I Predict A Riot

Martin Eiermann13.08.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

London hat eine heiße Woche hinter sich. Die Häuser brennen, die Jugend freut sich – oder etwa nicht? Wer die Realität der Menschen nicht kennt, sollte sich mit Dämonisierungen zurückhalten. Und endlich einmal nach dem Warum fragen.

Tottenham, Hackney, Peckham – die Namen der Stadtviertel, in denen in London beharnischte Polizeieinheiten auf vermummte Jugendliche treffen, haben wir inzwischen alle gehört. Doch die allermeisten Menschen, die Berichte aus London entweder lesen oder selber schreiben, haben wohl nie in Vierteln gelebt, die jetzt als „Problemviertel“ und „soziale Brennpunkte“ beschrieben werden. Wir lesen und schreiben über Alltagsrealitäten, über Gefühle und Sorgen, die uns in den meisten Fällen selbst nicht bekannt sind und auch nicht betreffen. Wenn wir uns Gedanken machen über “die Jugendarbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit, die Aggression”:http://www.reuters.com/article/2011/08/10/us-britain-riots-hackney-idUSTRE77946F20110810 – kurz: all jene Faktoren, die jetzt als auslösende Momente zitiert werden – dann können wir so frei darüber sprechen und schreiben, weil sie uns in den meisten Fällen fremd sind. Unsere Herausforderung ist allein, die richtigen Worte zu finden. Den Umgang mit den Problemen an sich können wir relativ bequem ignorieren oder mit Hinweis auf das Macht- und Gestaltungsmonopol des Staates abwälzen. Die Frage nach dem „Warum“ ist für den gepolsterten Rest der Gesellschaft eine Luxusfrage: Wir können und sollten sie uns stellen, müssen es aber nicht. Und solange wir nicht nach dem „Warum“ fragen, fällt eine Beurteilung und Einordnung entsprechend schwer.

Das Jahr der Jugend?

Es ist “fast schon zu trivial”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/6798-proteste-in-spanien, um es noch einmal zu erwähnen: London ist nicht Athen ist nicht Madrid ist nicht Kairo. Die zum Vergleich notwendigen Generalisierungen sind so stark, dass darunter auch die Aussagekraft derselben kräftig zu leiden hat. Die großen Narrative der desillusionierten Jugend zerbrechen an der harten Realität vor Ort, am Unterschied zwischen tauben Ohren der Politik auf der einen Seite und den brutalen Repressalien autokratischer Systeme auf der anderen. Und doch gibt es einen kontextübergreifenden Effekt: Die Sensibilisierung der Medien und Menschen für ein Thema, das sich so einfach als Rowdytum zerreden lassen ließe. Als 2010 die Studenten in Großbritannien gegen eine Erhöhung der Studiengebühren auf die Straße gingen, “las sich das beim „Spiegel“”:http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,728433,00.html teilweise so: einer Minderheit „war nach mehr Action zumute“. Sie besetzten die Parteizentrale der konservativen Tories, dann „konnten die Randalierer ungehindert durch die Lobby des Millbank Towers marschieren und Rauchbomben schmeißen. Volle fünf Stunden hatte die Polizei damit zu tun, die Eindringlinge zu vertreiben und die Ansammlung aufzulösen.“ Zitiert wurden in den Artikeln die Vertreter der Polizei und der Regierung, die anscheinend besser als die Demonstranten selbst wussten, warum plötzlich Steine flogen. Wenn dann einmal die Studenten selbst befragt wurden, dann schafften es vor allem Sätze wie „Dies ist nur der Anfang“ ins Rampenlicht. Wer solche Aussagen gegenüberstellt, muss sich gar nicht erst mit den Grautönen einer Situation auseinandersetzen. Die “Rollen von Gut und Böse”:http://www.theeuropean.de/stefan-gaertner/7665-die-reichen-pluendern-insgeheim-die-armen-offiziell sind bereits verteilt, bevor der Vorhang sich hebt. Man hätte genauso gut eine “Pressemeldung des Polizeipräsidenten”:http://content.met.police.uk/Page/NewsBulletins?Scope=Corporate veröffentlichen können: „Die Polizei wird das Recht auf friedliche Demonstrationen respektieren. Doch ich warne alle, die in dieser Woche wieder in London auf die Straße gehen wollen, vor den Konsequenzen von Gewalt und Chaos.“ Das hat sich verändert. Die Überschriften der Artikel künden jetzt von der “Frustration der Jugend”:http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,779516,00.html und der “Ratlosigkeit der Bevölkerung”:http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,779331,00.html. Einige wenige Tage nach Artikeln über “den Mob”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,779308,00.html in London finden auch die Jugendlichen selbst verstärkt Gehör. „Ihr würdet doch sonst niemals mit uns reden“, so ein Jugendlicher “zu einem amerikanischen Reporter”:http://worldblog.msnbc.msn.com/_news/2011/08/07/7292281-the-sad-truth-behind-london-riot. Bilder von roher Gewalt und Beschreibungen des sinnlosen Plünderns “stehen neben”:http://www.zeit.de/2011/33/01-England-Jugend-Proteste-Gewalt/komplettansicht Gedanken zu Ohnmacht, Ausgrenzung, Polizeigewalt und Desillusionierung.

Mit Menschen sprechen, von Menschen hören

Zu oft haben wir in den letzten sieben Monaten von Jugendbewegungen gehört, von Jugendarbeitslosigkeit und Frustration, von starren Strukturen und enttäuschten Hoffnungen. Zu oft haben wir gesehen und “gelesen”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/6873-democracia-real-ya, wie sich Jahre der Frustration in extrem verschiedenen Kontexten entladen haben; wie Jugendliche ihren Teil des Kuchens eingefordert haben, weil sie nicht mehr davon ausgehen konnten, ihn von den politischen oder wirtschaftlichen Eliten serviert zu bekommen. Der große Narrativ der Jugendrevolution mag nicht akkurat sein, sensibilisierend ist er auf jeden Fall. Wir lesen und schreiben immer noch über Lebensrealitäten, die für uns nur als zweidimensionale Dias existieren. Das Verständnis fällt immer noch schwer – teilweise zu Recht, teilweise nicht. Doch wir hören besser zu, wir fragen endlich nach dem „Warum“. Warum seid ihr so wütend? Müsst ihr auf den Straßen zerstören, weil ihr euer eigenes Leben nicht aufbauen könnt? Warum hat es so weit kommen müssen? Bei den Protesten in Spanien und in den Ländern des Nahen Ostens haben wir uns entschlossen, vor allem Stimmen von dort zu suchen. Wir wollen nicht über Menschen sprechen, sondern von ihnen hören. Wir wollen ihnen selbst die Frage nach dem „Warum“ stellen, ihre Antworten hören und ernst nehmen – auch weil wir nur so beurteilen können, welcher Zweck welche Mittel rechtfertigt. Heute endet auch ein Artikel bei SPON mit Worten, die man vor einem Jahr wohl kaum gelesen hätte: Die Proteste in London seien „ein Grund zur Mahnung. Eine Mahnung an die Politik und Gesellschaft, jeden Tag dafür zu arbeiten, dass der Nährboden für solche Gewaltausbrüche gar nicht erst bereitet wird.“ Wer so vom Nährboden schreibt, kann das daraus Erwachsende nicht pauschal “als böse”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/7496-der-massenmord-zu-oslo abkanzeln.

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