Typisch Amerika!

von Martin Eiermann30.08.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Deutsche Medien zerpflücken Mitt Romney als rückgrat- und eigenschaftslosen Politiker. 47 Prozent der Amerikaner sind anscheinend dumm genug, ihm trotzdem ihre Stimme zu geben.

Es gibt unter linken Polit-Strategen in den USA ein Märchen, das geht so: In den kommenden Jahrzehnten wird sich das politische Gleichgewicht durch die Stimmen von Millionen Latinos und der heutigen Jugend-Generation langfristig in Richtung der Demokratischen Partei verschieben. Die politische Basis der Republikaner stirbt entweder altersbedingt weg oder schrumpft durch gesellschaftliche Veränderungen zusammen. Positionen der Republikaner zu Themen wie Abtreibung oder Homo-Ehe werden künftig wenig haltbar sein. Mit anderen Worten: Republikanische Politiker sind eine im Aussterben begriffene Spezies. Auf Wahlsiege dürfen sie künftig nicht mehr hoffen: Die Zukunft gehört dem bilingualen, progressiv-pragmatischen Politiker mit Migrationshintergrund. Wenn man der deutschen Berichterstattung zum Nominierungsparteitag der Republikaner Glauben schenken mag, ist diese angebliche Zukunft schon längst Realität. Romney sei ein „Kandidat ohne Eigenschaften“ (“„Süddeutsche“”:http://www.sueddeutsche.de/politik/us-republikaner-mitt-romney-kandidat-ohne-eigenschaften-1.1451223), der Vertreter einer untergegangenen Welt, „in der nur Menschen mit weißer Hautfarbe auftreten, die in gepflegten Häusern leben, ihren Rasen mit der Nagelschere stutzen und sich bei jeder Gelegenheit lieblich lächelnd als glückliche Großfamilie ablichten lassen“ (“„Zeit“”:http://blog.zeit.de/us-wahl/2012/08/29/petticoat-und-lippenstift/). Die Republikaner seien zur „Partei der Neinsager“ verkommen, schreiben die Verbalartilleristen von “„SPON“”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/republikaner-romney-und-obama-kaempfen-um-die-us-praesidentschaft-a-849022.html, zu einer Partei ohne Sinn und Verstand. Nur Idioten oder “senile Renter”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-republikaner-besuch-im-rentner-dorf-in-florida-a-851598.html, so die implizierte Feststellung, würden noch für diese wilde Meute abstimmen.

Totgesagte leben länger

Fakt ist: Die amerikanische Gesellschaft verändert sich. Wer in zwanzig Jahren genauso Politik macht wie heute, wird zum Verlieren verdammt sein. Die beiden großen Parteien müssen Antworten darauf finden. Schon seit 2008 hat sich die Republikanische Partei dabei nicht mit Ruhm bekleckert. In der „Washington Post“ haben Thomas Mann und Norman Ornstein im April 2012 in einem “vielbeachteten Beitrag”:http://www.washingtonpost.com/opinions/lets-just-say-it-the-republicans-are-the-problem/2012/04/27/gIQAxCVUlT_story.html die ideologische Verblendung der amerikanischen Konservativen dargelegt und die politische Blockadehaltung der Partei kritisiert. Das Online-Magazin „Salon“ bescheinigte den Republikanern erst zum Beginn dieser Woche, moderaten Konservativismus zugunsten einer Plattform aufgegeben zu haben, die „bestimmt wird von Misstrauen gegenüber der Regierung und einer Allianz von Abtreibungsgegnern und angetrieben von religiösem Glauben“. Selbst Jeb Bush, Sohn eines US-Präsidenten und Bruder eines anderen, hat kürzlich öffentlich bemängelt, dass seine Partei in blindem Wahn schon lange über die eigenen Ziele hinausgeschossen sei und heute sogar Ikonen wie Ronald Reagan für die Anhebung von Steuern zerfleischen würde. Doch wie bei jedem Märchen hat die Erzählung vom Ende der Republikaner kaum etwas mit der Realität zu tun. Der Untergang der Partei – im Volksmund GOP, „Grand Old Party“ – ist inzwischen so oft heraufbeschworen worden, dass einem die Finger zum Abzählen ausgehen. Woodrow Wilson prophezeite unter dem Banner des „Liberalen Internationalismus“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Ende einer nach innen gerichteten GOP mit den Worten: „Ich würde nie schlecht über Republikaner sprechen. Ich rede niemals schlecht über die Vergangenheit.“ Nach der Wirtschaftskrise der 20er-Jahre war es Präsident Roosevelt, der seinen konservativen Kollegen angesichts weitreichender Sozialstaatsreformen bescheinigte, „trotz zweier gesunder Beine nicht nach vorne laufen zu können“. In den Sechzigern war die GOP das Feindbild einer ganzen Generation von Bürgerrechts- und Friedensaktivisten, in den Siebzigern das der Feministen und Aufrüstungsgegner. Und spätestens mit dem von Francis Fukuyama beschworenen „Ende der Geschichte“ ist den Republikanern mit dem Kalten Krieg auch das wichtigste (außen-)politische Thema des späten 20. Jahrhunderts abhanden gekommen. Republikaner, so die immer wiederkehrende Analyse, hätten in einer globalen, modernen Gesellschaft voller Immigranten/Homosexueller/Latinos/Afroamerikaner/sozial Benachteiligter/… keine Zukunft. Nur: Die Partei ist weiterhin da und erstaunlich lebendig für einen so vielfach Totgesagten. “Einen Prozentpunkt”:http://www.gallup.com/poll/election.aspx liegt Mitt Romney (47 Prozent) in der amerikanischen Version der „Sonntagsfrage“ derzeit vor seinem demokratischen Gegenspieler Obama (46 Prozent). Wenn man dem Tenor der deutschen Berichterstattung Glauben schenken mag, sind 47 Prozent der Amerikaner also entweder dumm, senil, ideologisch verblendet oder so uninformiert, dass sie wohl im Zweifelsfall auch “für einen Affen stimmen würden”:http://www.youtube.com/watch?v=PejFLQ1ZxNA.

Politik ist kein rationales Geschäft

Überhaupt, „die Amerikaner“ – für den deutschen Leser schrumpfen 309 Millionen Menschen schnell auf den Vorurteilsmittelwert zusammen. Die USA: Ein Land so groß wie knapp 1,4 Milliarden “Fußballfelder”:http://www.bildblog.de/8616/atlantische-fussballfeldauslaeufer/, bevölkert von einer Hamburger konsumierenden Spezies, die in knapp der Hälfte der Fälle keine Ahnung hat und gerne mit großkalibrigen Waffen ballert. Willkommen im Land der absurden Vergleiche und schnellen Schlüsse. „Typisch amerikanisch“ sei etwa die grundsätzliche Ablehnung aller Steuererhöhungen, so “argumentierte”:http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-08/USA-Steuern-Wahlkampf-Gesellschaft/komplettansicht die „ZEIT“ erst vorige Woche. So ließe sich erklären, warum sich genug Wähler hinter den haushaltspolitischen Unsinn des Duos Romney/Ryan scharen. Doch abgesehen von der Tatsache, dass die derzeitige Verweigerungshaltung der GOP bei diesem Thema großteils auf das Konto eines einzigen Mannes – “Grover Norquist”:http://en.wikipedia.org/wiki/Grover_Norquist – geht (und sich sicherlich nicht an immanenten amerikanischen Charakterzügen festmachen lässt), stimmt die Analyse schon aus historischer Sicht nicht. Bis in die 80er-Jahre haben Amerikaner ohne viel Murren Steuersätze akzeptiert, die deutlich über dem heutigen Niveau lagen (eine gute grafische Darstellung der US-Einkommenssteuersätze gibt es “hier”:http://www.datapointed.net/visualizations/money/historical-us-income-tax-brackets/). „Typisch amerikanisch“ ist also an der derzeitigen Polarisierung der US-Politik und an der Idiotie der Republikaner erstaunlich wenig. Es würde ja auch niemand ernsthaft auf die Idee kommen, die Führungsrolle der Kanzlerin in der Euro-Krise als „typisch deutsches Machtstreben“ zu charakterisieren. “Typisch deutsch” ist höchstens das Sauerkraut in der bayerischen Touristenkneipe: Eine aufgesetzte Fassade, die in den meisten Fällen wenig mit der Wirklichkeit gemein hat. Warum stehen also so viele Amerikaner hinter Mitt Romney? “Aus unterschiedlichsten Gründen”:http://www.nytimes.com/interactive/2012/08/26/sunday-review/a-new-guide-to-the-republican-herd.html: Aus Sorge um die langsame wirtschaftliche Entwicklung und die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit. Aus religiösen Bedenken gegen Abtreibung oder Homo-Ehe. Aus ideologischen Vorurteilen gegen einen starken Staat. “Aus Angst vor mehr Zuwanderung”:http://www.youtube.com/watch?v=B5OWRRJh-PI&feature=player_embedded. Aus Misstrauen gegenüber der „liberalen Elite“. Aus Tradition. Aus Enttäuschung mit Obama. Als einfache Spinnerein lassen sich nicht alle dieser Argumente abtun. Für viele Wähler mag eine Stimme für Romney keine rational richtige Entscheidung darstellen, die ihnen objektiv (finanziell) zugutekommen würde – wenn der Haushaltsplan seines Vize-Kandidaten Paul Ryan umgesetzt würde, drohen radikale sozialstaatliche Kürzungen, eine sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, und zusätzliche Belastungen für die amerikanische Mittelschicht. Aber schon die Annahme, dass jeder ausreichend informierte und nachdenkende Wähler demnach sein Kreuzchen woanders machen sollte, ist Quatsch. Seit wann ist Politik ein rationales Geschäft? Selbst Mitt Romney ist mehr als eine Pappschablone. Und die journalistisch interessante Frage ist nicht, warum ein angeblich so eigenschafts- und konturloser Politiker um das Amt des mächtigsten Mannes im Staat konkurrieren kann, oder welche Heile-Welt-Version seine adrett gekämmte Frau Gemahlin auf der großen Parteitagsbühne vorspielt, sondern wie es die Republikaner geschafft haben, sich vier Jahre nach dem Wahlsieg Obamas erneut in eine aussichtsreiche Position zu manövrieren und genügend der typischen Durchschnittswertamerikaner von ihrer Politik zu überzeugen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu