Mein Haus, mein Auto, mein Albtraum

Martin Eiermann2.06.2011Gesellschaft & Kultur

Wenn wir an unsere Väter denken, kommen oftmals konkrete Erinnerungen hoch, an Gebote, Verbote und Lebenslektionen. Dabei kann es am bedeutendsten sein, wenn die Eltern uns einfach einmal machen lassen.

Es gibt einige Vater-Sohn-Lektionen, die ich nie gelernt habe. Krawattenbinden zum Beispiel, die Steuererklärung machen oder tropfende Wasserhähne und Zündkerzen reparieren. Fließenlegen schon, aber das ist lange her. Handfestes Zeug eben, damit man das Haus instand halten kann und den Chef zufrieden stellt.

Auf Lebenszeit in die Vorstadt

Im Nachhinein scheint es mir manchmal, als ob ich wirklich erstaunlich wenige Dinge von meinem Vater gelernt habe, die gemeinhin als sinnvoll und notwendig erscheinen. Das mag zum einen daran gelegen haben, dass der Herr Beamte gerne selbst die Steuererklärung fluchend bis auf den allerletzten Tag vertrödelt und ist zum anderen als großes Kompliment gemeint. Ich könnte mir in meiner aktuellen Lebenssituation kaum etwas bedrückenderes vorstellen, als auf Lebenszeit “in die gruselige Vorstadtidylle verbannt zu werden”:http://vimeo.com/16970228 oder bereits heute zu wissen, wo und wie ich in zehn Jahren einmal meine Brötchen verdienen werde. Heute bin ich meinen Eltern zutiefst dankbar dafür (klingt spießig, ist aber so), dass sie das nickend akzeptiert haben und auf Familienfesten regelmäßig die Verwandtschaft informieren und beruhigen: “Keine Nachrichten sind gute Nachrichten, der Junge wird schon nicht verhungern.” Falls mein Vater sich nachts für diese Toleranz selbst gegeißelt hat, habe ich davon zumindest nichts mitbekommen. Eines der ersten Youtube-Videos, die mein Vater mir geschickt hat, ist eine “alte Werbung von Apple”:http://www.youtube.com/watch?v=4oAB83Z1ydE. Mein Vater ist ein großer Apple-Fan; und er ist es auch schon gewesen, als Steve Jobs und Steve Wozniak noch in relativer Anonymität an ihren Computern herumbastelten. Die Werbung war damals der Anker der “Think Different”-Kampagne von Apple. Mit reichlich Pathos werden die Bilder großer Menschen mit großen Worten unterlegt. Das Feindbild ist die Konformität – und natürlich der große und damals noch scheinbar omnipräsente Rivale Microsoft. Manchmal frage ich mich, warum er mir den Link geschickt hat. Ging es dabei um mich oder um ihn? Den Revoluzzerbart hat mein Vater – zum Leidwesen meiner Mutter – schon lange abrasiert; heute wird Sakko getragen. Das deutsche Beamtenwesen ordnet, kategorisiert, heftet ab. Manchmal auch meinen Vater. Und doch gibt es Momente oder Einzelheiten wie die Skulptur auf seinem Büroschreibtisch oder den Brief, der er mir zum Umzug in die USA in die Hand gedrückt hat, auf denen diese andere Seite durchblitzt. Das ist auch gut so, Ordnung kann sehr auslaugend und sedativ wirken.

Welcher Unsinn!

Vielleicht kann Steve Jobs noch einmal helfen und den rhetorischen Unterbau zum Vatertag liefern. 2005 hat er an der Stanford University die “Laudatio”:http://news.stanford.edu/news/2005/june15/jobs-061505.html während der Abschlussfeiern gehalten und dabei Bezug genommen auf den Buchverlag der Gegenkultur-Ikone Stewart Brand, dessen Interview “wir grade erst hier veröffentlicht haben”:http://www.theeuropean.de/stewart-brand/6758-kulturpessimismus-ideologie-und-atomkraft: _”It was the mid-1970s, and I was your age. On the back cover of [the final book] was a photograph of an early morning country road, the kind you might find yourself hitchhiking on if you were so adventurous. Beneath it were the words: “Stay Hungry. Stay Foolish.” It was their farewell message as they signed off. Stay Hungry. Stay Foolish. And I have always wished that for myself. And now, as you graduate to begin anew, I wish that for you.”_ Ich habe mir diese Mentalität nie gegen den Widerstand meines Vaters erkämpfen müssen sondern immer den Eindruck gehabt, dass mein Vater mir genau diesen Durst und Sturm und Drang auch wünscht, weil er selbst einen Wert daraus gezogen hat und hoffentlich immer noch zieht. Herr Knigge möge sich seine Krawattenknoten sonstwo hinstecken – das hier zählt soviel mehr.

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