Am Morgen danach

von Martin Eiermann3.01.2012Medien

Mein Unwort des Jahres: Blackout! Unwissenheit ist kein Freibrief fĂŒr schlechtes Handeln, und schon gar kein Grund, sich aus der eigenen Verantwortung zu stehlen.

Der Kopf brummt, aus den Hosen hat man es auch nicht mehr geschafft. War wieder eine schwere Nacht, merkt man beim Aufwachen. Solange es immerhin das eigene Bett ist 
 An das Wie und Was kann man sich nicht mehr wirklich erinnern; irgendwann am frĂŒhen Nachmittag werden die ersten Anekdoten per SMS eintrudeln. Ein klassischer Fall von Blackout. Das VerfĂŒhrerische daran: Man kann jede Dummheit gelassen mit Hilfe der Amnesie wegleugnen oder zumindest auf die verminderte ZurechnungsfĂ€higkeit verweisen. Mit dem zunehmenden Pegel steigt auch die Bereitschaft der anderen, zu verzeihen. Der Alkohol sei schuld gewesen, hat Mel Gibson daher auch bekannt, nachdem er eine Straßenstreife in Kalifornien mit ĂŒblen antisemitischen Äußerungen angegangen hatte; er dĂ€chte ja sonst ganz anders.

Umweltschonend ins Mittelalter

Dieser Freibrief zur Verantwortungslosigkeit prĂ€destiniert den Blackout als Verteidigungswaffe im Arsenal der versierten (man könnte auch sagen: skrupellosen) Politik. 2011 gab es genĂŒgend Beispiele dafĂŒr: Blackout, das war das Totschlagargument, mit dem deutsche Energieversorger gegen den Atomausstieg mobil zu machen versuchten. Das Stromnetz werde zusammenbrechen, wenn BrunsbĂŒttel und Co. vom Netz gingen, wurde uns lauthals verkĂŒndet. Da half es auch wenig, dass die Bundesnetzagentur den Hiobsbotschaften mit Entwarnungen entgegentrat. Dunkle Zimmer, kalte Heizungen, schlechte Stimmung. Die Energiewende schien Deutschland flugs ins Mittelalter zurĂŒckzuversetzen. Passiert ist: Nichts. Blackout, das ist auch der offensichtliche Geisteszustand derjenigen im Finanzsektor, die jetzt munter auf den Status quo pochen und dabei offensichtlich vergessen haben, dass es genau dieser Status quo war, der uns unter anderem eine Hypothekenblase und toxische Wertanleihen hinterließ. „Es ist schon bizarr, davon zu sprechen, dass Wall Street jetzt unter der Finanzkrise zu leiden habe“, analysierte der US-Journalist Ira Glass schon 2009. „Wall Street hat sich diese Krise selber zuzuschreiben.“ Blackout, das ist die rhetorische Strategie des Ex-Verteidigungsministers. Statt zu vieler Drinks waren es zu viele DatentrĂ€ger, auf denen er sein Informationssammelsurium ablegte und dann leider den Überblick ĂŒber eigene Gedanken und fremde Inspirationen verlor. Dieser Blackout war wohl besonders schwer – anders ist es kaum zu erklĂ€ren, dass auch nach sechs Monaten AusnĂŒchterungszeit in Übersee immer noch kein Rest an SchuldgefĂŒhlen zu finden zu sein scheint. Der Mann sollte es einmal bei den Anonymen Abschreibern versuchen; Therapie kann Wunder wirken.

Therapie kann Wunder wirken

Und Blackout ist auch (und zwar ganz offensichtlich) der Grund hinter der Implosion von Rick Perrys PrĂ€sidentschaftskandidatur in den USA. FĂŒnfzig Sekunden, ein verlegenes „Oops“, das war’s. Was dabei leicht unter den Tisch fĂ€llt, ist die ebenso offensichtliche Tatsache, dass Herr Perry noch nie besonders qualifiziert fĂŒr das höchste Amt im Staate zu sein schien. Was ist ein grĂ¶ĂŸeres Armutszeugnis fĂŒr die republikanische Partei: der realitĂ€tsferne 9-9-9 Steuerplan eines Herman Cain oder die homophobe Brachialrhetorik von Rick Perry? Man weiß es nicht so genau, und will es auch gar nicht so genau wissen. Darf man sich etwas wĂŒnschen fĂŒr 2012? Dann das hier: Politiker, die zu den eigenen Fehlern stehen und bereit sind, dafĂŒr die Konsequenzen zu tragen. Ehrliche Politik, die weder den tagtĂ€glichen Untergang aufgrund der VorschlĂ€ge des politischen Gegners herbeiredet noch an der Wahlurne Luftschlösser baut. Wer keine neuen Schulden machen will, muss nun einmal mehr einnehmen oder weniger ausgeben. Auch Herr SchĂ€uble ist kein Goldesel. Und, so ganz allgemein, die Bekenntnis zur Verantwortung: Zwar ist nicht jeder unbedingt seines GlĂŒckes Schmied, aber jeder kann sein Handeln so ausrichten, dass es Gutes schafft und Schlechtes verhindert. Es wĂ€re ein Jahr ohne Blackouts.

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