Spekulantenstadl

Martin Eiermann16.04.2013Medien

Selten ist das Ungleichgewicht zwischen verfügbaren und verlässlichen Informationen so groß wie in den Stunden direkt nach einer großen Tragödie. Ein Blick nach Boston und zur BILD.

Selten ist das Ungleichgewicht zwischen verfügbaren und verlässlichen Informationen so groß wie in den Stunden direkt nach einer großen Tragödie, und selten lassen sich aus den ersten Instinktreaktionen so eindeutige Rückschlüsse auf die darunter verborgenen Ängste ziehen. Es ist beispielsweise bezeichnend, dass sich am heutigen Dienstagmorgen jede größere muslimische Vereinigung in den USA gezwungen sah, “sich präventiv von der Gewalt in Boston zu distanzieren”:http://www.salon.com/2013/04/15/after_boston_explosions_a_right_wing_scapegoat_emerges/. Von welcher anderen Gruppe würden wir ein solches Verhalten erwarten, beziehungsweise würden das Fehlen solcher Bekundungen als Zeichen für versteckte Sympathien auslegen?

Fakt ist: Am Morgen nach den Explosionen sind alle Verlautbarungen über mögliche Täter Spekulation. Im schlimmsten Fall schlägt die Islamophobie ungehindert durch. Die US-Nachrichtenplattform „Global Post“ dokumentiert auf ihrer “Webseite”:http://www.globalpost.com/dispatch/news/regions/americas/united-states/130415/kill-all-muslims-tweet-erik-rush-fox-news-boston-marathon-bombings und auf “„Storify“”:http://storify.com/globalpost/muslim-reactions-to-the-boston-terror-attacks?utm_source=embed_header die vorschnelle Debatte über Schuld und Unschuld. Besonders das Klatschblatt “„New York Post“”:http://www.nypost.com/p/news/national/two_explosions_at_boston_marathon_iMR0LCkcwASg0RQfVsH1yI hat sich dabei nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert: Erst schrieb man von inhaftierten muslimischen Verdächtigen, dann von zwölf Todesopfern (die Angaben sind inzwischen korrigiert).

Lawrence Harmon, Kolumnist des „Boston Globe“, hat noch in der Nacht einen treffenden Text verfasst, der sich am besten mit dem sokratischen Credo zusammenfassen lässt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Zitat Harmon: „Die Zahl pathologischer Möglichkeiten ist derzeit groß.“ Und: „Ein Event dieser Größenordnung verlangt nach tiefen operativen Analysen.“ Keine Schnellschüsse, bitte.

Einer der seltenen Anker der Sicherheit am gestrigen Abend: Freunde und Bekannte, die den Marathon gelaufen sind oder als Zuschauer an der Stecke waren, melden sich über soziale Netzwerke und per E-Mail zurück. „Wir sind zu Hause, uns geht es gut. Wer heute Abend ein Bett oder eine Umarmung braucht, ruft einfach an.“ Das Beileid geht an alle, bei denen das nicht der Fall war.

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Es ist beruhigend, dass sich die meisten deutschen Medien nicht direkt in Debatten um mögliche Täter verstiegen haben. Die Erfahrungen der letzten zwölf Jahre zeigen hier offensichtlich Wirkung; das allzu offene Zündeln mit dem Feuer der Vorurteile ist in den ersten Stunden ausgeblieben. „Bild“ “zitiert lediglich Präsident Obama”:http://www.bild.de/news/ausland/news-ausland/obama-betet-fuer-boston-30019996.bild.html, der auf einer Pressekonferenz am Montag verkündete: „Wir haben noch nicht alle Antworten. (…) Wir wissen noch immer nicht, wer das getan hat und warum.“ Es ist kein Zeichen von politischer oder journalistischer Schwäche, etwas _nicht_ zu wissen. Es ist kein Zeichen von Unkenntnis, wenn sich Emotionen nicht direkt in passende Worte kleiden lassen.

Das Informationswirrwarr ist trotzdem enorm; vor allem bei Medien ohne Reporter vor Ort. Es fängt an mit der Überschrift des “Leitartikels”:http://www.bild.de/news/ausland/terroranschlag/boston-bomben-explosion-marathon-tote-verletzte-sollten-sieben-bomben-explodieren-30020298.bild.html auf „Bild.de“:

bq. Sollten eigentlich sieben Bomben hochgehen?

Eine Quelle wird nicht genannt. Am Vorabend hatte es widersprüchliche Meldungen über mögliche weitere Sprengsätze gegeben. Zwei Bomben wären entlang der Marathon-Route entdeckt und kontrolliert zur Explosion gebracht worden, meldeten die „Associated Press“ und das „New York Magazine“ per Twitter, nur um kurz danach “ein Dementi”:http://bigstory.ap.org/article/official-cellphone-service-shut-down-boston hinterherzuschieben. Die Meldung hat es in die Schlagzeilen geschafft, das Dementi nicht. Jeder fallengelassene Rucksack, jedes Paket war plötzlich verdächtig. Eine Zeit lang sorgte ein Feuer in der JFK-Bibliothek für Aufregung, das fast zeitgleich mit der Explosion der Bomben ausgebrochen war:

Kurz darauf kam die Entwarnung:

Im Bostoner Vorort Cambridge verschickte die Polizei beinahe im Minutentakt “per Twitter”:https://twitter.com/CambridgePolice Berichte über mögliche Bombenfunde (verbunden mit der Bitte, bestimmte Straßenabschnitte zu meiden) und gab jedes Mal ebenfalls Entwarnung. Erst vor einem Monat hatte die Polizei ihre Richtlinien für solche Meldungen “modifiziert”:http://www.thecrimson.com/article/2013/3/26/twitter-cambridge-police/, um den Spagat zwischen zeitnahen Warnungen und der Vermeidung von Hysterie besser hinzubekommen. Gestern hat sich dieses Programm im Ernstfall bewährt. Was sich nicht bewährt hat: Leitartikel mit rein spekulativen Überschriften aufmachen.

Weiter im „Bild“-Text.

bq. Kurz nach den Explosionen schalteten die Sicherheitskräfte vorübergehend das Mobilfunknetz in Boston ab, um mögliche Fernzündungen weiterer Sprengsätze zu verhindern. Auch der Luftraum über der 625.000-Einwohner-Stadt wurde zwischenzeitlich aus Sicherheitsgründen gesperrt.

Nicht ganz. Die Meldung zum abgeschalteten Mobilfunknetz stammt wohl ursprünglich von der Nachrichtenagentur „Associated Press“, die anonym einen Polizeibeamten zitiert, und vom lokalen Radiosender WBZ. Verbreitet hat sie sich wie ein Lauffeuer:

Zumindest manche Handys scheinen allerdings “weiterhin funktioniert zu haben”:http://www.motherjones.com/politics/2013/04/boston-marathon-explosions – was unter anderem damit zusammenhängen könnte, dass Handynetze einem relativ dezentralen Organisationsschema folgen und von einzelnen Netzbetreibern an einzelnen Knotenpunkten und Sendemasten aktiviert oder deaktiviert werden können. „Verizon“ und „Sprint“ haben zwischendurch dementiert, dass man die eigenen Netze abgestellt habe. Möglich ist aber, dass sie unter der hohen Belastung zusammengebrochen sind (wie regelmäßig an Silvester), oder dass das Mobilfunknetz von einzelnen Netzbetreibern an einzelnen Knotenpunkten gekappt worden ist.

Der Luftraum „über Boston“ ist auch nicht „gesperrt“ worden. Stattdessen gab es eine etwa dreißigminütige “Startpause am Flughafen”:https://www.facebook.com/BostonLogan/posts/10151413758417981, damit der Flugverkehr umgeleitet werden konnte, um Rettungshubschrauber nicht unnötig zu behindern. Ein kurzer Blick in die offiziellen Mitteilungen der US-Luftfahrtbehörde FAA hätte genügt, um dieses Missverständnis aufzuklären. Dort wird in den sogenannten NOTAMs für alle Piloten aufgelistet, welche “Einschränkungen bei Start und Landung”:http://tfr.faa.gov/save_pages/notam_actual_3_2050.html zu beachten sind:

bq. TEMPORARY FLIGHT RESTRICTIONS ARE IN EFFECT FOR LAW ENFORCEMENT ACTIVITY. ONLY RELIEF AIRCRAFT OPERATIONS UNDER DIRECTION OF MASS. STATE POLICE ARE AUTHORIZED IN THE AIRSPACE AT AND BELOW 3000 FEET AGL WITHIN A 2 NAUTICAL MILE RADIUS OF 422056N/0710456W OR THE BOSTON /BOS/ VOR/DME 279 DEGREE RADIAL AT 4.1 NAUTICAL MILES. BOSTON CENTER/ZBW/ CENTER

Heißt im Klartext: Nur Rettungsflugzeuge und -helikopter dürfen im Radius von zwei Meilen rund um den Ort der Explosion niedriger als 3.000 Fuß fliegen.

Das Informationsproblem ist ein Verifizierungsproblem

Es ist nie einfach, zwischen der Masse der verfügbaren Informationen und ihrer unklaren Verlässlichkeit zu navigieren, vor allem, wenn der Veröffentlichungsdruck steigt und der Chef einem schon den heißen Atem den Nacken herunter bläst. Und man darf sich fragen, ob die eine oder andere Veränderung redaktioneller Abläufe in den vergangenen Jahren nicht etwas vorschnell war (z.B.: Liveticker durch Redakteure bestücken lassen, die keine Erfahrung mit der Verifizierung von Tweets haben). Doch erstens lässt sich jede Situation – egal, wie kompliziert sie erscheinen mag – aus journalistischer Sicht besser oder eben schlechter lösen. “„Bild“”:http://www.bild.de/news/ausland/terroranschlag/boston-bomben-explosion-marathon-tote-verletzte-sollten-sieben-bomben-explodieren-30020298.bild.html beschränkt sich im ersten Waschgang am Dienstagmorgen auf spekulative Aussagen und auf teils widersprüchliche Zitate aus offiziellen Quellen. Im Kontrast dazu zeigt die Lokalzeitung “„Boston Globe“”:http://bostonglobe.com/, dass die journalistische und institutionelle Expertise des „Globe“ trotz jahrelanger Budget- und Personalkürzungen immer noch vorhanden ist. Es gab am Montagabend keine bessere Informationsquelle als den dortigen Liveticker.

Zweitens macht der gestrige Abend wieder einmal deutlich, wie grundlegend sich die Informationsökonomie in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Fernsehreporter kommentieren die immergleiche Endlosschleife verwackelter Bilder, greifen dabei aber auf per Twitter in Echtzeit verbreitete Nachrichten zurück. Ein Anruf auf der Polizeihotline mündet in einem Tweet über mögliche weitere Bomben, der sich im Netz verbreitet und wiederum von Agenturen und Fernsehsendern aufgegriffen wird. Der nachfolgende Entwarnungs-Tweet geht in der Flut neuer Informationen unter. Längst erstrecken sich solche Informationsketten über mediale Grenzen hinweg. Verifizierung ist daher kein Problem des Netzes (beziehungsweise kein Argument gegen Twitter als Informationsquelle), sondern ein generelles informationelles Phänomen. Der Austausch von Informationen ist implizit immer auch eine Frage gegenseitigen Vertrauens. Und die große Herausforderung ist nicht die Informationsbeschaffung, sondern das Herausfiltern verlässlicher Informationen und verlässlicher Quellen. Nur dass sich genau diese Vertrauensbasis umso schwieriger herstellen lässt, je weiter Sender und Empfänger voneinander distanziert sind. Wie schwierig das sein kann, zeigt die Erinnerung an Fukushima: Ein “Nuklear-Experte aus den USA”:https://twitter.com/arclight twitterte damals im Minutentakt seine Einschätzungen zur Lage in Japan. Fundiert, intelligent, ohne Hype, aber eben auch ohne Kenntnis der Lage vor Ort. Hätte man ihm als Experten vertrauen oder seinen Spekulationen misstrauen sollen?

Hier haben große, traditionsreiche Nachrichtenorganisationen weiterhin eine zentrale Rolle zu spielen (zum Beispiel, indem sie als Knotenpunkte für die Verbreitung verifizierter Informationen fungieren oder die eigenen Leser um Mithilfe bitten) – und eine zentrale Verantwortung: Wer mit einem Tweet oder einem Text Zehn- oder Hunderttausende Empfänger erreichen kann, darf sich nicht auf den kleinsten spekulativen Nenner zurückziehen.

Drittens: „Bild“ hat für die Bebilderung des Leitartikels eines der blutigsten Fotos des gestrigen Tages gewählt. „The Atlantic“ zeigte eine knappe Stunde lang das unverpixelte Bild eines Verletzten, dem von der Explosion anscheinend beide Unterschenkel weggerissen worden waren. Warum? Tragen solche Bilder wirklich dazu bei, die Ereignisse besser und authentischer zu vermitteln? Oder dienen sie nicht zuallererst der Befriedigung der Sensationslust auf Kosten der abgebildeten Personen? Der hippokratische Eid gilt auch für Journalisten, und ganz besonders in Krisensituationen: „Die Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken nach meinem Vermögen und Urteil, mich davon fernhalten, Verordnungen zu treffen zu verderblichem Schaden und Unrecht.“ Eine Zeitung sollte berichten, am besten akkurat, und nicht als Gruselkabinett selbst zum Gegenstand der Berichterstattung werden.

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