Amerikas Wiedervereinigung

von Martin Eiermann22.01.2013Außenpolitik

Vor vier Jahren war der Rassismus eines der bestimmenden Themen zu Obamas Amtseinführung. Über den Klassismus will dieses Mal niemand reden.

Die Verfassung eines Landes und einer Gesellschaft lässt sich teilweise aus dem erahnen, was im öffentlichen Raum besprochen, gefeiert und betrauert wird. Nach dem Attentat auf die Grundschule in Sandy Hook im Dezember stand eine ganze Nation vor der Herausforderung, Gewalt aus der Mitte der Gesellschaft heraus verstehen, verarbeiten und künftig besser verhindern zu müssen. Das kollektive Trauma war abzulesen auf dem Gesicht eines Präsidenten, der nicht nur als oberste Identifikationsfigur und als Verfechter stringenterer Waffenkontrollen, sondern auch als Vater zweier Töchter vor die Mikrofone trat und für wenige Minuten den ganzen gefühlten Schmerz eines vor sich selbst erschreckenden Amerikas in sich aufsog. Wie sonst wenige Ereignisse in Obamas bisheriger Präsidentschaft, hat das Attentat von Sandy Hook den Blick freigegeben auf das, was man vielleicht als „Seele“ der Nation oder, wenn man die religiöse Rhetorik scheut, als Essenz des Selbstbildes bezeichnen kann. Das hurrapatriotische Jubelgeschrei nach dem Tod Osama bin Ladens mag auch so ein Moment gewesen sein: Ein Schlussstrich unter ein Jahrzehnt Terrorismus und Anti-Terror-Krieg, an dessen Ende nicht immer klar war, wer denn jetzt eigentlich für die gute Sache kämpft – und damit auch der Versuch, die eigene Unsicherheit durch eine umso lautere Don’t-fuck-with-us-Attitüde zu kompensieren.

Richtig gefeiert werden konnte zum letzten Mal vor vier Jahren. Obama trat winkend als Wahlsieger auf die Bühne, Busfahrer parkten spontan ihre Fahrzeuge, weil zwischen den spätabends auf den Straßen von Boston und Chicago feiernden Menschen sowieso kein Durchkommen war. Obama wurde vereidigt, und Generationen von Amerikanern lagen sich in Washington in den Armen. Wie fast immer im amerikanischen Zwei-Parteien-System war es eine relativ knappe Wahl, doch das gefühlte Ergebnis war für viele das eines Erdrutschsieges, ein Aufbruch in ein neues, besseres, hoffnungsvolleres und toleranteres Amerika. 53 Jahre und einen Monat nachdem Rosa Parks sich in einem Bus in Montgomery, Alabama weigerte, Platz für einen weißen Fahrgast zu machen, zog ein Schwarzer ins Weiße Haus. Welche Erlösung für ein Land, dessen Geschichte sich lange vor dem Hintergrund von Sklaverei und Rassentrennung abgespielt hat und dessen Freiheitsbegriff immer durch eine Fußnote beschränkt wurde. Endlich. Der Volksseele hat es gut getan.

Rasse, nicht Klasse

Ein Vorurteil über die USA lautet, dass dort nicht gerne über Rassismus gesprochen wird. Nichts könnte weniger zutreffen. Ausführlich ist diskutiert und erforscht worden, ob Obamas Hautfarbe einen Einfluss auf das Wahlergebnis hatte oder gehabt haben könnte (Antwort: “wahrscheinlich ein bisschen”:http://www.uky.edu/AS/PoliSci/Peffley/pdf/Piston%2010_PB_How%20Prejudice%20Hurt%20Obama.pdf). Mehrere “Titelseiten”:http://www.examiner.com/article/controversial-newsweek-cover-features-barack-obama-racial-slur sind der Jagd nach offensichtlichen oder vermuteten rassistischen Anspielungen zum Opfer gefallen. Zahllose Artikel haben das immer noch problematische Verhältnis Amerikas zur eigenen Geschichte erkundet; Ta-nehisi Coates hat mit “Fear of a Black President”:http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2012/09/fear-of-a-black-president/309064/ dabei eine der tiefgründigsten und umfassendsten Analysen abgeliefert. Und zwei legislative Meilensteine der Bürgerrechtsbewegung – der „Voting Rights Act“ und die sogenannten „Affirmative Action“-Klauseln – werden noch im Laufe dieses Frühjahrs erneut in Washington vor dem Obersten Gerichtshof landen. Aus juristischer Sicht geht es in beiden Fällen um das Argument, dass Amerika seine Vergangenheit hinter sich gelassen habe und Minderheiten künftig nicht mehr gesondert fördern und schützen dürfe. In den Worten des obersten US-Richters John Roberts: „Wer Diskriminierung auf Grund der Hautfarbe beenden will, sollte aufhören, auf Basis von Hautfarbe zu diskriminieren.“ Rassismus wird heute wegdiskutiert, nicht totgeschwiegen.

Wer allerdings versucht, die seelische Verfassung der USA allein aus dem öffentlichen Diskurs heraus zu lesen, erhält in etwa ein so umfassendes Bild wie derjenige, der versucht, sich die Gesamtheit der deutschen Literaturgeschichte hermeneutisch aus einer „Faust“-Lektüre heraus zu erschließen. „Race“ ist immer noch eines der populärsten und auch polarisierendsten gesellschaftlichen Themen der USA, auch weil man seit 2008 befreiter auftreten kann, als sei Rassismus ein Ding der Vergangenheit, über das sich, Obamas Wahlsieg sei Dank, jetzt endlich locker plauschen ließe. Über Rassenschranken redet das Land – über Klassenschranken nicht.

Die ungleichen Staaten von Amerika

Wirklich _vereinigt_ sind die USA oftmals nur noch dem Namen nach. Das politische Klima in Washington, so warnen selbst alte Haudegen der Hauptstadtpolitik wie Ex-Senator Russ Feingold, sei vergiftet wie selten. Und auch durch die Bevölkerung verläuft der immer breiter werdende Riss der sozialen und wirtschaftlichen Spaltung. Die Mittelklasse, vielbeschworenes Produkt des amerikanischen Traums, schrumpft. Der Prozentsatz der von Essensmarken abhängigen und unter der Armutsgrenze lebenden Amerikanern ist heute so hoch wie zuletzt zur Zeit der Weltwirtschaftskrise – nur, dass heute eigentlich der Sozialstaat das Abdriften in prekäre Lebensverhältnisse verhindern sollte. Kosten für universitäre Bildung, Gesundheit und Rente steigen schneller als die Reallöhne, die in vielen Einkommens- und Berufsgruppen seit Jahren oder Jahrzehnten stagnieren (im Schnitt sind sie seit den 1970er-Jahren um lediglich vier Prozent gestiegen).

Die USA sind eines der reichsten Länder der Erde und gleichzeitig eine Nation, deren Wohlstand so ungleich verteilt ist wie in keinem anderen demokratisch regierten Land des Westens. Laut Daten der Weltbank liegen die USA im globalen Ranking weit hinten zwischen Venezuela und Uruguay. Und trotz alldem, entgegen aller Statistiken und aller Anzeichen sozialer Zersetzung, weigern sich viele Amerikaner beharrlich, das Wort von der „Klasse“ in den Mund zu nehmen. Der marxistische Beigeschmack ist bitter und, so scheint es, immer noch stark.

Man muss Marx nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, um die Kosten und Konsequenzen dieses verarmten und verengten Diskurses zu erkennen: Das-was-nicht-beim-Namen-genannt-werden-darf ist eng und untrennbar verbunden mit vielen der Diskussionen, die ansonsten offen und kontrovers geführt werden. Mit der Frage, warum Schwarze überproportional häufig von Sozialleistungen abhängig sind, überproportional viele Straftaten begehen, dafür überproportional “hart bestraft werden”:http://www.sentencingproject.org/doc/publications/rd_sentencing_review.pdf und häufiger rückfällig werden. Mit der Beobachtung, dass die soziale Mobilität seit den 70er-Jahren stetig zurückgegangen ist und Kinder aus einkommensschwachen Familien in ihren schulischen Leistungen immer weiter hinter ihren Klassenkameraden aus besser gestellten Familien “zurückbleiben”:http://cepa.stanford.edu/content/widening-academic-achievement-gap-between-rich-and-poor-new-evidence-and-possible. Kinder aus Haushalten in den obersten 20 Prozent der US-Einkommensskala haben heute eine 40-prozentige Chance, selbst einmal zu den Wohlhabendsten 20 Prozent zu gehören. Für Kinder der unteren 20 Prozent liegt diese Chance “zehnmal niedriger”:http://www.pewstates.org/news-room/press-releases/pew-finds-most-americans-have-greater-income-than-their-parents-but-little-movement-up-and-down-the-economic-ladder-85899403278. Die Unterscheidung zwischen dem permanenten Merkmal “Hautfarbe” und der höchstens temporären Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozioökonomischen Klasse versagt an dem Punkt, an dem das System nach oben hin immer undurchlässiger wird.

Wer handeln will, muss sprechen können

Die Abkehr der amerikanischen Wirtschaft vom Industriekapitalismus des Henry-Ford-Zeitalters bedeutet nicht, dass sich damit auch die Frage erledigt hat, im Interesse und auf Drängen welcher Klasse von Washington aus regiert wird und wer von der liberalen Dreifaltigkeit aus Wirtschaftswachstum, Bildung und Chancengleichheit realistisch profitieren kann. Doch anstatt über die ganz reale Aufspaltung des Landes in eine wachsende Unterschicht und eine sich absetzende Oberschicht zu reden, versteigt sich die amerikanische Politik lieber in einer Glorifizierung des Mittelstandes – im amerikanischen Traum eben. Die Frage, was den davon zu halten sei, dass Amerikas schwarze Minderheit heute zwar im Bus vorne sitzen darf, aber weiterhin zu oft in urbanen Ghettos vor sich hin existiert, ist dabei wenig opportun.

Politischer Wandel setzt die Artikulation gesellschaftlicher Probleme voraus. Wem die Worte fehlen, dem fehlt letztendlich auch das Handwerkszeug zur Reform. Bert Brecht hat es im Deutschland des frühen zwanzigsten Jahrhunderts auf den Punkt gebracht:

_Denn die einen sind im Dunkeln_
_Und die andern sind im Licht._
_Und man siehet die im Lichte_
_Die im Dunkeln sieht man nicht._

„Wir, das Volk, glauben, dass unser Land nicht erfolgreich besteht, wenn es einer immer kleiner werdenden Minderheit sehr gut geht und eine immer größer werdende Mehrheit kaum über die Runden kommt“, so Obama in seiner gestrigen Antrittsrede zum Beginn der zweiten Amtszeit. Nur das K-Wort wollte ihm noch nicht so recht über die Lippen kommen. Vier Jahre bleiben noch dafür.

Gerne stellt man sich in Europa vor, dass US-Präsidenten vor allem mächtige Außenpolitiker sind; doch in die Geschichtsbücher des eigenen Landes regiert sich der Präsident fast immer über innenpolitische Führungsstärke. Roosevelts „New Deal“, Johnsons „Great Society“ und sogar Reagans „New Right“ sind Beispiele für Präsidenten, die ihr Land über Parteigrenzen und über das Ende ihrer Amtszeit hinaus geprägt haben. Präsidenten, die zusätzlich zur Tagespolitik auch das Gewissen und Selbstverständnis der Nation insgesamt geprägt haben. Obamas Erfolg wird sich nach acht Jahren teilweise daran messen lassen, ob er sein Land hinaus aus der Krise und hinein in eine egalitärere Zeit geführt hat – und zum Teil daran, ob Amerika sich 2016 traut, nicht nur über die dunklen Kapitel der Vergangenheit, sondern auch über die dunklen Flecken der Gegenwart zu sprechen.

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