es in „Ein Fest fürs Leben“ auf den Punkt: „Alles wahrhaft Böse wird aus der Unschuld geboren.“ In den vergangenen zwei Monaten hat sich diese These auf überraschend drastische Weise bestätigt: Wir wissen heute, dass Sicherheitsdienste ohne richterliche Anordnung auf E-Mail-Metadaten, soziale Netzwerke und Browser-Chroniken zugreifen können ; dass landesspezifische Datenschutz-Gesetze wenig Sicherheit bieten, wenn Sicherheitsdienste international kooperieren ; dass Firmen wie Google und Microsoft durch geheime Erlasse zur Weitergabe von Nutzerdaten verpflichtet sind; dass selbst verschlüsselte Kommunikation mitgelesen werden kann . Wer an dieser Stelle abwinkt und gähnend anmerkt, dass man das sowieso alles vermutet habe, hat natürlich teilweise recht: Überraschend ist nicht die Existenz von Programmen wie PRISM und XKEYSCORE, sondern höchstens ihr Ausmaß. Der Grund dafür ist allerdings nicht, dass Regierungen notwendigerweise böse sind oder Böses im Schilde führen, sondern dass ein Internet ohne Spionage ganz einfach unvorstellbar ist.

Es bedurfte mehrerer Jahrzehnte des exponentiell ansteigenden Ölverbrauchs, bis der Rohstoff in der breiten Öffentlichkeit problematisiert wurde, bis wir also bereit waren, über das Fortschrittsversprechen hinaus zu blicken und über die ungewollten Konsequenzen von Mobilität und Wohlstand zu sprechen. Öl ist Wachstumsmotor, Treibstoff, Grundlage ganzer Industriezweige – aber auch Machtinstrument und Emissionsquelle. Wer an einer klaren Rollenverteilung von Gut und Böse interessiert ist, sollte Märchen lesen und keine Zeitungen. Heute erleben wir eine ähnliche Problematisierung digitaler Technologien nach zwei Jahrzehnten der rapide fortschreitenden Digitalisierung. Der vielleicht wichtigste Effekt der von Edward Snowden angestoßenen Enthüllungen ist das durch sie hervorgerufene Ende des Zeitalters der digitalen Unschuld. Die Essenz in drei Worten: Technologien sind Macht.

Wie so oft ist es die Satire, die den neuen Zeitgeist zuerst und treffend auf den Punkt bringt: „Verschwörungstheoretiker glaubt, von niemandem überwacht zu werden“, schreibt der Postillon l und wir lachen angesichts des Wahrheitsgehalts solcher Aussagen leicht gequält.

Die Abhängigkeit der Gesellschaft von Öl und Informationen macht diese Diskussionen nicht einfacher: Ein Rückzug in die analoge Zeit – goodbye Facebook, goodbye Gmail – ist genauso wenig eine Option wie ein Hauruck-Verbot von Öl, Kohle und Gas. Doch das ist auch gar nicht notwendig: Wer Technologie als Machtinstrument sieht, muss keine binäre Dafür/Dagegen-Entscheidung treffen, sondern kann die Gretchenfrage der Politik stellen: Wessen Interessen sollten unser Handeln und unsere Gesetze bestimmen? Welche Strukturen und Kontrollmechanismen sind notwendig, um Machtmonopole zu verhindern? Sicher ist: Die unschuldige Beteuerung, dass die Digitalisierung uns notwendigerweise in eine bessere Zukunft führt, spielt lediglich in die Hände derjenigen, die sich ihrer Macht bewusst sind und schon lange an einer Zukunft basteln, die mit Sicherheit revolutionär anders, aber mitnichten besser ist.

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