Falsche Betroffenheit

Martin Eiermann7.02.2013Innenpolitik, Wissenschaft

Die Aberkennung des Doktortitels ist keine Ohrfeige für deutsche Studenten – sondern höchstens für Ministerin Schavan persönlich.

Eine „Ohrfeige für alle Studierenden“ sei es, wenn die deutsche Bildungsministerin ihren Doktortitel verliere, so sagt es ein Student der Goethe-Universität Frankfurt der “Nachrichtenagentur Reuters”:http://www.sueddeutsche.de/politik/reaktionen-vom-campus-1.1592955. Eine Doktorandin wird auf “„Spiegel Online“”:http://forum.spiegel.de/f22/aberkennung-des-doktortitels-schavan-will-im-amt-bleiben-82104-10.html noch deutlicher:

bq. So langsam frage ich mich, ob ich mir die ganze Arbeit nicht lieber sparen soll – wenn schon meine Bildungsministerin in ihrer Dissertation schummeln kann, ohne einzusehen, dass das Konsequenzen hat, wieso sollte ich mir mit meiner mehr Mühe machen? 3 Jahre meines Lebens für ein Blatt Papier mit dem ich mir hinterher den A… abwischen kann?!

Einmal tief Luft holen … Besser?

Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wird die Ministerin Schavan sicherlich zur Ministerin a.D. werden, auch wenn zu Recht mit weniger Elan an ihrem Stuhl gesägt wird als im Fall Guttenberg (dessen penetrante Wahrheitsverdrehungen keine wissenschaftliche, sondern eine politische Katastrophe waren). Immerhin hat die Kanzlerin eine Bundestagswahl zu gewinnen. Wenn Annette Schavan zurücktritt, dann also nicht, weil eine Bildungsministerin auch eine makellose Wissenschaftlerin sein muss. Ein Blick auf “die Liste ehemaliger Bildungs- und Forschungsminister”:http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_deutschen_Minister_f%C3%BCr_Bildung_und_Forschung#Bundesminister_f.C3.BCr_Bildung_und_Forschung_.28seit_1998.29 zeigt, dass offensichtlich und ganz im Sinne des großen deutschen Soziologen “Max Weber”:http://de.wikisource.org/wiki/Politik_als_Beruf andere Qualitäten für die Ernennung in Staatsämter ausschlaggebend sind. Nicht ohne Grund grenzte Weber in seiner berühmten Vortragsreihe „Geistige Arbeit als Beruf“ aus dem Jahr 1919 den Berufspolitiker scharf ab vom Berufswissenschaftler. Wer das eine gut kann, muss noch keine Koryphäe im anderen sein. Wenn Frau Schavan stolpert, dann eher über den Vertrauensverlust von Klüngel und Kanzlerin und über ausbleibende politische Erfolge – und nicht über mangelnde akademische Kompetenzen.

Sehnsucht nach unfehlbaren Politikern

Aber ich habe wenig Verständnis für die sich ausbreitende Betroffenheitskultur in der deutschen universitären Landschaft und unter Studenten. Die Aberkennung des Doktortitels ist zuallererst eine Ohrfeige für Frau Schavan und ihr ganz persönliches wissenschaftliches Ego (Christoph Amend hat zu ebendiesem Ego im „Zeit-Magazin“ einen “ganz lesenswerten Artikel”:http://www.zeit.de/2013/06/Bildungsministerin-Annette-Schavan-Plagiatsvorwuerfe-Doktorarbeit verfasst). Dem Rest von uns kann es abseits der politischen Rücktrittsdiskussion eigentlich schnurzpiepegal sein, welchen Titel sie künftig (nicht mehr) tragen wird. Die eigene wissenschaftliche Arbeit wird nicht dadurch geschmälert, dass einige prominente Volksvertreter öffentlichkeitswirksam über ihren Dr. gestolpert sind.

Die kolportierte Betroffenheit ist vielmehr ein Euphemismus für Enttäuschung: Enttäuschung über lasche akademische Standards, von denen scheinbar nur “die anderen” profitieren. Enttäuschung darüber, dass auch Politiker menschlich sind und Fehler machen. Enttäuschung über die Präsenz betrügerischer Absichten und das Fehlen einer Verantwortungsethik. Allzu menschlich dürfen unsere Volksvertreter nicht werden, sonst geht die im Parlamentarismus verankerte Abgrenzung zwischen „denen da unten“ und „denen in Berlin“ verloren. Die Sehnsucht nach unfehlbaren Politikern ist immer auch ein bisschen die Sehnsucht nach klaren, sinnstiftenden Hierarchien.

Als Rücktrittsargument reicht Enttäuschung allerdings nicht aus. „Ich hatte mir schon ein bisschen mehr von Ihnen erhofft, Frau Ministerin. Sie sind nicht mehr haltbar!“ – das klingt etwas dünn. Stattdessen also Betroffenheit und die Behauptung, persönlich verletzt worden zu sein. Das zieht. Frau Schavan habe nicht nur der eigenen Karriere geschadet, sondern _pars pro toto_ eben schnell noch die Biografien zahlloser Jungwissenschaftler ruiniert und dem Ansehen der deutschen Wissenschaft insgesamt geschadet. Ein Einzelfall wird zum Exempel.

Doch erstens ist der Fall Schavan ein Beleg für das grundsätzliche Funktionieren wissenschaftlicher Kontrollmechanismen. Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf hat sich in seiner Untersuchung an Standardprozeduren gehalten, Ministerin Schavan keine Extrawurst serviert (und dafür deutliche Kritik von Seiten der CDU und des RCDS einstecken müssen). Im Wortlaut:

bq. „Der Fakultätsrat lehnt es ab, für diese spezielle Dissertation ein Plagiatsverständnis anzuwenden, das von der allgemeinen, auch Anfang der achtziger Jahre gültigen Meinung abweicht. […] Die Häufung und Konstruktion [der] wörtlichen Übernahmen, auch die Nichterwähnung von Literaturtiteln in Fußnoten oder sogar im Literaturverzeichnis ergeben der Überzeugung des Fakultätsrats nach das Gesamtbild, dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte.“

Ob die Ministerin wirklich vorsätzlich getäuscht hat oder ob sie sich, wie sie selbst zugegeben hat, lediglich der „Flüchtigkeitsfehler“ schuldig gemacht hat, ist für diese Beurteilung von sekundärer Bedeutung. Jeder Student lernt bereits im ersten Semester, dass Flüchtigkeit kein Plagiat entschuldigt, sondern höchstens die moralische Skala verschiebt. Was hilft gegen Plagiate? Sauberes Zitieren.

Das persönliche wissenschaftliche Scheitern von Frau Schavan ist also keine kollektive Ohrfeige. Zu der wäre es erst geworden, wenn die Prüfungskommission unter Missachtung eindeutiger Beweise im Fall Schavan ein Auge zugedrückt hätte, quasi als Ministerbonus. Dann wäre die Frage berechtigt, wozu man sich “mehr Mühe machen” soll, wenn gleichzeitig Prominenz zum universitären Persilschein wird. _Das_ hätte dem Ansehen der Wissenschaft geschadet.

Zweitens zeigt der Fall Schavan – wieder einmal – wie verkürzt die gebetsmühlenartigen Warnungen vor einer digitalen „Copy-and-Paste“-Kultur und vor sinkenden wissenschaftlichen Standards sind. Die Wikiphobie ist eben nur eine Kehrseite der Medaille. Denn dank der Macht des Netzes, aber auch dank professioneller Dienste wie “TurnItIn”:http://turnitin.com/ ist es heute einfacher, Texte im Crowdsourcing-Verfahren oder komplett automatisiert auf verdächtige Passagen zu überprüfen.

Die Wissenschaft wird gestärkt

Das ist nicht nur gut, sondern notwendig – denn auch die Hürde für Plagiatoren ist mit dem Aufkommen digitalisierter Artikel gesunken. „Die meisten Menschen sind nicht sie selbst. Ihre Gedanken sind die Meinungen anderer, ihr Leben ist eine Imitation“, so einst Oscar Wilde mit leicht abfälligem Unterton. Man kann es so negativ sehen – muss man aber nicht. Wir alle sind Zwerge auf den Schultern von Riesen, Erben einer gigantischen (und immer schneller anwachsenden) Fülle von Meinungen, Informationen und Interpretationen. „Originalität ist eigentlich ein ziemlich absurdes Konzept“, sagt der britische Autor “Tom Chatfield”:http://www.theeuropean.de/tom-chatfield/5750-digitale-kultur dazu. Eine intelligente Auswahl kann oftmals genauso viel Mehrwert liefern wie der Versuch, genuin Neues zu schaffen. Die zunehmende digitale Demokratisierung von Wissen ist vielleicht _die_ Kulturleistung des späten 20. Jahrhunderts.

Viele Plattformen im Netz sind absolute Vorreiter für den intelligenten Umgang mit Informationen, der Kombination und Aggregation explizit in den Vordergrund stellt und gleichzeitig darauf pocht, Verdienste entsprechend zu würdigen – im Grunde also nicht viel anders als das traditionelle Zitiergebot der Wissenschaft. „Creative Commons“-Lizenzen sind gebunden an die Verpflichtung, die Quelle beim Namen zu nennen und geben dem Urheber weitreichende Möglichkeiten, Verbreitung und Verwendung einzuschränken. Auf Twitter haben sich mit dem RT (Retweet), HT (Hat Tip) und OH (Overheard) gleich drei Konventionen eingebürgert, mit denen Urhebern oder Aggregatoren Tribut gezollt werden kann. Ich glaube, dass ein insulares Wissenschaftsverständnis einiges von solchen Normen lernen kann.

Drittens, und das ist vielleicht am wichtigsten in der Diskussion um Ohrfeigen und wertlose Promotionen, wird das Ideal wissenschaftlicher Qualität durch die derzeitige Debatte gestärkt. Man hätte Frau Schavan mit dem Argument zur Seite springen können, dass dreißig Jahre nach Erhalt des Titels endlich einmal Rechtssicherheit herrschen müsse, dass Jugendsünden entschuldbar seien, oder dass die Politisierung des Falls eine objektive Auseinandersetzung grundsätzlich verhindere. Doch solche Argumente waren Randphänomene. Stattdessen überdenken deutsche Universitäten ihre internen Bewertungsprozesse und hinterfragen die Notwendigkeit einer stetig steigenden Anzahl an Promotionsplätzen. Über 20.000 Doktorgrade werden pro Jahr in Deutschland verliehen und die Frage ist zumindest berechtigt, ob jeder davon wirklich notwendig ist. Nicht die schwarzen Schafe sind der Grund, wenn man sich irgendwann mit einem Promotionszeugnis „den A… abwischen kann“, sondern die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage. Die deutsche Hochschulpolitik hat (vor allem) seit der Bologna-Reform keine Antwort auf die Frage gefunden, wie sich inmitten einer wachsenden Zahl schwer vergleichbarer aber namensgleicher Studiengänge eine qualitative Abstufung treffen lässt. Für die Wissenschaft ist eine solche Antwort sicherlich wichtiger als die Frage, wer sich in den Ministersessel fläzen darf.

Die derzeitige Rücktrittsdebatte ist eine Debatte über die Ministerin Schavan – nicht über die Wissenschaftlerin Schavan, und schon gar nicht über die Wissenschaft.

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