Wehret den Anfängen?

Martin Eiermann26.01.2013Gesellschaft & Kultur

Ein Astrid Lindgren-Buch macht noch lange keine Zensur. Eine Replik auf die selbsternannten Verteidiger der Meinungsfreiheit.

Zuerst einmal bleibt angesichts der Diskussion um das, was in Büchern geschrieben und weiterhin gedruckt werden darf (oder eben nicht), festzuhalten, dass die Überarbeitung von gedruckten Texten für künftige Auflagen vollkommen normal ist. Vom meistverkauften Buch der Welt, der Bibel, wurden seit Luthers ursprünglicher Übersetzung aus dem Lateinischen nach einer Statistik der Uni Bremen allein “87 deutsche Übersetzungen”:http://www-user.uni-bremen.de/~wie/translation/Deutsche-Bibeluebersetzungen.html angefertigt. Die Unterschiede begrenzen sich nicht auf stilistische Feinheiten: Manche Übersetzungen wurden explizit in Auftrag gegeben, um Alternativen zur gängigen kirchlichen Lehrmeinung zu verbreiten. Der Kampf um Meinungen war immer auch schon ein Kampf um Worte. Auch in den Werken verstorbener Autoren wird regelmäßig von Verlagsseite herumredigiert – das letzte Wort hat meistens die Familie oder Stiftung, die den Nachlass des Autors verwaltet. So weit, so normal.

Zielscheibe PC

Der Auslöser einer vom Feuilleton auf die Titelseiten übergreifenden Hysterie ist also nicht die Tatsache, _dass_ Änderungen vorgenommen werden sollen, sondern ist zu suchen in der Infizierung der Diskussion mit dem Virus des politisch Unkorrekten. Ein Virus, der nur überleben kann, wenn sich genügend andere als „politisch korrekt“, als „Mitleids- und Meinungsindustrie“ und damit als passende Zielscheiben exponieren lassen. Matthias Dell und Marc Fabian Erdl haben zur Logik der „political correctness“ vor einiger Zeit beim „Freitag“ “alles Wichtige gesagt”:http://www.freitag.de/autoren/mdell/schiessen-sie-nicht-auf-den-pappkameraden:

bq. Bei „PC“ geht es nicht um Argumente, sondern um die Diffamierung einer Sprecherposition, in dem man sie als „politisch korrekt“ ridikülisiert. Wenn es einen Amtsvorgänger von „politisch korrekt“ gibt, dann ist das der „Spießer“, von dem irgendwann auch niemand mehr wusste, wo der eigentlich hergekommen war, bei dem sich aber jeder sicher sein konnte, dass das die Bezeichnung ist für alles, was ihm nicht passt und was er nicht sein will. Wenn es „PC“ nicht gäbe, wenn einem die „Inkorrektheit“ nicht scheinbar weiterhin gestattete, Menschen grundlos zu beleidigen, indem man etwa „Neger“ zu ihnen sagt, dann müsste man sich einmal mit sich selbst befassen und der Frage, warum man das Wort mit seiner unseligen Geschichte weiter verwenden will. Das wäre anstrengend, davor schützt „PC“.

Wer den “Negerkönig” verteidigt, dem geht es nicht um die Meinungsfreiheit, sondern darum, auch künftig “Neger” sagen zu dürfen und sich dabei selbstgerecht ins Fäustchen lachen zu können.

Kampf der Zensur

Aber nehmen wir einmal an, dass die Sorge um das Abdriften in die Zensur ernstgemeint ist. ‘Wehret den Anfängen’, rufen die Gegner des „Südseekönigs“, wer heute den „Neger“ streicht, der drückt uns morgen das Meinungsdiktat aufs Auge. Doch dieses Argument ist empirisch – und nicht logisch – begründbar. Es lebt von der Stärke der Beweise, die zu seiner Verteidigung vorgebracht werden können.

Man muss als Verfechter dieser Argumentation also beispielsweise überzeugend darlegen, dass die Tilgung einzelner Wörter aus einzelnen Büchern zu einem Umdenken bei anderen Verlagen führt, die nicht nur stilistisch sondern politisch intervenieren und dann wiederum beschließen, Shakespeare vielleicht ein bisschen aufzupeppen oder die Brüder-Grimm-Märchen etwas weniger furchteinflößend umzuschreiben (auf dass die zarte Kinderseele keinen Schaden nehme), dass alsbald Karl May (Diffamierung der Ureinwohner Nordamerikas) und Martin Heidegger (Nazi-Fanboy) aus den Verkaufsregalen verschwinden, dass also der historische Kanon systematisch geplündert wird, bis irgendwann auch die Gegenwartsliteratur auf kontroverse Themen und Thesen verzichtet – am besten prophylaktisch und freiwillig. Dann wären wir im Zensurstaat gelandet. Außerdem müsste man nachweisen, dass das eine irgendwie kausal mit dem anderen zusammenhängt, dass also der „Südseekönig“ direkter oder indirekter Auslöser für die sukzessive Gleichschaltung des öffentlichen Diskurses ist.

Das wird schwierig.

Der Grund dafür ist, dass solche Argumente ihre Kraft nicht aus überzeugender Rhetorik, sondern aus den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung ziehen. Und genau da zeigen sich die Grenzen. Mit jedem zusätzlich notwendigen Schritt sinkt die Wahrscheinlichkeit rapide, dass wir irgendwann tatsächlich am postulierten Endpunkt landen. Wenn auch nur ein einziger Schritt nicht immer, sondern nur in 50 Prozent der Fälle eintritt, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit für das Schlimmste Anzunehmende Szenario um die Hälfte. Kommt ein weiterer 50-Prozent-Schritt hinzu, sinkt die Wahrscheinlichkeit auf 25 Prozent. Nach fünf solchen Schritten sind es drei Prozent. Nach zehn Schritten sind es 0,1 Prozent. Anders ausgedrückt: Es ist dann 999 Mal wahrscheinlicher, _nicht_ beim Horrorszenario Zensurstaat zu landen – und das unter den Laborbedingungen eines Gedankenexperiments! Eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit gilt auch für den Münzwurf; in der Realität liegt die sie aufgrund der Vielzahl möglicher Alternativen daher jeweils deutlich niedriger. Im Handwerkskoffer der Diskussion ist diese Argumentationsweise eines der stumpfsten Messer.

(Übrigens, um eine Kritik gleich im Vorhinein zu entkräften: Befürworter einer Revision warnen nicht mit einer ähnlichen Logik davor, dass Kinder durch ein Buch zu Rassisten werden. Sie argumentieren, dass sich die Konnotationen des Wortes „Neger“ geändert haben und dass es schlicht aus der Zeit fällt, dieses Wort trotzdem als moralisch neutralen Satzbaustein zu verwenden.)

Ich bin der Meinung, dass xenophobe Buchfiguren im Zweifelsfall weniger wichtig und weniger gefährlich sind als Xenophoben, die man anfassen und denen man in der U-Bahn begegnen kann. Ich glaube, dass sich das Feuilleton weniger um das Wohlbefinden von Minderheiten sondern vor allem um den Seelenfrieden der bürgerlichen Mehrheit sorgt. Und am Ende weiß ich vor allem eines: Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen mit dem Finger auf andere Menschen zeigen und sie „Neger“ oder „Zigeuner“ oder „Schwuchtel“ oder „Sozialschmarotzer“ nennen und denken, das sei so in Ordnung.

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