Wir Biedermänner

von Martin Eiermann27.05.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Unter dem Deckmantel der Neutralität werden rechtspopulistische Konventionen salonfähig.

Der größte Triumph der „neuen Rechten“ der 70er- und 80er-Jahre war es sicherlich, dass sich unter der Ägide der Reagan-Thatcher-Achse nicht nur der Konservatismus aus seiner Schockstarre erholt hat, sondern dass sich über das gesamte Parteienspektrum hinweg die politischen Parameter gründlich verschoben haben. Die Logik des Marktes als Richtschnur für politische Entscheidungen, privatwirtschaftliche Kosten/Nutzen-Rechnungen als Ersatz für staatlich garantierte Sozialleistungen, der Glauben an Trickle-Down-Effekte und an die Flut, die alle Boote anhebt: viele wirtschaftspolitischen Weisheiten wurden in den vergangenen Jahrzehnten so tief ins politische Fundament einzementiert, dass sie selbst im fünften Jahr der Immobilien-, Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise noch allgegenwärtig sind. Überraschend ist das vor allem, wenn man sich bewusst macht, wie effektiv diese angeblich rationale und dem Allgemeinwohl dienlichen Politik darin war, die Stellung gesellschaftlicher Eliten nach unten abzusichern und die Öffnung der sozialen Schere unablässig zu befeuern. Heute, da die „kultische Funktionsweise der Geldherrschaft“ (Walter Benjamin) Risse zeigt, offenbart sich ein neuer Absicherungsmechanismus. Dieses Mal ist es eine Kampagne gegen Zuwanderer, gegen Muslime oder – in den USA – für den Erhalt archaischer und religiös verzerrter Gesellschaftsbilder und Geschlechterrollen. Das geht so weit, dass sich während des französischen Wahlkampfes die drei Protagonisten Hollande, Sarkozy und Le Pen fast schon gegenseitig mit xenophoben und islamophoben Parolen “zu überbieten versuchten .

Absicherung durch Ausgrenzung

Auf Krisen und Unsicherheiten reagieren wir – leider – allzu oft mit Ausgrenzung, Abgrenzung und einem Rückzug in plakativ formulierte Vorurteile. Oder, wie Nikolas Kosmatopoulos kürzlich bei Al Jazeera geschrieben hat : Die Krise zeige, dass Politiker keine Vision und Journalisten keinen Anstand haben. Der Mainstream-Journalismus war noch nie besonders gut darin, aus Konventionen auszubrechen und hat sie im Zweifelsfall lieber bedient als die sich dahinter verbergenden Vorurteile zu hinterfragen. Eine Studie der Universität Berkeley f von 2010 kam zu dem Schluss, dass beispielsweise das Wort „Muslim“ in den letzten zehn Jahren einen enormen Bedeutungswandel durchlaufen hat und heute negative Konnotationen hervorruft, die unkritisch von vielen Medien übernommen werden. Eine Harvard-Studie / zur Berichterstattung zum „Krieg gegen den Terror“ und amerikanischen Folterpraktiken zieht das gleiche Fazit. Waterboarding, international eigentlich als Folter deklariert, wurde zur „enhanced interrogation technique“ umdefiniert und mit Zitaten von Vizepräsident Cheney oder Rechtsberater John Yoo gerechtfertigt. Aus der Logik dieses Diskurses haben sich die wenigsten Medien lösen können. Wir schreiben von „Männern mit Bart“ und von „Pleite-Griechen“, oder finden Wege und Worte, um in einen Text zum Islam auch noch einen Verweis auf „gewaltbereite Salafisten“ („FAZ“) unterzubringen – offensiv mit dem Kriegsschrei, das wohl doch noch sagen zu dürfen, oder defensiv unter dem Vorwand, dass der Journalismus nur das rezipiere, was allgemein diskutiert werde und nicht für das Versagen der Politik und das Aufkommen populistischer Strömungen verantwortlich gemacht werden dürfe. Das Gute an offensiv einpeitschenden Kommentaren ist, dass sie klar als solche erkennbar sind – Brachialrhetorik will sich gar nicht verstecken. Die pseudo-neutrale Berichterstattung ist schwerer zu erkennen, aber nicht weniger schädlich, wenn sie alte Konventionen unter dem Deckmantel der journalistischen Zurückhaltung bestärkt. Der alte Spruch von Thomas More e gilt auch hier wieder: _Qui tacet consentire videtur_. Nichtstun ist Zustimmung. Worte – und auch das Schweigen – sind Formen von Macht. Die Idee, dass Journalisten an der Seitenlinie des Weltgeschehens verharren, hat mich schon immer verwundert. Zum einen, weil die meisten Texte (hoffentlich) nicht nur zum Verdienen der Sonntagsbrötchen geschrieben werden, sondern eine _Wirkung_ haben sollen, und zum anderen, weil sich Konventionen und Geisteshaltungen nie ganz aus dem Journalismus herausredigieren lassen. Wir leben in _dieser_ Welt und müssen uns tagtäglich neu entscheiden, wie wir uns in ihr zurechtfinden. Ist eine scharfe These immer die Klicks wert, die sie bringt? Ist es problematisch, wenn Rupert Murdochs Medienimperium sich auf einseitigen Kampagnenjournalismus versteift, oder wenn Bela Anda hier in Deutschland wie selbstverständlich zwischen Chefredaktion, Politik und Unternehmensberatung hin- und herwechselt? Ist die Komplexität von wirtschafts- und finanzpolitischen Themen ein Persilschein für platte Thesen über den Ausstieg aus dem Euro oder die Wiedereinführung von Grenzkontrollen? Wie soll unser Wirtschaftssystem aussehen? In welcher Gesellschaft wollen wir leben, und wie viel Platz ist in einer solchen Gesellschaft für Menschen vom Schlage einer Marine Le Pen oder eines Geert Wilders?

Die Frage nach dem Warum l auf den Ausgang der Präsidentschaftswahl in Frankreich war es, fast schon überrascht festzustellen: „Präsident Hollande hat einen der schwierigsten Jobs der Welt gewonnen.“ Man will hinzufügen: Und das mit einem Wahlkampf, in dem rechtspopulistische Rhetorik vom Ausschlusskriterium beinahe zur Amtsvoraussetzung zu mutieren schien. Es ist im Zweifel einfacher, darüber zu schreiben, _was_ ist – und nicht darüber, _warum_ etwas so ist (und nicht anders), oder _ob_ es aus so sein sollte. Oder, mit Edward R. Murrow (der für das Hinterfragen politischer Konventionen in den 1950ern vor einem Untersuchungsausschuss und fast im Gefängnis gelandet ist): „Everyone is a prisoner of his own experiences. No one can eliminate prejudices — just recognize them.“ _PS: Links zu guten Artikeln und Gegenbeispielen gerne in den Kommentaren posten._

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