Jahrhundertwenden

von Martin Eiermann25.06.2013Gesellschaft & Kultur

Was die Proteste in Brasilien und Griechenland uns über das 21. Jahrhundert lehren.

Das 20. Jahrhundert war ein kurzes: Geboren in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs 1914 und zu Grabe getragen mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und der Sowjetunion 1991 – die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts ist vor allem eine Geschichte dieser siebeneinhalb Jahrzehnte. Im Vergleich dazu, so schrieb einst der einflussreiche und kürzlich verstorbene britische Historiker Eric Hobsbawm, sei das 19. Jahrhundert erstaunlich lang gewesen: vom Ausbruch der Französischen Revolution 1789 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs.

Historiker suchen Halt nicht im Rhythmus des Kalenders, sondern in geschichtsträchtigen Entwicklungen. In Ereignissen, die epochale Veränderungen einläuten und den stetigen Fluss der Geschichte zumindest in der Rückschau zu strukturieren scheinen. Unser gregorianischer Kalender basiert selbst auf einem solchen Ereignis: der Geburt eines Tischlersohnes, dessen Erbe die Geschichte der Welt seit mittlerweile zwei Jahrtausenden prägt.

Gemessen am Standard der Geschichtsträchtigkeit hat das 21. Jahrhundert fast pünktlich begonnen: am 11. September 2001. Dabei schien mit dem Ende des Kalten Krieges das “Ende der Geschichte”:http://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Geschichte eigentlich in greifbare Nähe gerückt zu sein: Über den Pockennarben des 20. Jahrhunderts, über den Erinnerungen an totalitaristisches Massenmorden und atomare Abschreckung verheilten mit der Zeit die Narben. Der Triumph des Liberalismus schien spätestens seit 1989 besiegelt. Selbst die wenigen verbleibenden Anomalien – das Castro-Regime in Kuba oder der chinesische Staatskapitalismus – konnten den Optimismus kaum trüben. Mit dem eisernen Vorhang fielen Handelsbarrieren und Zollschranken, als westliche Modellvorstellungen von wirtschaftlicher Entwicklung durch Weltbank, IWF, Coca Cola und die anderen Teilnehmer des Deregulierungskarnevals in die hintersten Winkel des Globus exportiert wurden. In den 1990er-Jahren gab es nur eine Richtung: mit Vollgas zum “Washington Consensus”:http://de.wikipedia.org/wiki/Washington_Consensus.

Dann kam der 11. September. „Der Tag, der die Welt verändert hat“, verkündete die britische Boulevardzeitung „The Sun“ am nächsten Morgen auf der Titelseite. Statt über Liberalisierung wurde plötzlich von Sicherheitspolitik gesprochen. Die Sorgen von konservativen Vordenkern wie Samuel Huntington um einen “Kampf der Kulturen”:http://de.wikipedia.org/wiki/Kampf_der_Kulturen schienen sich zu bestätigen: Huntington hatte schon während der 1990er-Jahre vor überzogenem Optimismus gewarnt und argumentiert, dass auf den Kalten Krieg mitnichten eine Ära des friedvollen Zusammenlebens und des Freihandels folgen müsse. An der Heimatfront wurden Institutionen wie das US-Heimatschutzministerium aus der Taufe gehoben, in Übersee kämpften die Söhne und Töchter des Westens für die scheinbar gerechte Sache. Das neu konzipierte Feldhandbuch der US-Armee zur Bekämpfung von Aufständen lieferte die taktische Beschreibung einer unsicheren Welt, Fernsehserien wie “„Twenty-Four“”:http://de.wikipedia.org/wiki/24_(Fernsehserie) sorgten für das entsprechende kulturelle Echo. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Dreizehn Jahre später wird allerdings deutlich, dass die Angst vor dem Kulturkampf mehr Hype als Realität ist. Der 11. September hat das Selbstbewusstsein der Amerikaner zu Recht erschüttert, doch die epochale Veränderung ist ausgeblieben. Terrorismus ist – glücklicherweise – nicht zum Alltagsphänomen für den allergrößten Teil der Weltbevölkerung geworden. Ein Großteil der terroristischen Bedrohungen seit 2001 lässt sich explizit am Erbe des 11. September und an den militärischen Reaktionen der Amerikaner festmachen, doch eine gefährliche globale Eigendynamik hat sich nicht entwickelt. Die Zahl der jährlichen Terror-Opfer liegt heute niedriger als in den meisten Jahren des 20. und 19. Jahrhunderts. Der Preis der Freiheit misst sich weniger an den von äußeren Feinden gerissenen Wunden als an der Ausweitung exekutiver Macht und staatlicher Überwachung innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Einer der Gründe für die beißende Kritik an den Überwachungspraktiken der Amerikaner und Briten ist, dass sich die ursprünglich zur Legitimation des Datensammeln ins Feld geführten Bedrohungsszenarien kaum bestätigt haben.

Proteste sind an der Tagesordnung

Und dann das: Mitten im Anti-Terror-Krieg im Herbst 2008 kollabiert Lehman Brothers. Es ließen sich auch viele andere Termine als Ausgangspunkte der Finanzkrise herbeizitieren – die staatliche Rettung des US-Hypothekenversicherers Freddie Mac oder die Bekanntgabe des griechischen Staatsdefizits nach der dortigen Wahl 2009 –, aber wichtig ist hier nicht das Ereignis an sich, sondern der Umbruch, den es offenbart. In diesem Fall ist es ein Bruch mit den wirtschaftlichen Paradigmen, mit denen seit 1945 Politik gemacht und Wachstum vorangetrieben wurde.

Wer heute eine x-beliebige Zeitung aufschlägt, wird kaum um die Bilder herumkommen, auf denen Tränengas schießende Hundertschaften auf vermummte Demonstranten treffen. 300.000 Menschen sind vergangene Woche allein in Rio de Janeiro auf die Straße gegangen, um vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 gegen Korruption und Sozialkürzungen zu protestieren. Die Lage muss ernst sein, wenn sogar Brasilianer gegen König Fußball demonstrieren. In Südeuropa sind ähnliche Proteste seit Jahren an der Tagesordnung. In Griechenland, Spanien, Italien und Portugal sind mehrere Regierungen aus dem Amt gekegelt worden oder ringen mit den Folgen der Krise. In Griechenland lässt sich die verbleibende Lebenszeit der Regierungskoalition wohl eher in Wochen als in Monaten bemessen. Und sogar im wohlhabenden Großbritannien bricht die Unzufriedenheit durch: Pläne der liberal-konservativen Cameron-Regierung zu Kürzungen in der Sozial- und Gesundheitspolitik sorgen immer wieder für Demonstrationen in der Londoner Innenstadt. Während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 wurde von den Organisatoren fast schon trotzig ein Loblied auf den „National Health Service“ gesungen – für viele Briten ist „the NHS“ immer noch eine der großen neuzeitlichen Errungenschaften ihres Landes.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind in vielen Ländern der Welt die Erwartungen an Lebens- und Wirtschaftsstandards rasant gestiegen, selbst wenn die Realität oftmals weniger rosig daherkam. Ein Großteil des zusätzlichen Wohlstandes konzentriert sich seit den 1970er-Jahren an der Spitze der Einkommenspyramide – teilweise auf Kosten der Basis. Im Westen sind die Reallöhne der Mittelschicht jahrzehntelang gar nicht oder kaum gestiegen. In Entwicklungs- und Schwellenländern sieht die Situation zwar etwas besser aus – für die Mehrzahl der Menschen haben sich Lebensbedingungen und die wirtschaftliche Situation messbar verbessert –, doch auch dort macht sich die wachsende Ungleichheit bemerkbar: Der Wohlstand der Mittelschicht steigt meist langsamer als die Erwartungen. Es verwundert daher nicht, dass enttäuschte Hoffnungen und neue Sorgen jetzt ihren Ausdruck in Demonstrationen finden. Der BBC-Reporter Paul Mason “schreibt dazu”:http://www.bbc.co.uk/blogs/newsnight/paulmason/2011/02/twenty_reasons_why_its_kicking.html: „Selbst bei starkem Wirtschaftswachstum ist aufgrund der demografischen Entwicklung nicht garantiert, dass die Lebensstandards für die junge Generation schnell genug steigen.“ Die Stabilität eines Regimes wird am ehesten durch eine unzufriedene Mittelschicht untergraben. Enttäuschte Hoffnungen sind der Treibstoff politischer Umbrüche.

Dazu kommt, dass ein Großteil des weltweiten Wirtschaftswachstums seit 1945 nicht durch reales Wachstum, sondern durch Schulden finanziert worden ist. Im 19. und teilweise auch im 20. Jahrhundert konnten volkswirtschaftliche Planer sich darauf verlassen, dass die Produktivität stetig anstieg, dass Binnenkonsum und -produktion wuchsen und man eine stagnierende Wirtschaft im Zweifelsfall durch die Erschließung neuer Märkte im Ausland ankurbeln konnte. Der Imperialismus war vor allem eine Wirtschaftsstrategie. Was aber, wenn die Welt durchglobalisiert ist und Produktivität nicht grenzenlos weiter wachsen kann? Das ist die Situation, in der wir uns heute wiederfinden. Die Antwort lautet seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts: Wachstum kann nicht nur durch reales Geld, sondern auch durch virtuelles Geld – durch Schulden – generiert werden. Schon bevor die letzten Kanonen des Zweiten Weltkriegs verstummt waren, hatten sich die Umrisse dieses neuen Wirtschaftssystems abgezeichnet. Die “Bretton-Woods-Konferenz”:https://de.wikipedia.org/wiki/Bretton-Woods-System legte 1944 den Grundstein für die Virtualisierung der Geldpolitik; das Aufkommen der ersten Kreditkarten in den USA in den frühen 1950er-Jahren virtualisierte den Privatkonsum.

Die Instabilität ist im System selbst verankert

Heute durchleben wir die Konsequenzen dieser Entwicklung: Steigende öffentliche und private Schulden sind der Preis des Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahrzehnte. Die größte Gefahr für die bestehende Ordnung liegt nicht etwa in der Verbreitung des Terrorismus, sondern im sich entwickelnden Widerstand gegen das dominierende wirtschaftspolitische Paradigma. Es ist kein exogener Schock, sondern ein endogener: Die Instabilität ist im System selbst verankert. Bollwerke gegen externe Bedrohungen helfen daher wenig, solange das Fundament von innen heraus bröckelt. Die Automatisierung der Arbeitswelt führt im Idealfall zwar zu weiteren Produktivitätsschüben und einer Senkung der Lohnnebenkosten, doch es ist weiterhin unklar, ob das derzeitige Modell des schuldenfinanzierten Wirtschaftens die nächsten Jahrzehnte überdauern kann. Wenn das Fundament erst einmal bröckelt, sind grundsätzliche Lösungen gefragt.

Der Zusammenfluss von öffentlichen und privaten Schulden hat zur Konsequenz, dass Finanzminister auf der einen Seite die Kürzung sozialstaatlicher Ausgaben mit großen Federstrichen vorantreiben, dass aber auf der anderen Seite der hohe Grad der Privatverschuldung eine Privatisierung der Sozialvorsorge effektiv verhindert – in “Brasilien”:http://www.ibtimes.com/brazil-shows-how-too-much-consumer-debt-can-threaten-economy-723428 genauso wie in “Spanien”:http://blogs.wsj.com/marketbeat/2012/03/23/spains-critical-issue-is-its-private-debt/ oder “Griechenland”:http://www.oecd-ilibrary.org/sites/factbook-2013-en/03/03/02/index.html?contentType=&itemId=/content/chapter/factbook-2013-28-en&containerItemId=/content/serial/18147364&accessItemIds=&mimeType=text/html.

Die Talsohle ist dabei noch nicht erreicht: In einigen der Länder mit der höchsten Staatsverschuldung liegt die Schuldenlast der Privathaushalte glücklicherweise relativ niedrig. Private Vorsorge kann dort die staatlichen Kürzungen zumindest in Teilen abfedern. Was aber passiert, wenn die Budgetkürzungen beispielsweise in den USA im kommenden Jahrzehnt wie geplant umgesetzt werden? Schon heute liegt die Pro-Kopf-Privatverschuldung in den USA durch Hypotheken und Bildungsdarlehen so hoch wie in kaum einem anderen Land.

Die schwächsten Glieder der Kette brechen zuerst: Diejenigen, für die der Sozialstaat eine existenzielle Absicherung darstellt. Dann kommt die Mittelschicht, die erkennen muss, dass durch permanente Wachstumsversprechen geweckte Erwartungen nicht mehr finanzierbar und damit auch nicht realisierbar sind. An der Spitze der Pyramide mag weiterhin Entspannung herrschen, doch der Gesellschaftsvertrag ist damit aufgekündigt. Die sinkende Wertschätzung vieler Menschen für repräsentative Politik fußt dabei weniger auf dem angeblichen Graben zwischen „uns hier unten“ und „denen da oben“ als auf der Behauptung der Regierenden, dass die derzeitige Krise durch parlamentarische Kurzkorrekturen zu meistern sei und kein grundsätzliches Umdenken erfordere. Der parteipolitische Zwangsoptimismus reibt sich in vielen Ländern an der Realität. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen den Status quo als unfair und sich selbst als machtlos wahrnehmen. Kein Wunder, dass der Wutbürger sich über Landesgrenzen und über Ozeane in immer neuen Kontexten offenbart.

Die Parolen der Demonstranten in Rio, Athen oder Madrid – gegen Korruption, gegen Entscheidungsfindung ohne Bürgerbeteiligung, gegen Sozialabbau – zeigen, dass Globalisierung des Kapitals immer auch die Globalisierung der Krise nach sich zieht: Weltweit schwindet das Vertrauen, dass Politik alte Grundsätze über Bord werfen und neue Antworten finden kann. Die Krise der letzten fünf Jahre ist daher auch kaum noch als „Wirtschaftskrise“ zu beschreiben: Was als kollabierende Hypothekenblase begann, ist schon lange zu einer politischen und sozialen Krise geworden – zu einem epochalen Event.

Und damit zurück zur Geschichte des 21. Jahrhunderts. Vergessen wir die gebetsmühlenartigen Warnungen vor dem Terrorismus: Die Jahre zwischen 2001 und 2008 waren nicht die Vorboten eines jahrzehnte- oder jahrhundertelangen Kulturkampfes, sondern ein historisches Intermezzo. Lediglich in der Rückschau wird deutlich, welche Entwicklung unsere Zeit wirklich nachhaltig prägt: Es ist nicht die Bedrohung der Freiheit durch den Terrorismus, sondern die Bedrohung der Gemeinschaft durch prekäre wirtschaftliche Realitäten. Die Geschichte des 21. Jahrhunderts beginnt nicht mit dem Kollaps zweier Hochhäuser, sondern mit dem Kollaps einer Investmentbank.

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