Humor ist, wenn man trotzdem lacht

von Martin Eiermann1.04.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Selbst der ernsthafteste Kritiker verödet ohne die jährliche Dosis Humor.

Dieses Internet ist schon eine Fundkiste ohne Boden. Und weil es etwas zu einfach und platt wäre, die zweifelsfreie Ähnlichkeit zwischen schlechten Nachrichten und guten Aprilscherzen zu kritisieren, gibt es zur Feier des Tages sechs humorige Blüten des Journalismus: Kennt eigentlich jemand die Schweiz? Offensichtlich nicht zu genau. Als die britische BBC im Jahr 1957 verkündete, dass günstiges Klima und eine Pestizidkampagne gegen den Nudelschädling zu einer “rekordverdächtigen Spaghetti-Ernte”:http://news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates/stories/april/1/newsid_2819000/2819261.stm geführt hätten, meldeten sich britische Hobbygärtner per Telefon und erbaten Tipps zum Eigenanbau. Die Antwort der Redakteure: „Pflanzen Sie eine Nudel in eine Dose mit Tomatensauce und hoffen Sie auf das Beste.“ Und “noch mal die BBC”:http://en.wikipedia.org/wiki/Jovian%E2%80%93Plutonian_gravitational_effect: Als Antwort auf das pseudowissenschaftliche Buch „The Jupiter Effekt“ (demzufolge der Planet Jupiter durch seine Gravitationskraft ein Erdbeben auf der Erde auslösen könne) bereitete BBC2 im Jahr 1976 die Hörer auf ein einmaliges astronomisches Erlebnis vor. Auf Grund der Planetenkonstellation von Pluto und Jupiter könne man kurz zu schweben beginnen, wenn man zum richtigen Zeitpunkt (um 9:47 Uhr morgens) in die Luft springe. Dutzende Hörer riefen nach der Sendung im Funkhaus an, um vom eigenen Schwebezustand zu berichten. Eine Frau verkündete, sie sei mit elf Freunden gemeinsam im Raum geschwebt.

„Ich habe keine Fehler gemacht, und ich werde sie nicht wiederholen“

Im Jahr 1977 veröffentlichte die britische Zeitung „The Guardian“ eine siebenseitige Reise-Beilage über die Inselgruppe “San Serriffe”:http://en.wikipedia.org/wiki/San_Serriffe im indischen Ozean: über die Hauptstadt Bodoni, die Geschichte des Landes, seine Kultur, die lokale Küche und die beiden Hauptinseln Upper Caisse und Lower Caisse. Vielen Lesern fiel dabei offenbar nicht auf, dass sowohl die Form der Inselgruppe (ein Semikolon) und sämtliche geografische Bezeichnungen an Drucker- und Typographiebegriffe angelehnt waren. In der Redaktion klingelten die Telefone mit Anrufen von Lesern, die gerne den nächsten Urlaub auf der schönen Südseeinsel verbringen wollten. „Ich habe keine Fehler gemacht, und ich werde sie nicht wiederholen“ – mit diesem Wahlkampfslogan verkündete Richard Nixon 18 Jahre nach seinem Rücktritt als US-Präsident angeblich “seine erneute Präsidentschaftskandidatur”:http://www.time.com/time/specials/packages/article/0,28804,1888721_1888719_1888657,00.html. Zuhörer der US-Radiosendung „Talk of the Nation“ bombardierten die Redaktion daraufhin mit Protestanrufen, bis Moderator John Hockenberry eingriff und Entwarnung gab. “Demokrat oder Republikaner”:http://research.yahoo.com/ideological_search? Diese Entscheidung muss man augenscheinlich treffen, um Yahoos „iSearch“-Suche nutzen zu können. Das „i“ steht dabei für „ideological“, die Suchergebnisse spiegeln die jeweilige politische Realität wider. In der dazugehörigen Pressemeldung aus dem Jahr 2009 verkündete ein Sprecher stolz: „Unser Kunde ist König. Wir glauben an das, was der Kunde glaubt.“ Im gleichen Jahr verkündete „The Guardian“, die Print-Ausgabe und Webseite künftig zugunsten des hauseigenen Twitter-Accounts “einstampfen zu wollen”:http://www.guardian.co.uk/media/2009/apr/01/guardian-twitter-media-technology.

Genug gelacht!

Genug gelacht! Wenn Quatsch und Klartext kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind, wie steht’s dann um die Qualität der Medien? Man kann den grauen Haaren fast beim Wachsen zusehen, wenn die Schreiberlinge wieder einmal Aprilscherze recherche- und sinnfrei “als Faktmeldungen übernehmen”:http://www.theatlanticwire.com/entertainment/2010/04/april-fools-joke-snares-nytimes/24947/ und die Satiriker von Der PARTEI sich im Dickicht der politischen Absurditäten offensichtlich pudelwohl fühlen. Klar – geschenkt. Aber zum einen ist das allem Zweckpessimismus zum Trotz kein Ding der Postmoderne – “ein Blick ins Jahr 1934”:http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,747391,00.html zeigt, dass die Nachricht eines atemluftbetriebenen Fluggeräts es damals schon aus der Humorspalte der Berliner Lokalpresse in die Nachrichtenrubrik der „New York Times“ schaffen konnte – und zum anderen bleibt „Fantasie die einzige Waffe im Kampf gegen die Wirklichkeit“ (Denis Gaultier). Wem bei aller Rationalität des Kopfes der Humor verloren geht, der kann gleich einpacken, oder sich Ersteren gegen die nächste Wand zimmern. Solange die „Titanic“ weiter publiziert, ist die Welt noch nicht untergegangen.

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