Die Pilzköpfe

von Martin Eiermann7.06.2013Gesellschaft & Kultur

Die meisten spontanen und lokalen Demonstrationen sind weder spontan noch lokal.

Das Offensichtliche vorweg: Natürlich ist die Türkei ein Sonderfall. Der türkische Dissident hat andere Sorgen als der ägyptische Aktivist oder der deutsche APOler. Taksim ist nicht Tahrir und auch nicht Stuttgart21. Je buchstäblicher ein Vergleich angegangen wird, desto mehr hinkt er.

Aber es soll hier auch gar nicht um Vergleiche gehen, sondern um Parallelen und Netzwerke – und ganz zentral um die Frage, warum sich eigentlich die Bilder aus Kairo, Athen, Istanbul und auch aus New York trotz der offensichtlichen Unterschiede so stark ähneln: Überall sind es junge Menschen, die sich mit Guy-Fawkes-Masken gegen uniformierte Hundertschaften stellen, die sich zu spontanen Versammlungen zurückziehen, die sich mit Smartphones, Transparenten und Hashtags bewaffnet gegen die Staatsgewalt zur Wehr setzen und die Gegenöffentlichkeit auf der Straße und im Netz vorantreiben.

Die Grundbausteine des Protests sind digitalisiert

Der sicherlich einfachste Erklärungsansatz ist ein infrastruktureller: das Netz drückt den Protesten seine Unterschrift auf. Digitale Technologien kennen – anders als klassische Formen der Organisation und Mund-zu-Mund-Propaganda – keine Stadt- oder Landesgrenzen. Wenn Demonstranten in Kairo und Istanbul auf die gleichen Plattformen zurückgreifen, dann überrascht es nicht, dass sich zumindest die digitale Infrastruktur der Proteste ähnelt. “harassmap.org / (aus Ägypten) und occupygezimap.com / (aus der Türkei) bauen auf der gleichen Technologie auf: der Verbindung digitaler Landkarten mit Geodaten und Sekundärinformationen. Facebook und Twitter sind als Kommunikationsplattformen inzwischen so weit verbreitet, dass sie als Alleinstellungsmerkmale eines Protests sowieso versagen. Die kommunikativen und infrastrukturellen Grundbausteine sozialer Bewegungen sind digitalisiert und demokratisiert: Die Nutzung steht jedem frei, der über eine halbwegs stabile Datenleitung, und rudimentäres Wissen verfügt (die US-Soziologin Zeynep Tufekci hat dazu einen lesenswerten Blogbeitrag 5 verfasst). Simplistische Vergleiche à la „Tahrir 2.0“ sind der verlockende und irreführende Trugschluss dieser Entwicklung. Weiter führen sie uns kaum.

Der zweite Erklärungsansatz ist ein symbolischer: Das Campieren in einem öffentlichen Park, der #occupy-Hashtag und die Vermummung mit Guy-Fawkes-Maske sind längst zu Symbolen für eine neue Generation von Aktivisten geworden, welche die Anti-WTO-Proteste der 90er-Jahre wahrscheinlich nur noch aus Erzählungen der alten Garde kennen. Genauso wie McDonald’s und Coca Cola als Sinnbild für die „soft power“ des Kulturhegemons USA herhalten müssen, so ist Guy Fawkes längst zum Symbol der selbstbewusst Unangepassten geworden, zum Che-Guevara-Poster des frühen 21. Jahrhunderts. Kein Wunder, dass Saudi-Arabien den Import der Masken inzwischen verboten hat . Eine Maske, die „eine Kultur der Gewalt“ (O-Ton aus Riad) heraufbeschwören kann … was sonst kann ein Symbol erreichen? Nur über die Proteste selbst lernen wir dadurch weiterhin wenig.

Und damit zum dritten Erklärungsansatz. Alle signifikanten Protestbewegungen der vergangenen Jahre – in Ägypten, in Athen, in Tunesien, und kurzzeitig auch in Spanien und in den USA – haben Leute auf die Straße getrieben, die sich am Tag zuvor wahrscheinlich nicht hätten träumen lassen, dass sie sich bald das Tränengas aus den Augen waschen würden. Ohne diese Demonstranten wäre jede einzelne Bewegung ärmlich verkümmert. _Numbers matter_, so einfach ist das: Für die mediale Außendarstellung genauso wie für das Kräftemessen mit der Ordnungsmacht. Doch in jedem einzelnen Fall gab es auch Gruppen, die schon am Organisieren und am Planen waren, als die Polizei noch artig Streife fuhr und Taschendiebe festnahm. Und diese Gruppen reden miteinander.

Von Ägypten in die ganze Welt

Zwei Beispiele: Die Revolution in Ägypten war noch im vollen Gange, als Leitfäden der „Bewegung 6. April“ schon übersetzt und als PDF durch das Netz zirkulierten. Zu finden war darin das kleine Einmaleins der Graswurzelrevolution: Wie schütze ich mich gegen Tränengas (Mundschutz in Zitronensaft oder Essig tränken), wie schaffe ich Viralität (sich früh auf einen Hashtag einigen und diesen gezielt an wichtige Multiplikatoren schicken), wie suche ich am besten nach vermissten Demonstranten (Online-Spreadsheet aufsetzen und dann die lokalen Polizeiwachen abklappern)? Im Oktober 2011 – die Plätze in Madrid hatten sich noch nicht geleert – veröffentlichte eine spanische M15-Arbeitsgruppe mit dem leicht prätentiösen Namen „Spanish World Extension Team“ ein 22-seitiges Papier, in dem peinlich genau beschrieben steht, mit welchen Strategien sich beispielsweise zielführende Diskussionen und basisdemokratische Entscheidungsfindung inmitten einer chaotischen und spontanen Demonstration umsetzen lassen. Auch das ist eine Form wertvollen Expertenwissens. Inzwischen sind solche Dokumente problemlos im Netz zu finden – und werden bei Bedarf hervorgekramt.

Auch offline findet ein reger Austausch statt: Mitglieder der ersten „Occupy Wall Street“-Arbeitsgruppe sind in London und Athen aufgetaucht, Aktivisten aus Kairo und Tunis kamen nach Madrid. Auf Konferenzen wie in Graz (im September 2012) oder in Warschau (im April 2013) kamen Teilnehmer aus verschiedenen Ländern und politischen Gruppen zusammen. Am vorgestrigen Abend fanden sich Aktivisten aus New York und aus Istanbul kurzfristig zu einer öffentlichen Skype-Diskussion über Demo-Taktiken e zusammen, initiiert von Occupy-Aktivisten der ersten Stunde. Listservs sind lebendig wie eh und je; die wichtigen Diskussionen laufen nicht über soziale Netzwerke.

Der US-Soziologe Craig Calhoun argumentiert, dass die wichtigste Zeit für Protestbewegungen die Wochen und Monate vor und zwischen den eigentlichen Demonstrationen sind: Dann werden die Strukturen gelegt für das, was kommen soll; dann werden Allianzen geschmiedet und Informationen ausgetauscht. Ein Protest ist wie ein Pilz: die meisten Wurzeln („Myzelien“) sind nach außen unsichtbar und weit gefächert – doch nur durch sie ist der Kopf lebensfähig. Die Spitze kann wachsen und wieder sterben, doch die Myzelien bleiben. Das ist übrigens auch ein Grund, warum die vielfach dämonisierten „Chaoten“ aus dem Schwarzen Block oder aus den Reihen der „Anons“ keinen repräsentativen Querschnitt einer Bewegung abgeben können: Wer einen Protest lediglich als einmaliges Happening oder als Gelegenheit zum Ausrasten sieht, hat dort eigentlich wenig verloren.

Dass die internationalistisch denkende Linke seit Jahrzehnten auf grenzübergreifende Strukturen setzt, um vielleicht doch noch einmal diese verdammte proletarische Revolution herbeizuführen, ist Stoff aus Geschichtsbüchern. Neu ist der Grad der Vernetzung unter dezentral und autonom agierenden Gruppen. Die meisten „spontanen“ Proteste sind alles außer spontan: Das Ziel der Demonstranten ist nicht der Rückzug in die Isolation, sondern, um kurz in die anarchistische Sprache einzutauchen, das Schaffen von temporären autonomen Zonen , TAZs, die sich bei Bedarf ad hoc vernetzen lassen und trotzdem Raum für Experimente lassen. Autonomie also verstanden als die Möglichkeit der Vernetzung, nicht als die Verneinung aller Strukturen.

Dass sich die Proteste trotz aller lokalen Sonderfälle gleichen, hängt also unter anderem damit zusammen, dass die Demonstranten ganz real miteinander sprechen, sich austauschen, voneinander lernen. Der türkische Durchschnittsdemonstrant hat im Zweifelsfall mehr gemeinsam mit dem spanischen M15-Aktivisten und dem deutschen Stuttgart21-Gegner als mit dem Journalisten, der den Türken jetzt als liberaldemokratischen Musterknaben lobt und den Stuttgarter aber vor zwei Jahren noch die rhetorische Klatsche erteilt hat.

Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass sich bei allen Unterschieden natürlich auch gemeinsame Missstände benennen lassen. Der britische BBC-Journalist Paul Mason hat es treffend in zwanzig Punkten zusammengefasst : Jugendliche aus Spanien und Griechenland eint mehr als eine Datenleitung. Sie verbindet auch die Erfahrung, Mitglied einer Generation zu sein, deren vielleicht signifikanteste Merkmale die allseitige Perspektivlosigkeit und die gefühlte Machtlosigkeit sind. Das Zitat einer Demonstrantin aus Istanbul – „All these top-down decisions disregarding planning and urban management principles are not approved by […] citizens. We don’t accept them“ – hätte genauso gut in Stuttgart gesprochen werden können. Denn wer die Globalisierung des Kapitals über Jahre hinweg vorantreibt, muss sich nicht wundern, wenn sich das Volk auch global am Kapital zu reiben beginnt.

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