Zum Glück ist's nichts Ernstes!

Martin Eiermann25.02.2011Medien, Politik

Die Doktorwürde ist Guttenberg los, die Debatte geht weiter. Schlecht ist das nicht unbedingt. Wer die Skandale einfach weglächelt, hilft am Ende nur der Idee vom schönen Schein.

Da war die Uni Bayreuth einen Tag zu langsam: Mit seiner Bekenntnis, den Doktortitel nicht mehr führen zu wollen, ist Guttenberg der erzwungenen Aberkennung zuvorgekommen und hat damit zumindest den Anschein einer freiwilligen Rückgabe gewahrt. Seine Dissertation wird ebenfalls nicht mehr verlegt, die Akte Dr. zu Guttenberg kann aus universitärer Sicht als geschlossen gelten. Und jetzt? Die Debatte mag “noch nicht sterben”:http://www.theeuropean.de/mark-t-fliegauf/5797-causa-guttenberg, zu Recht. Es wäre auch nur zu schön, wenn sich mit dem jetzt doktorlosen Minister auch der Rest des Landes leise seufzend zurücklehnen könnte und proklamierte: _Zum Glück war’s nichts Ernstes (und schade auch um den Doktortitel)!_

Guttenberg bleibt kontrovers

Schön wäre es, nur leider falsch. Im Kern geht es immer noch um den Unterschied zwischen Sein und schönem Schein: Wenn Politiker ihre Aussagen lange über das Verfallsdatum hinaus verteidigen, wenn Politik und Journalismus sich gegenseitig die Worte von den Lippen ablesen wollen, dann ist es nicht überraschend, wenn sich hier und da einige Sorgenfalten bilden. Wenn das Fundament der parlamentarischen Demokratie – die vielleicht blauäugige Ansicht, dass ein Land von kompetenten Volksvertretern besser regiert werden kann als von dem “Souverän”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/5812-zu-guttenberg-der-bundestag-und-ein-argwohn selbst – als löchrig dasteht, ist’s irgendwann auch um den Überbau geschehen. Wen wundert die politische Apathie, wenn die Politik selbst zum Possenspiel wird? Das dürfen sich auch getrost diejenigen Parlamentarier fragen, die sich – dem “Proporz sei Dank”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,733908,00.html – schon in die Warteliste für das Bundesverdienstkreuz eingetragen haben. Nicht mangelnde wissenschaftliche Kompetenz und die galant vernachlässigte (oder, je nach Sichtweise und Zeitkontingent: die effizient wegrationalisierte) Sorgfalt beim Zitieren sind das eigentlich Beunruhigende. Das Problem ist die mangelnde Wahrheitsliebe eines Politikers, der die “Blödheit” seiner Dissertation bedauert, wenn es doch gar nicht um Blödeleien und krude Thesen geht, sondern um das Klauen fremder Inhalte, um die Flucht nach vorne eines Machtmenschen, der erst durch die kollektive Arbeit des Guttenplag-Wikis davon überzeugt werden konnte, dass die Beschuldigungen vielleicht doch etwas mehr waren als die anfänglich von ihm beschworenen “abstrusen Vorwürfe”.

Was heißt denn Wahrheit?

Guttenberg “weiß, dass die Soldaten und die Bevölkerung ihm vertrauen und er dafür auch keine akademischen Titel benötigt”, so CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich. Stimmt. Doch was die Politik braucht, sind Politiker, die Wahres auch wahr nennen und der Versuchung des Messens mit zweierlei Maß widerstehen. Was ist jetzt von einem Politiker zu halten, der, obwohl nicht aufgrund seiner wissenschaftlichen Kompetenzen ins Ministeramt berufen, doch genau diese gefühlten Kompetenzen medial inszenierte? Einer, der von seinen Untergebenen nach dem Kundus-Bombardement absolute Aufklärung forderte oder spontan den Gorch-Fock-Kommandanten aus dem Dienstwagen heraus per Handy abservierte – und sich jetzt dem “gleichen Standard”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/5806-plagiats-affaere verweigert und die Wahrheit euphemistisch wegfabuliert. Und wenn wir schon einmal von der Wahrheit sprechen: Wahr ist auch, dass zeitgleich mit der deutschlandweiten Hysterie um 450 Seiten halbseidenen Wissens das libysche Militär mit Waffengewalt und Söldnerbeistand gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, dass in Ägypten die erste Partei seit Anno Dazumal neu zugelassen wurde und dass sich auf Bundesebene Regierung und Opposition über ein Jahr nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts immer noch nicht auf eine lächerlich geringe Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze verständigen konnten. Es ist der Wille, nicht wissen zu wollen, der langfristig mehr Schaden anrichten kann als ein Bücherregal voll Plagiaten. Schade wär’s. Denn es zeigt sich einmal wieder: Ganz auf freiwilliger Basis haben noch die Wenigsten Konsequenzen gezogen.

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