Am Anfang war das Wort

von Martin Eiermann20.04.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Antisemitismus-Vorwurf an Grass ist absurd. Was bleibt uns eigentlich noch, wenn wir es wirklich mit Judenhass zu tun haben?

Wörter sind wichtig. Es macht einen Unterschied, ob wir Anders Breivik als „rechtsradikalen Attentäter“ („SPON“ am 21. Dezember 2011) oder als „Terroristen“ (Breiviks Vater) bezeichnen; vor allem wenn man bedenkt, mit welcher Euphorie wir sonst vom „islamischen Terror“ oder vom „Linksterrorismus“ sprechen. Denn mit Wörtern, schreibt der Sprachkritiker Wolf Schneider in seinem Buch „Wörter machen Leute“, ordnen wir die Welt: „Wir kleben Namensschilder auf die Fülle der Erscheinungen und den Strom der Gefühle, wir machen uns die Umwelt durch Benennung handhabbar.“ Und weiter: bq. „Wörter _verführen und attackieren uns_: laut und erkennbar durch Befehl, Drohung, Hohn und Fluch, heimlich durch Sprachlenkung und Manipulation. So viele Wörter, so viele Vorurteile: ob der Finanzminister bei einer Inflationsrate von sechs Prozent die _Wahrung_ der Stabilität verspricht oder ob wir ein Kind, das sich am Löwenzahn freut, mit der Wortkeule _Unkraut_ auf Vertilgung programmieren. _Ungeziefer?_ Die Natur kennt nichts dergleichen; eine willkürlich umgrenzte Gruppe von Tieren benennen wir so, damit es uns leichter fällt, sie zu zertreten. Wörter können Vorboten der Hinrichtung sein: Menschen sagten zu anderen Menschen _Barbaren, Heiden, Nigger, Juden, Kulaken_ – und schlugen sie tot.“ Nicht umsonst sprechen wir bei einer besonders akkuraten Beschreibung davon, den Finger „in die Wunde zu legen“, dorthin, wo es am meisten schmerzt. Wörter haben Macht, und wer sie dazu noch geschickt einzusetzen weiß, dem ist damit mehr als bloß eine (wiederum sprichwörtliche) „Macht des Wortes“ gegeben. Wer seine Worte kennt, kann Taten folgen lassen – oder wird durch die Worte anderer am Handeln gehindert. Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort (Johannes 1.1).

Vorsicht mit den großen Wörtern

Das heißt auch, dass Vorsicht angebracht ist bei der Wortwahl, vor allem dann, wenn Begriffe negativ besetzt sind (die Kritik stellt uns vor größere Probleme als das Lob, gegen das, wie Freud schon wusste, wir sowieso machtlos sind). Wer Demonstranten pauschal als „Chaoten“ abkanzelt, verkennt das verbriefte Recht auf Protest. Chaoten, das waren bereits die Leipziger Montagsdemonstranten aus der Sicht des SED-Regimes. Wer von „Pleite-Griechen“ und „Sozialschmarotzern“ schreibt, dem geht es nicht um die Information, sondern um die Aufwiegelung von Emotionen, um Kampagnenjournalismus schlechter Schule. Und wer Günter Grass instinktiv als Antisemiten geißelt, der hat offensichtlich die Debatte verpennt. bq. „Denn der Antisemitismus ist überall. Grass? Ganz klar – Antisemit! Das ZDF? Antisemiten! Claudia Roth? Antisemitin! Die Deutschen, von denen nur vier Prozent Grass der Judenfeindlichkeit verdächtigen? Antisemiten! Und selbst Barack Obama, der (wie Grass) vor einem Erstschlag Israels gegen den Iran warnt, ist: Antisemit! […] Broder braucht seine Antisemiten wie die Luft zum Atmen.“ Mark Fliegauf hat diese Sätze

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