Falsche Betroffenheit

von Martin Eiermann7.02.2013Innenpolitik, Wissenschaft

Die Aberkennung des Doktortitels ist keine Ohrfeige für deutsche Studenten – sondern höchstens für Ministerin Schavan persönlich.

Eine „Ohrfeige für alle Studierenden“ sei es, wenn die deutsche Bildungsministerin ihren Doktortitel verliere, so sagt es ein Student der Goethe-Universität Frankfurt der “Nachrichtenagentur Reuters . Eine Doktorandin wird auf „Spiegel Online“ l noch deutlicher:

bq. So langsam frage ich mich, ob ich mir die ganze Arbeit nicht lieber sparen soll – wenn schon meine Bildungsministerin in ihrer Dissertation schummeln kann, ohne einzusehen, dass das Konsequenzen hat, wieso sollte ich mir mit meiner mehr Mühe machen? 3 Jahre meines Lebens für ein Blatt Papier mit dem ich mir hinterher den A… abwischen kann?!

Einmal tief Luft holen … Besser?

Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft wird die Ministerin Schavan sicherlich zur Ministerin a.D. werden, auch wenn zu Recht mit weniger Elan an ihrem Stuhl gesägt wird als im Fall Guttenberg (dessen penetrante Wahrheitsverdrehungen keine wissenschaftliche, sondern eine politische Katastrophe waren). Immerhin hat die Kanzlerin eine Bundestagswahl zu gewinnen. Wenn Annette Schavan zurücktritt, dann also nicht, weil eine Bildungsministerin auch eine makellose Wissenschaftlerin sein muss. Ein Blick auf die Liste ehemaliger Bildungs- und Forschungsminister 9 zeigt, dass offensichtlich und ganz im Sinne des großen deutschen Soziologen Max Weber f andere Qualitäten für die Ernennung in Staatsämter ausschlaggebend sind. Nicht ohne Grund grenzte Weber in seiner berühmten Vortragsreihe „Geistige Arbeit als Beruf“ aus dem Jahr 1919 den Berufspolitiker scharf ab vom Berufswissenschaftler. Wer das eine gut kann, muss noch keine Koryphäe im anderen sein. Wenn Frau Schavan stolpert, dann eher über den Vertrauensverlust von Klüngel und Kanzlerin und über ausbleibende politische Erfolge – und nicht über mangelnde akademische Kompetenzen.

Sehnsucht nach unfehlbaren Politikern

Aber ich habe wenig Verständnis für die sich ausbreitende Betroffenheitskultur in der deutschen universitären Landschaft und unter Studenten. Die Aberkennung des Doktortitels ist zuallererst eine Ohrfeige für Frau Schavan und ihr ganz persönliches wissenschaftliches Ego (Christoph Amend hat zu ebendiesem Ego im „Zeit-Magazin“ einen ganz lesenswerten Artikel t verfasst). Dem Rest von uns kann es abseits der politischen Rücktrittsdiskussion eigentlich schnurzpiepegal sein, welchen Titel sie künftig (nicht mehr) tragen wird. Die eigene wissenschaftliche Arbeit wird nicht dadurch geschmälert, dass einige prominente Volksvertreter öffentlichkeitswirksam über ihren Dr. gestolpert sind.

Die kolportierte Betroffenheit ist vielmehr ein Euphemismus für Enttäuschung: Enttäuschung über lasche akademische Standards, von denen scheinbar nur die anderen / ist es heute einfacher, Texte im Crowdsourcing-Verfahren oder komplett automatisiert auf verdächtige Passagen zu überprüfen.

Die Wissenschaft wird gestärkt

Das ist nicht nur gut, sondern notwendig – denn auch die Hürde für Plagiatoren ist mit dem Aufkommen digitalisierter Artikel gesunken. „Die meisten Menschen sind nicht sie selbst. Ihre Gedanken sind die Meinungen anderer, ihr Leben ist eine Imitation“, so einst Oscar Wilde mit leicht abfälligem Unterton. Man kann es so negativ sehen – muss man aber nicht. Wir alle sind Zwerge auf den Schultern von Riesen, Erben einer gigantischen (und immer schneller anwachsenden) Fülle von Meinungen, Informationen und Interpretationen. „Originalität ist eigentlich ein ziemlich absurdes Konzept“, sagt der britische Autor Tom Chatfield r dazu. Eine intelligente Auswahl kann oftmals genauso viel Mehrwert liefern wie der Versuch, genuin Neues zu schaffen. Die zunehmende digitale Demokratisierung von Wissen ist vielleicht _die_ Kulturleistung des späten 20. Jahrhunderts.

Viele Plattformen im Netz sind absolute Vorreiter für den intelligenten Umgang mit Informationen, der Kombination und Aggregation explizit in den Vordergrund stellt und gleichzeitig darauf pocht, Verdienste entsprechend zu würdigen – im Grunde also nicht viel anders als das traditionelle Zitiergebot der Wissenschaft. „Creative Commons“-Lizenzen sind gebunden an die Verpflichtung, die Quelle beim Namen zu nennen und geben dem Urheber weitreichende Möglichkeiten, Verbreitung und Verwendung einzuschränken. Auf Twitter haben sich mit dem RT (Retweet), HT (Hat Tip) und OH (Overheard) gleich drei Konventionen eingebürgert, mit denen Urhebern oder Aggregatoren Tribut gezollt werden kann. Ich glaube, dass ein insulares Wissenschaftsverständnis einiges von solchen Normen lernen kann.

Drittens, und das ist vielleicht am wichtigsten in der Diskussion um Ohrfeigen und wertlose Promotionen, wird das Ideal wissenschaftlicher Qualität durch die derzeitige Debatte gestärkt. Man hätte Frau Schavan mit dem Argument zur Seite springen können, dass dreißig Jahre nach Erhalt des Titels endlich einmal Rechtssicherheit herrschen müsse, dass Jugendsünden entschuldbar seien, oder dass die Politisierung des Falls eine objektive Auseinandersetzung grundsätzlich verhindere. Doch solche Argumente waren Randphänomene. Stattdessen überdenken deutsche Universitäten ihre internen Bewertungsprozesse und hinterfragen die Notwendigkeit einer stetig steigenden Anzahl an Promotionsplätzen. Über 20.000 Doktorgrade werden pro Jahr in Deutschland verliehen und die Frage ist zumindest berechtigt, ob jeder davon wirklich notwendig ist. Nicht die schwarzen Schafe sind der Grund, wenn man sich irgendwann mit einem Promotionszeugnis „den A… abwischen kann“, sondern die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage. Die deutsche Hochschulpolitik hat (vor allem) seit der Bologna-Reform keine Antwort auf die Frage gefunden, wie sich inmitten einer wachsenden Zahl schwer vergleichbarer aber namensgleicher Studiengänge eine qualitative Abstufung treffen lässt. Für die Wissenschaft ist eine solche Antwort sicherlich wichtiger als die Frage, wer sich in den Ministersessel fläzen darf.

Die derzeitige Rücktrittsdebatte ist eine Debatte über die Ministerin Schavan – nicht über die Wissenschaftlerin Schavan, und schon gar nicht über die Wissenschaft.

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