Menschlich, allzu menschlich

von Martin Eiermann27.12.2012Gesellschaft & Kultur

Einmal pro Jahr bietet sich die Gelegenheit, mit der versammelten Familie zu sprechen. Kirchliche Dogmen lenken da nur ab.

Scheißkalt ist es auf dem Bahnsteig in Berlin. Auch ein Grund für die Heimreise zu Weihnachten: In Mainz ist es zwar genauso grau, aber laut Wettervorhersage einige Grad wärmer. 21. Dezember, 18:05 Uhr, Gleis 13, ICE 1093 nach Frankfurt, weiter mit der S-Bahn, dann stehen die Eltern in Mainz am Gleis und warten. Auf dem Bahnsteig in Berlin unterhält eine Seniorengruppe sich und mich mit Details über diverse Operationen, und mich beschleicht der Verdacht, dass dieses ganze Gerede von der Weisheit und Würde des Alters nichts anderes ist als ein rhetorischer Trick, um die nachwachsende Generation vor der kollektiven Resignation und der sofortigen Selbstzerstörung zu bewahren.

Eigentlich habe ich vor, über meine Mitreisenden schreiben: Ein paar Stunden im Sechserabteil, dann ist es egal, wer was über wen denkt. Ich hoffe auf Klatsch und Tratsch über die vorweihnachtliche Heimreise und über die bevorstehenden Familienfeste. Immerhin ist das „Fest der Liebe“ die Zeit des Jahres, zu der mehr Ehen zerbrechen und mehr Kleinkriege ausgefochten werden als an jedem anderen Feiertag.

Der Plan geht nicht auf: Kollektiv verschanzen wir uns hinter Kopfhörern und iPads. Selbst die beiden Pärchen im Abteil wechseln im Lauf von vier Stunden kaum mehr als drei vollständige Sätze.

Home Sweet Home

Dann also ein Buch. „Die Satanischen Verse“ von Salman Rushdie; irgendwie passt es zur vorweihnachtlichen Heimreise. Es geht um tiefen Glauben und nagende Zweifel, um Gut und Böse, um Heimat, Rastlosigkeit und entwurzelte Lebensläufe. Jahrelang hat Rushdie unter dem Decknamen Joseph Anton ein Leben mit Polizeischutz führen müssen, nachdem ihm der iranische Ayatollah Khomeini 1989 als Reaktion auf die „Satanischen Verse“ im religiösen Wahn eine Fatwa aufs Auge gedrückt hatte. Früher hat man Bücher verbrannt, jetzt soll der Autor gleich mit brennen. Allein das ist ein Grund, das Buch erneut zu lesen. Seite für Seite gegen das Dogma.

_I can’t recite my prayers, I don’t know what should happen at a nikah ceremony, and in this city where I grew up I get lost if I’m on my own. This isn’t home. It makes me giddy because it feels like home and is not. It makes my heart tremble and my head spin._

Mit sechzehn bin ich das erste Mal von zu Hause ausgezogen und in die Welt hinaus gestolpert. Mainz, Washington, Mainz, Boston, Berlin, London. Ich weiß immer noch, in welcher Schublade der Zucker steht (bei den Kaffeetassen, nicht bei den Gewürzen) und dass das Schloss der Haustür rechtsdrehend und das der Hintertür linksdrehend ist. Aber Heimat ist kein Ort in Deutschland mehr. Ich bin inzwischen ein Gast im eigenen Land. Ich komme gerne, ich bleibe gerne, und ich fahre auch gerne wieder.

Heimat ist, was bleibt, wenn die Alltagserinnerungen verblassen. Freitagmorgen bei Tagesanbruch auf dem Charles River in Boston, _”six boats across, thousand meters to go”:http://www.gocrimson.com/sports/mcrew-lw/2009-10/releases/100624_Eierman_. Die Sonne, die durch die Buntglasfenster in die Bibliothek der Studentenkommune scheint. Zeit mit der Freundin, im Regen an der Küste von Massachusetts und in Kairo nach der ägyptischen Revolution. Tage in London und in den Redaktionsräumen in Berlin. Jahre und Länder, bis zum Bersten vollgepackt mit Heimat. Entwurzelt fühle ich mich nicht. Besonders deutsch aber auch nicht.

Ich kriege jedes Mal einen dicken Hals, wenn beispielsweise der Begriff der „Leitkultur“ wieder herhalten muss, um der latent vorhandenen Mischung aus ängstlicher Xenophobie und nostalgischem Deutschtum einen fortschrittlichen Anstrich zu verpassen. Leitkultur, das ist Moderne mit Scheuklappen. Geschichtsrevisionistisch ist der Begriff sowieso: Wie sonst ist es möglich, dass plötzlich die Fantasie eines friedlich zusammenlebenden „jüdisch-christlichen Abendlandes“ zur Kulturkonstante der vergangenen Jahrhunderte verklärt wird?

Miteinander reden

_When you have earned the high horizon it isn’t easy to go back into your box, into a narrow island, an eternity of anticlimax._

Die große Herausforderung zu Weihnachten ist in unserer Familie das Finden einer gemeinsamen Sprache, mit der sich die Erinnerungen und Erlebnisse des vergangenen Jahres austauschen lassen. Der Rhythmus meines Lebens unterscheidet sich mitunter gravierend von dem meiner Verwandtschaft. Die Frage, die mich auf der Zugfahrt nervös macht: Können wir uns dieses Jahr so miteinander unterhalten, dass alle sich verstanden fühlen? Schade wäre es, wenn man zwar am Tisch nebeneinander sitzt, aber trotzdem aneinander vorbei existiert:

_The disciple of the philosopher-king Chanaka asked the great man what he meant by saying one could live in the world and also not live in it, and [he] was told to carry a brim-full pitcher of water through a holiday crowd without spilling a drop, on pain of death, so that when he returned he was unable to describe the day’s festivities, having been like a blind man, seeing only the jug on his head._

„Wie immer.“ – Was für eine dumme Antwort auf die Frage, wie’s denn gelaufen ist, seit man sich das letzte Mal gesehen hat. „Wie immer“, das heißt: Ich bin entweder zu faul zum Erzählen oder habe Wochen und Monate so verdudelt, dass es jetzt nichts zum Erzählen gibt. Ich nehme mir vor, keine „Wie immer“-Antworten zu geben. Denn Nachhausekommen, das heißt auch: die Ernte an Geschichten, Erlebnissen und Erfahrungen einfahren. Die Zeit um Weihnachten ist deshalb so wertvoll, weil sie begrenzt ist. Sechs Tage müssen ausreichen, um Beziehungen um ein weiteres Jahr zu verlängern. Das ist das eigentliche Geschenk – und nicht der ganze gut gemeinte Krempel, den ich danach wieder zurück nach London schleppen muss. Die beiden großen Ideologien des Weihnachtsfestes – Konsum und katholischer Ritus – können mir gerne gestohlen bleiben. Apropos Katholizismus:

_Question: What is the opposite of faith? Not disbelief. Too final, certain, closed. Itself is a kind of belief. – Doubt._

Zum Glück fällt der Weihnachtsgottesdienst bei uns in der Familie seit einigen Jahren aus. Die Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer offensiv zur Schau gestellten Frömmigkeit haben sich eine Weile lang mit viel Weihrauch und liturgischem Tamtam verdrängen lassen. Krippenspiel, Hinknien, Aufstehen, Vater Unser, dreimal Amen – wie eine Zombiearmee stolpert die Gemeinde durch die Christmette, auf dass der heilige Geist sie erfülle. Mich hat er dabei ganz offensichtlich vergessen.

Das Problem ist nicht der Glaube an höhere Mächte (irrational, ja, aber gerade dadurch „menschlich, allzu menschlich“) oder die Faszination mit feierlich inszenierter Gemeinschaft, sondern die Behauptung von Mutter Kirche, dass sie das Zepter der Erleuchtung trage. Eine Kirche, die entschlossen an der modernen Gesellschaft (Homo-Ehe) und an der Wissenschaft (Verhütung) vorbei existiert.

„Weihnachten“, hat mir ein Freund einmal gesagt, „war die erste Revolution unserer Zeitrechnung.“ Jesus: Agitator, Widerstandskämpfer, Dissident, Märtyrer. Die Oppositionsbewegung der DDR und die Bürgerrechtsbewegung der USA fanden Zuflucht in Kirchen, die eine radikale Theologie predigten. Die große Errungenschaft der katholischen Kirche ist es, dass sie über zwei Jahrtausende dafür gesorgt hat, dass der erste Revolutionär christlicher Zeitrechnung nicht in Vergessenheit gerät. Die große Schuld der Kirche ist es, dass sie selbst zum dogmatischen Fossil geworden ist. Und es gibt an Weihnachten wirklich zu viel zu bereden, um die Zeit mit dem Anbeten katholischer Götzen zu verplempern.

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