Die Patin

von Martin Eiermann20.05.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

67 Tage hat Christian Wulff bis zum Rücktritt gebraucht, Röttgen blieben drei Tage bis zum Rauswurf. Wenn es hart auf hart kommt, haben wir uns vor Staatsanwaltschaft und Presse weniger zu fürchten als vor dem Zorn der Kanzlerin.

Seit vier Tagen hat die Union wieder einen prominenten Kopf weniger, und erfrischenderweise sind dem Raufwurf Röttgens aus dem Bundeskabinett diesmal keine wochenlangen Todeszuckungen vorausgegangen. 67 Tage lagen bei Ex-Präsident Wulff zwischen dem “Bekanntwerden der Kreditaffäre l und dem Rücktritt; bei Ex-Verteidigungsminister Guttenberg waren es immerhin 19 Tage. Lange Tage waren es, in denen sich die beiden Protagonisten an die eigene Macht zu klammern versuchten und wir uns entlang meinungsstarker Leitartikel und inhaltsarmer Statements jeweils bis zum nächsten Sonnenaufgang retten konnten, wenn mit der morgendlichen Presseschau auch das Hauen und Stechen in die nächste Runde ging. Die Beweislast war in beiden Fällen einigermaßen erdrückend, was sich schon an der Renitenz ablesen lässt, mit der in Bellevue und im Bendlerblock Erklärungen verlesen wurden, die gar keine waren und jedes Schuldeingeständnis durch entsprechend schlüpfrige Formulierungen geschickt zu vermeiden wussten. Am Ende konnten alle tief durchatmen: Die Kanzlerin, weil ihre Sorgenkinder letztlich doch den Rücktritt mit Anstand wählten. Wulff und Guttenberg, weil mit dem Dienst am Volk auch der tägliche Spießrutenlauf ein Ende nahm (aber, zumindest im Fall Wulff, auch weiterhin fürstlich entlohnt wird). Der Wähler, der seitdem zwar mit weniger Glamour auskommen muss, aber im Gegenzug augenscheinlich auf ein Mehr an Kompetenz in den betreffenden Ämtern vertrauen darf. Und die Medien, die sich auf die Fahne schreiben konnten, zumindest ein bisschen an den Stühlen der beiden gesägt und sich die eigene Relevanz damit wieder einmal zufriedenstellend bestätigt zu haben.

Drei Tage bis zum Rauswurf

Dieses Mal lagen dagegen kaum drei Tage zwischen der Schließung der Wahllokale in NRW und der Erklärung der Kanzlerin, dass sich Ex-Wunderkind, Ex-Spitzenkandidat und Ex-Oppositionsverweigerer Röttgen jetzt auch noch mit dem Titel des Ex-Umweltministers schmücken könne. Wie schnell eine politische Karriere zu Ende gehen kann. So schnell, dass selbst die gerade noch Henri-Nannen-gestärkte „Bild“-Zeitung am Mittwoch Nachmittag genauso wie der Rest der Presse von der Meldung überrascht worden war, dass Kanzlerin Merkel um 16:30 Uhr ein Statement abzugeben gedenke. Röttgen durfte zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr persönlich auftreten. Wenn’s mit einer nächsten Legislaturperiode nicht klappt, werden sich immerhin diverse Unternehmensberatungen um Frau Merkel reißen: Effizienter lässt sich ein leitender Mitarbeiter kaum feuern. Nach weniger als eineinhalb Minuten war Merkel wieder weg, das Stehpult im Kanzleramt verwaist und die Schlagzeilen gedruckt: „Eiskalt“, „Alternativlos“, „Irreparabel beschädigt“ sei Röttgen, voll „Hybris und Uneinsichtigkeit“, „Männermörderin Merkel“ habe lediglich „Ballast abgeworfen“. Oder, wie Welt.de l gestern titelte: „Mutti war einmal – die neue Härte der Kanzlerin“. Merke: Wenn es hart auf hart kommt, hat der gemeine Politiker die Staatsanwaltschaft und die freie und kritische Presse immer noch weniger zu fürchten als den Zorn der Kanzlerin. Der Spitzenpolitiker, der am schnellsten und kompromisslosesten seinen Stuhl räumen musste, ist gleichzeitig der Einzige der dreisten drei des vergangenen Jahres, der sich nachweislich nichts juristisch Relevantes oder moralisch Verwerfliches hat zuschulden kommen lassen. Wahlen zu verlieren, auch krachend, ist Teil des politischen Berufsrisikos. Röttgen musste trotzdem gehen, ohne Wenn und Aber, der Kanzlerin sei Dank.

Der Finger am Abzug

Das journalistische Fazit: Haarsträubende Fehler habe er gemacht, den Wahlkampf versiebt, das Bekenntnis zu NRW vermissen lassen, politische Notwendigkeiten der persönlichen Eitelkeit untergeordnet und zu guter Letzt versucht, die Kanzlerin in Mithaftung für das erwartbar desaströse Wahlergebnis zu nehmen. Es überrasche nicht, dass Merkel die Notbremse gezogen habe, angesichts einer zerstrittenen Koalition, schlechter Umfragen, persönlicher Antipathien und der Aussicht auf die kommende Bundestagswahl. Das ganze realpolitische Einmaleins lässt sich am Fall Röttgen durchexerzieren. Aber sind seine Fehler wirklich weniger haarsträubend ? Anstrengungen, denen Röttgen anscheinend bis zum Dienstag noch gewachsen erschien (und dafür sogar von kritischen Unionskollegen zumindest halbherzige Unterstützung bekam). Ein bisschen Camorra A steckt eben auch in Mutti Merkel: Waffen gibt es viele. Politik ist zu wissen, wann man abdrückt.

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