Keine Panik in Nahost

von Martin Eiermann16.08.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Israel plant für den Krieg mit dem Iran. Wer darüber schreibt, kann sich nicht auf Moral und Realpolitik verlassen.

Am gestrigen Mittwoch sind “die neuesten Planungen der Israelis f für einen möglichen Krieg mit dem Iran bekannt geworden. 30 Tage werde ein solcher Krieg dauern und etwa 500 israelische Opfer fordern, so die Einschätzung des für den Zivilschutz zuständigen Ministers Matan Vilnai und von Verteidigungsminister Ehud Barak. Zumindest lasse die Einschätzung der Analysten solche Zahlen angesichts der exzellenten militärischen Angriffs- und Defensivstrategien plausibel erscheinen. Grund zur Panik gäbe es nicht, so Vilnai. Wie schreibt man über einen solchen Konflikt, über militärische Planungen und Wahrscheinlichkeiten und über das mit ihnen einhergehende politische Pokerspiel? Beim bloßen Rezipieren von Fakten (oder besser, von angeblichen Fakten) darf es sicherlich nicht bleiben. Zu frisch sind die Erinnerungen an die beiden Kriege im Irak und in Afghanistan, in deren Vorfeld sich der Journalismus jeweils als Trommler für die anscheinend gerechte Sache einspannen ließ: Erst unter dem Banner der Vergeltung und Verteidigung der freiheitlichen Ideale am Hindukusch, 15 Monate später dann unter Vorspiegelung falscher Tatsachen an Euphrat und Tigris. Es brauchte damals einen entschlossen auftretenden Außenminister Fischer l – „Excuse me, I am not convinced“ – um wenigstens die deutsche Politik vor der blinden Bündnistreue zu bewahren. In den USA hat es Jahre gedauert, bis die journalistische Elite sich das eigene Versagen eingestanden hat und im Frühjahr 2011 endlich chefredakteurlich Besserung gelobte . Wenn man damals gewusst hätte, was man heute wisse, so der ehemalige Chef der „New York Times“ reumütig, dann hätte man angebliche Fakten besser recherchiert, Quellen kritischer hinterfragt und der hausinternen Propagandistin Judith Miller / früher den Saft abgedreht.

Der Journalist kann kein Realpolitiker sein

Nein: Ob laut israelischen Analysten mit 500 oder 5000 Opfern zu rechnen sei, und ob es Grund zu Panik gäbe oder nicht, ist für die Aufarbeitung der grundsätzlicheren Fragen – nach dem Sinn und dem Recht eines Krieges – herzlich bedeutungslos. Zum einen, weil es ungeachtet der militärischen Qualitäten des israelischen Raketenabwehrschildes sehr wohl ein berechtigter Grund zur Panik ist, wenn sich im Nahen Osten zwei waffenstarre Regime gegenseitig aufstacheln, teilweise gegen die Ratschläge der eigenen Generäle. „Keine Panik“ ist häufig das rhetorische Sedativum genau derjenigen, die im nächsten Moment losknüppeln wollen. Zum anderen, weil sich die Planungen der Strategen in der Vergangenheit mit schöner Regelmäßigkeit als falsch und überzogen optimistisch herausgestellt haben. Grundsätzlich sei alles möglich, hat Sören Kierkegaard einmal geschrieben, daher sei es grundsätzlich auch möglich, sich auf alle möglichen Arten zu irren. Der Erste Weltkrieg? Ein Ding von wenigen Monaten, gewonnen noch bevor das erste Laub fällt (Kaiser Wilhelm). Der Vietnamkrieg? CIA-Berater reichen aus, um das südvietnamesische Militär auf Zack zu bringen (John F. Kennedy). Irak? Bald schon eine blühende Demokratie (George Bush). Der Fluss der Geschichte sucht sich sein eigenes Bett. Am Reißbrett planen lässt es sich nicht, begradigen kaum. Wie aber lassen sich dann die Fragen um Sinn und Recht des Krieges angehen und beschreiben? Vielleicht zuallererst mit der Abgrenzung der Medien gegenüber der Exekutive: Das Interesse der Politik ist es zwangsläufig, für die eigene Sache zu werben und die eigenen Interessen durchzusetzen. Nichts anderes meint der unglaublich unschuldige Begriff der „Realpolitik“: Die militärische Option, das wusste schon Clausewitz, ist eben nichts anderes als ein weiteres Werkzeug im Repertoire der Macht. In diesem Sinne kann ein Journalist niemals strikt realpolitisch denken, sondern höchstens pragmatisch. Sein Credo ist nicht die Vertretung von Fremdinteressen (in diesem Fall: den Interessen des Staates), sondern das Informationsversprechen an den Leser. Er kann also durchaus überlegen und hinterfragen, wie wahrscheinlich es ist, dass 60.000 auf Israel gerichtete Raketen nur 500 Opfer fordern, oder mit welchen Opfern denn eigentlich auf der anderen Seite zu rechnen sei, wenn die Luftwaffe ihre Bomben über den Nuklearanlagen und Städten im Iran ausklinkt, oder welche weiteren Optionen noch bleiben, wenn der Konflikt erst einmal eskaliert ist. Dem Pragmatiker geht es also um die Frage nach dem Sinn, nach der Daseinsberechtigung einer Handlung: Kann ein Krieg das erreichen, auf dessen Basis er legitimiert wird – in diesem Fall also die Verteidigung Israels und die Befriedung der Region?

Das Problem der Moral

Das schwierige dabei ist, dass selbst solche Überlegungen oftmals im Gewand des Grundsätzlichen daherkommen. Für den Realpolitiker ist selbst die Moral ein Mittel zum Zweck: eine rhetorische Waffe, um andere für die eigene Sache zu gewinnen. Was zählt, ist weniger ob ein Krieg „gerecht“ ist, sondern vor allem, ob er sich als legitim verkaufen lässt. Wenn ein Konflikt in einer von Grautönen dominierten Welt zur Schlacht zwischen Gut und Böse hochstilisiert wird, sollte uns bereits das am Wahrheitsgehalt der Aussage zweifeln lassen. In den Bussen von San Francisco wird derzeit beispielsweise mit dem folgenden Slogan um Spenden geworben: „In any war between the civilized man and the savage, support the civilized man. Support Israel. Defeat jihad.“ Simplistischer lässt sich der Nahostkonflikt wohl kaum darstellen. Auch die Moral kann in den falschen Händen zur mächtigen Waffe werden. Jede Form der moralischen Verurteilung oder Legitimation erscheint außerdem zwangsläufig unzureichend, wenn Menschen andere Menschen mit Raketen oder aus Panzern beschießen wollen. Ein Feigenblatt, um das Gewissen zu beruhigen und Realpolitik zu humanisieren. Es ist daher ebenfalls eine Plattitüde, an dieser Stelle zu rufen: „500 Opfer sind 500 zu viel!“ Das Moralisieren bringt uns insofern nicht weiter, als dass es den Argumenten der Realpolitik weiter Raum zum Atmen lässt: „Meine Interessen gegen deine Moral!“ Wer diese Debatte tendenziell gewinnt, lässt sich an der Geschichte ablesen. Wie also schreiben über Kriegsszenarien und Opferkalkulationen? Auf jeden Fall kritisch. Und vielleicht mit der Frage, ob tausende wirklich sterben müssen, damit zwei Ländern nebeneinander existieren können.

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