Findet Sam Bacile

von Martin Eiermann13.09.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Zum Urheber des Mohammed-Films auf Youtube fehlen stichhaltige Informationen – viele Medien scheint das nicht zu stören.

Man muss die Politik der Israelis nicht unterstützen oder die Präsenz der USA im Nahen Osten nicht gutheißen, um zu sagen: Es kann niemals legitim sein, verletzte religiöse Gefühle in Gewalt umzumünzen, oder diese Gewalt zu tolerieren. Nicht der Anti-Islamismus wird durch die erschreckenden Bilder aus Bengasi bestärkt, sondern der Atheismus: Ein Gottesbild, mit dem sich Fanatismus irgendeiner Couleur legitimieren lässt, ist nicht glaubwürdig. A propos durchgebrannte Sicherungen: In der Vergangenheit haben sich viele Medien bei der Berichterstattung zu religiösen Konfliktthemen nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Mitunter haben sich durch aggressiv-tendenziöse Berichterstattung die Fronten so weit verhärtet – beispielsweise bei Debatten um den Moscheebau in Köln oder um ein islamisches Kulturzentrum in New York –, dass einvernehmliche Lösungen verunmöglicht wurden. Im Zweifel für den Kulturkampf: Wenn man die Sau lange genug durch’s Dorf treibt, landet man irgendwann immer bei “Sam Huntington”:http://de.wikipedia.org/wiki/Kampf_der_Kulturen.

Zu schön ist die Geschichte

So auch dieses Mal. Zu schön ist die Geschichte “vom Video”:http://www.youtube.com/watch?v=qmodVun16Q4&feature=related, dass von namenlosen jüdischen Hardlinern finanziert wurde, in der Wüste Kaliforniens gedreht wurde, von radikal-evangelikalen Priestern verbreitet wird, und anhand dessen sich jetzt die angebliche böse Fratze des Islam in all ihrer Hässlichkeit zeigt. Aber von vorne. Das Video, so schreibt es das “Wall Street Journal” in “einem Beitrag”:http://online.wsj.com/article/SB10000872396390444017504577645681057498266.html, der am 11. September nachmittags online gestellt worden ist, sei von einem 52-jährigen Immobilienhändler aus Kalifornien produziert worden, die Spenden in Höhe von fünf Millionen Dollar kämen von einflussreichen jüdischen Spendern. Der Name des Produzenten: Sam Bacile. Er selbst soll ein “israelischer Jude” sein, der auf die Natur des Islam als “Krebsgeschwür” aufmerksam machen will. Im Original liest sich das so: bq. The film’s 52-year-old writer, director and producer, Sam Bacile, said that he wanted to showcase his view of Islam as a hateful religion. “Islam is a cancer,” he said in a telephone interview from his home. “The movie is a political movie. It’s not a religious movie.” […] Mr. Bacile said he raised $5 million from about 100 Jewish donors, whom he declined to identify. Working with about 60 actors and 45 crew members, he said he made the two-hour movie in three months last year in California. […] Mr. Bacile, the filmmaker, said he posted the trailer for his film on YouTube in early July. But it had largely escaped attention until recent days, when activists on Twitter pointed to clips that included actors in anachronistic costumes, near flimsy sets and often stumbling through lines.  Diese Informationen sind seitdem von Medien weltweit aufgegriffen und weiter verbreitet worden. Die Altersangabe des angeblichen Produzenten variiert dabei zwischen 52 und 56 Jahren – wahrscheinlich ein Fehler beim Abschreiben. Ein paar Beispiel aus Deutschland: bq. Macher des Videos ist Sam Bacile, ein 56-jähriger Kalifornier, der sich selbst als israelischen Juden bezeichnet. Nach seinen Angaben habe der Film fünf Millionen US-Dollar gekostet und sei von mehr als hundert Juden finanziert worden. (SPIEGEL ONLINE) bq. Als Macher des Films, der für die Unruhen verantwortlich sein soll, gilt der Amerikaner Sam Bacile. Er soll angesichts der Gewalteskalation untergetaucht sein.  (SÜDDEUTSCHE) bq. Produziert hat den Streifen ein US-Bürger mit israelischen Wurzeln. Sam Bacile, ein 52-jähriger Entwickler von Immobilienprojekten aus Kalifornien, bezeichnete den Islam im „Wall Street Journal” am Dienstagabend als „Krebs”. (BILD ONLINE) bq. Sam Bacile, der Drehbuchautor, Produzent und Regisseur des Films, gegen den sich der Protest richtete, sagte, er habe mit solch einer Reaktion nicht gerechnet. (ZEIT ONLINE) Einzig die FAZ verzichtet auf eine explizite Nennung des Produzenten und der Herkunft des Videos. Im Nachhinein ist das wahrscheinlich eine gute Entscheidung: Die einzige (!) Quelle ist der eine Artikel aus dem “Wall Street Journal”. Dessen Autoren schreiben auf Anfrage, dass es zwar eine telefonische Verbindung zum – inzwischen untergetauchten – Produzenten gäbe, dass sie aber derzeit keine der Informationen zu seiner Herkunft oder Person verifizieren könnten. Terry Jones, der radikal-evangelikale Priester aus Florida, der das Video in den letzten Tagen stark beworben hat, verschickt inzwischen eine Erklärung an Journalisten, in der es heißt, er sei vom Produzenten des Filmes gebeten worden, bei der Verbreitung zu helfen. Weitere Informationen werden auf Rückfrage abgelehnt. Es gibt jedoch einige weitere Anzeichen dafür, dass Sam Bacile zumindest ein Pseudonym ist. Der Youtube-Kanal, auf dem seit dem 1. Juli 2012 Trailer und Ausschnitte des Films hochgeladen wurden, ist am 4. April dieses Jahres von einem Nutzer “sam bacile” erstellt worden. Weitere Hinweise auf die Existenz des Namens gibt es keine, vor 2012 taucht er im Netz nicht auf. Es wäre auch überraschend: Zu verlockend ist die Ähnlichkeit zwischen dem Namen Sam Bacile und “imbecile”, englisch für “Geisteskranker”. Noch eine weitere Information steckt im Artikel des “Wall Street Journal”: Bacile soll in der Immobilienbranche tätig sein. Nach US-Recht muss er dazu in seinem Heimatstaat Kalifornien ein Unternehmen anmelden. Doch die einzige Firma, die in Kalifornien auf den Namen “Bacile” offiziell registiert zu sein scheint, ist “Concept Pattern and Manufacturing Engineering, Inc”, ansässig in Grover Beach und in der Aluminiumbranche tätig. Eine Verbindung zum Video gibt es nicht. Die Suche in den Daten der US-Volkszählungen ergibt außerdem, dass Inhaber Jack R. Bacile inzwischen das stolze Alter von 72 Jahren erreicht haben dürfte (sofern er noch lebt) und keine jüngeren Geschwister hat. Der Name ist eine Sackgasse.

Unklare Informationen herausposaunt

Fragen zur Finanzierung bleiben ebenfalls im Dunkeln. Wenn es wirklich stimmt, dass das Video mit fünf Millionen Dollar gefördert worden ist, darf man jedoch fragen, wohin das ganze Geld geflossen sein mag. Sicherlich nicht in die stümperhafte Produktion und an Schauspieler auf Barbara-Salesch-Niveau. Was bleibt? Das Fazit, dass fast alle großen Medien in den letzten zwei Tagen Informationen in die Welt hinaus posaunt haben, von denen derzeit niemand weiß, ob sie stimmen. Und die Erkenntnis, dass wir keine Ahnung haben, woher das Hetzvideo stammt, von wem es finanziert worden ist, oder welche Agenda dahinter steht. Über die Gründe für diese Verschleierungstaktik können wir ebenfalls nur spekulieren, und das möchte ich an dieser Stelle ungern tun. Nur soviel: Genau das sind die Zutaten für eine herzlich einseitige Berichterstattung. _UPDATE #1: Die “Huffington Post hat einige Erkenntnisse zur Person Sam Bacile vom Mittwoch “hier”:http://www.huffingtonpost.com/2012/09/12/sam-bacile-film_n_1878060.html zusammengetragen. Jeffrey Goldberg von “The Atlantic” will vom amerikanischen Islamkritiker Steve Klein “bestätigt bekommen haben”:http://www.theatlantic.com/international/archive/2012/09/muhammad-film-consultant-sam-bacile-is-not-israeli-and-not-a-real-name/262290/, dass “Sam Bacile” ein Pseudonym ist und wahrscheinlich nicht in der jüdischen Gemeinde zuhause ist._ _UPDATE #2: “Gawker” “hat eine Schauspielerin des Films aufgetrieben”:http://gawker.com/5942748/it-makes-me-sick-actress-in-muhammed-movie-says-she-was-deceived-had-no-idea-it-was-about-islam, die den Produzenten als Ägypter identifiziert. Die “Washington Post” verfolgt vielleicht die heißeste Spur – sie führt nicht in die jüdische Gemeinde, sondern zu koptischen Christen und US-Evangelikalen. “Hier”:http://www.washingtonpost.com/national/anti-islam-filmmaker-in-hiding-but-remains-defiant-after-deadly-protests-in-egypt-libya/2012/09/12/b375a3e8-fc92-11e1-98c6-ec0a0a93f8eb_story.html?hpid=z2 gibt’s mehr._

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