Zu all unseren Rechten gehören auch gewisse Pflichten. Alec Ross

Perlen vor die Säue

Spiegel Online ist zum Schatten seiner selbst geworden. Die konsequente Hinwendung zum Boulevard verkauft die eigenen Leser für dumm und lässt die Möglichkeiten des Online-Journalismus weitgehend ungenutzt. Ein Leitmedium sieht anders aus.

Montagnachmittag, Osama Bin Laden ist seit knapp einem Tag tot. „Spiegel Online“ hat die halbe Redaktion auf den Fall angesetzt und berichtet prominent über das „Terror-Monstrum“ al-Qaida, den ehemaligen „Mr. Feigling“ Barack Obama und – martialische Phrasendrescherei geht immer – über den Kugelhagel der US-Kommandoeinheiten. Ein schöner Versuch, viel Brimborium um wenige Informationen zu machen. Leider ist die Berichterstattung zum Atomausstieg, zu Libyen, zu Grün-Rot, zu Syrien, zum Euro oder zu einem der zig anderen wichtigen Themen dabei auf der Strecke geblieben.

Früher war alles besser …

Ein Euro ins Phrasenschwein: Früher war alles besser. Wer sich in Deutschland informiert fühlen wollte, ging zu den Jungs und Mädels von der Brandstwiete in Hamburg. Zum Drang der Gewohnheit kam die Reputation des gedruckten Magazins: Zwischen den scheinbar allmonatlichen Hitler-Titelgeschichten tummelt sich allerlei ernsthafte, wichtige und richtige Berichterstattung. Doch die wird leider immer seltener.

Ende 2009 entthronte „Bild.de“ die Seite von „Spiegel Online“ als trafficstärkste Nachrichtenseite in Deutschland. Die Hamburger – die als eines der ersten deutschen Nachrichtenmagazine die Bedeutung des Internets erkannt und genutzt hatten – waren von der geballten Macht der Axel-Springer-Maschinerie erst ein- und dann im Sauseschritt überholt worden. Und „SPON“ geht seitdem bestimmt den Weg des Boulevards, zaubert Schlagzeilen zur japanischen Strahlenbrühe auf die Webseite oder dichtet der CSU Zensurambitionen an.

Na gut, kann man antworten, that’s life. Arianna Huffington hatte auch einst stolz verkündet, dass Politjournalismus ganze fünfzehn Prozent der Inhalte der „Huffington Post“ ausmache. Der Rest ist dazu aggregierter Informationsbrei, der oftmals ungefiltert von den Klatschseiten Hollywoods übernommen wird. Am Ende steht unter dem Strich ein Plus, die Sache scheint sich also gelohnt zu haben.

Es ist natürlich nachvollziehbar, wenn sich Medien um die Klickzahlen sorgen. Ohne Reichweite klingt die Selbstdarstellung als Leitmedium zunehmend unglaubwürdig, die Anzeigenpreise sinken, die Einnahmen ebenso. Sowohl „Bild“ als auch die „HuffPo“ haben Modelle etabliert, die „funktionieren“, also ordentlich Klicks generieren. Nur ist es nicht zwingend logisch, aus dieser Situation die Notwendigkeit einer Boulevardisierung anderer Medien abzuleiten. Zum einen „funktioniert“ dieses Modell nur, wenn man als Parameter allein die Nutzerzahlen und Rentabilität anlegt. Dass Journalismus mehr ist als die Fütterung der Massen mit teilweise trivialen Informationshappen, wird dabei gerne vergessen. Die Los Angeles Times durchlebt momentan die fatalen Konsequenzen einer Unternehmenspolitik, die Bilanzverbesserungen konsequent über der inhaltlichen Qualität priorisiert hat. Zum anderen gibt es durchaus Beispiele, die demonstrieren, dass Qualität auch im Netz kein Verlustgeschäft sein muss. The Guardian gilt zu Recht als Leitmedium im britischen Raum – und hat nebenbei alle anderen Nachrichtenseiten des Landes hinter sich gelassen.

Wer hat Angst vorm Besserwerden?

Es ist erstaunlich (und traurig zugleich), dass der technologische Fortschritt so viele neue Möglichkeiten mit sich bringt – zur Darstellung von Informationen, für multimediale Formate, für die Vernetzung verschiedener Informationsquellen, für dezentralisierte und tiefgründige Recherche – und sich die großen deutschen Medien zielsicher all jene Ansätze herausgreifen, die genau dieses Potenzial ungenutzt lassen. Das ist schade, für die deutsche Medienlandschaft und für das Hamburger Sturmgeschütz der Demokratie. Ich kaufe mir ja auch kein iPhone, weil man sich in dem Display so schön spiegelt.

Dass „Spiegel Online“ auch weiterhin guten Journalismus macht, zeigen unter anderem die Berichterstattung zu den Guantanamo-Protokollen oder die Recherchen zu den Praktiken der Pharmaindustrie. Und trotzdem bleibt der fade Beigeschmack, dass so vieles so viel besser sein könnte. Bis es soweit ist, bleibt der Finger in der Wunde.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Eiermann: Politische Partizipation in den USA ist ein Minderheitenphänomen

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