Doch der zweite folgt sogleich

Martin Eiermann25.03.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Am 22. Mai greift Thilo Sarrazin den Euro an. Uns bleiben zwei Monate, um den Journalismus auf einen neuen Shitstorm vorzubereiten.

Thilo Sarrazin schreibt wieder. “Um den Euro soll es dieses Mal gehen”:http://www.handelsblatt.com/panorama/kultur-literatur/neues-buch-sarrazin-haelt-den-euro-fuer-ueberfluessig/6367440.html – genauer gesagt um die Überflüssigkeit desselben, und um das „Wunschdenken“, das uns von der Währungslüge in die Wirtschaftskrise katapultiert hat. Das wird man wohl noch sagen dürfen! – Hans-Olaf Henkel darf sich schon einmal auf die Aussicht einstellen, bald vom Thron des Kritiker-Olymp gestoßen zu werden. Immerhin, so lässt uns der Verlag wissen, werde das Buch nichts weniger erreichen, als die verquere und verquaste Euro-Debatte endlich „vom Kopf auf die Füße“ zu stellen. An großen Worten mangelt es offensichtlich schon heute nicht. Auf „Zeit Online“ “schreibt Adam Soboczynski”:http://www.zeit.de/2012/13/Sarrazin-Euro-Krise: bq. „Wagen wir in Unkenntnis des Buches einen kühnen Blick ins Werk: Der Euro, wir ahnten es schon, ist bei Sarrazin womöglich der neue Migrant. Der Euro ist schließlich eine Art wurzelloser Kosmopolit. Wenn uns der Migrant noch nicht ganz abgeschafft hat durch Vermehrung – der Euro, indem er sich partisanenhaft in allen Ländern einnistete, wird unseren Untergang besiegeln.“ Erscheinen soll das Werk am 22. Mai. Uns bleiben also ziemlich genau zwei Monate, um zu überlegen, ob und wie man am besten über Thilos zweiten Streich berichten sollte: Vorabdruck einfädeln oder totschweigen? Titelseite oder Redaktionsklo? Frei jeder Polemik – davon wird es noch genug geben, entweder von einem zu neuerlicher Höchstform auflaufenden Herrn Sarrazin, von seinen Claqueuren oder Kritikern – daher ein paar erste Gedanken:

Fünf Gedanken zum Journalismus

_1. „Wenn ganz Deutschland über ein Thema redet, dürfen die Medien nicht schweigen“_ Stimmt. Das konsequente Totschweigen unliebsamer Themen ist generell das Markenzeichen zensierter Staatspressen. Doch der Grad zwischen der Befriedigung eines berechtigten Informationsbedürfnisses und einer hochgezüchteten Scheindebatte ist schmal und rutschig. Eine Frage, die zu stellen es sich lohnt: Wäre eine Debatte vergleichbar lebendig, wenn die Medien ihr weniger Raum zugestehen würden? Je deutlicher die Antwort auf diese Frage ausfällt, desto eher schließt sich der tautologische Kreis: Die Medien berichten, weil jeder über ein Thema spricht, das es überall zu lesen gibt. An dieser Stelle wird es daher im Mai keinen weiteren Sarrazin-Text geben. _2. „Viele Menschen stehen dem Euro skeptisch gegenüber“_ Vielleicht. Zustimmung oder Ablehnung sind jedoch keine an sich validen Qualitätsmerkmale einer Argumentation. Es hat Sinn, stattdessen zwischen guten und schlechten Argumenten zu unterscheiden. Ein Konsens auf Basis schwacher Argumente ist kein Grund, eine Idee (oder eine Währung) ad acta zu legen. Der aufklärerische Auftrag der Medien fußt direkt auf dieser Feststellung: Journalismus bedeutet (unter anderem), Licht ins argumentative Dunkel zu bringen. Die zweite Frage lautet daher: Führt die Berichterstattung dazu, dass mehr Menschen mehr vom Thema verstehen? _3. „Vielen Menschen fehlt der Durchblick – wir suchen Halt in klaren Thesen“_ Mag sein. Klare Thesen allein sind jedoch kein Grund, ein Buch oder einen Autor zu loben (siehe Punkt 2). Die Euro-Krise scheint ein Paradebeispiel zu sein für eine Debatte, die sich schlecht auf unbedingte Eindeutigkeiten reduzieren lässt. Hat Griechenland bei der Aufnahme falsche Zahlen angegeben? Hat der regulative Mechanismus versagt? Haben Rating-Agenturen und Finanzinvestoren das existente Risiko ignoriert? Hat Griechenland davon profitiert? Hat Deutschland davon profitiert? Ja zu allen Fragen – mit seitenweise Kleingedrucktem. Über viele Monate schien die Berichterstattung zur Euro-Krise unter anderem daran zu kranken, dass den darüber schreibenden Redakteuren genauso “der finale Überblick zu fehlen schien”:http://theeuropean.de/martin-eiermann/9021-die-ewige-euro-krise wie den Politikern, über die sie schrieben. Daher die dritte Frage: Lässt sich das Thema auf klare Thesen reduzieren? Und falls nein: Wie gehen wir um mit Menschen, die trotzdem auf die rhetorische Pauke hauen? _4. „Berichterstattung ist nicht gleich Zustimmung“_ Absolut. Wer als Redakteur bei The European allen von uns veröffentlichten Beiträgen zustimmen kann, ist hoffnungslos schizophren. Der Journalismus lebt unter anderem davon, mehr zu sein als ein Verstärker für die Meinung der jeweiligen Journalisten. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Meinungen gleich wichtig sind, gleich viel mediale Aufmerksamkeit für sich beanspruchen können, oder “neutral behandelt werden sollten”:http://theeuropean.de/martin-eiermann/7640-populismus-im-netz. Wer sich zurückzieht auf die Aussage des Sagen-dürfen-Müssens, verweigert sich der eigentlichen Diskussion. Jede Idee muss sich zu behaupten lernen (siehe Punkt 2), jeder Autor und jede Intention kann prinzipiell kritisiert werden. Daher die Frage: Lässt sich eine Berichterstattung von einer Stellungnahme zur selbigen trennen? Und was bleibt, wenn Neutralität keine Option ist? _5. „Erst lesen, dann schreiben“_ Jawohl. Die letzte Sarrazin-Debatte krankte sicherlich nicht nur an den kruden Ansichten des Autors, sondern ebenfalls an den in das Buch hineininterpretierten Angeblichkeiten. Man muss Sarrazin zum Euro sicherlich nicht lesen, um über die Währungskrise diskutieren zu können. Man sollte es allerdings schon lesen, wenn das Buch oder der Autor zum Gegenstand der Diskussion werden. Nur wer sein Ziel klar im Blick hat, kann es auch sicher anpeilen. Soll heißen: Wer das Buch kritisieren will, muss sich noch zwei Monate gedulden. Und kann bis dahin schon einmal die Waffen schärfen.

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