Szenen einer Ehe

von Martin Eiermann18.03.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Spiegel kündigt an, Online und Print künftig stärker trennen zu wollen – um den Verkauf der hauseigenen PDF-Ausgabe zu befeuern. lmao.

Zwei Häuser, gleich an Würde und Gebot: In der gleichen Woche, in der die „Encyclopedia Britannica“ das Ende der gedruckten Fassung bekannt gibt, stellt der „Spiegel“ die Weichen für eine weitere Trennung von Print und Online – achtzehn Jahre, nachdem „SPON“ für die Hamburger die Online-Front zu erobern begann. Die Redaktionen sind heute schon separat, doch bisher wurden drei Artikel aus der Druckausgabe des „Spiegel“ auch online publiziert – damit soll jetzt Schluss sein. Was für die Druckfassung produziert wird, soll nicht mehr auf der Webseite erscheinen. Der Grund dafür, so sagte Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron dem „Tagesspiegel“, sei der Ausbau der digitalen Ausgabe des Magazins. 33.000 Exemplare davon verkaufen die Hamburger pro Woche, verglichen mit etwa 760.000 Print-Exemplaren. „Dieses Produkt wollen wir weiter fördern und werden deshalb eher noch zurückhaltender mit der freien Verbreitung von Print-Artikeln sein“, “so Blumencron”:http://www.tagesspiegel.de/medien/magazine-im-netz-mehr-distanz-mehr-naehe/6332776.html.

Sünde, Buße, Auferstehung

Die ganze Aktion mag innenpolitische Gründe haben (“wie Meedia spekuliert”:http://meedia.de/background/meedia-blogs/alexander-becker/alexander-becker-post/article/online-last–spiegel-mit-neuer-web-strategie_100039883.html) und einen finanziellen Schuss ins eigene Knie darstellen (“wie der „Tagesspiegel“ mutmaßt”:http://www.tagesspiegel.de/medien/magazine-im-netz-mehr-distanz-mehr-naehe/6332776.html) – obwohl beispielsweise die „Zeit“ beweist, dass sich eine wöchentliche Publikation sehr wohl profitabel mit einer Online-Redaktion verzahnen lässt. Im schlimmsten Fall also besiegelt das renommierteste deutsche Magazin hier seinen eigenen Untergang; wahlweise vollzogen durch den internen Kampf um Ressourcen oder extern durch den freien Markt, diesem unnachgiebige Biest. Schließlich sitzt mit den „SPON“-Redakteuren die direkte und stärkste Konkurrenz für den „Spiegel“ im eigenen Haus. Die Alternativszenarios reichen von Konstanz auf niedrigem Niveau bis zum Drei-Akter aus Sünde, Buße, Auferstehung. So weit, so pessimistisch. Was mich jedoch mehr interessiert als die Auflagenentwicklung der Hamburger Kollegen, ist die journalistische Perspektive, die sich durch die organisatorische Trennung von Print und Online schließt. Die aktuelle Werbekampagne des britischen „Guardian“ lässt Redakteure aus verschiedenen Ressorts in kurzen Videos zu Wort kommen. Unisono können wir dort hören: Die Zukunft gehört dem partizipativen Journalismus. Die Nachrichtenredaktion lässt seine Leser durch Hunderttausende von Spesen-Quittungen stöbern, um die Korruption britischer Parlamentarier zu untersuchen. Die Sport-Redaktion verlässt sich auf Leser-Reporter, um nach Fußballspielen neben dem Ergebnis auch die Stimmung im Stadion einzufangen. Das Reise-Ressort lässt sich von Tweets durch Städte und in versteckte Eckkneipen führen. Das alles ist nur möglich, weil Online inzwischen der unbestrittene Kern der „Guardian“-Mediengruppe ist. Wer daran zweifelt: Auf den aktuellen Werbeplakaten wird diese Hackordnung noch einmal zementiert. “The Guardian: Web. Print. Tablet. Mobile.”

Zusammen ist man weniger allein

Das Konzept funktioniert, weil es die Gewohnheiten des Netzes ernst nimmt. Immer mehr Menschen suchen sich die Nachrichten im Netz, anstatt das eigene Informationsbedürfnis an den Rhythmus von täglichen und wöchentlichen Veröffentlichungszyklen zu binden. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es heute keinen Sinn mehr hat, Nachrichten zu drucken. Auf Papier lesen wir Analysen, Hintergründe, Interviews – all das, was es nicht durch den tl;dr-Filter schafft. Doch während bei der Aktualitätsfrage das Netz schon lange die unbestreitbare Oberhand hat, ist gerade bei solchen Inhalten die enge Verzahnung von Print und Online förderlich für die Qualität. Hunderttausende “Wikileaks”:http://www.spiegel.de/thema/wikileaks/ -Dokumente können von Hunderten von Lesern besser durchkämmt werden als von einer Handvoll von Redakteuren. “Zahlen zu Waffenexporten”:http://www.guardian.co.uk/news/datablog/interactive/2012/mar/09/britain-arms-trade-caat-interactive?INTCMP=SRCH können online besser aufbereitet werden als im Print und als digitale Infografik dort ansetzen, wo der gedruckte Hintergrundbericht an seine Grenzen stößt. Kommentatoren können sich im Netz am Puls der Zeit bewegen, anstatt nur über die Zeichen der Zeit zu schreiben. Zu Recht weist der „Tagesspiegel“ darauf hin, dass die aktuell prominentesten „Spiegel“-Schreiber ihre Reputation dem Netz zu verdanken haben. Debatten zur Zukunft des Euro oder zur Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik können online besser und authentischer geführt werden als hinter der Abschottungskulisse eines alternden Wochenmagazins. Wer die Publikation von zehn editierten Leserbriefen für Partizipation hält, muss nachsitzen. Und wer die digitale, in eine kostenlose „SPON“-Umgebung eingebettete PDF-Fassung eines gedruckten Magazins als Grund für die Trennung von Print und Online benennt, führt sich selber an der Nase herum. Die Liste lässt sich beliebig fortführen. Am Ende kennt die jetzt vertiefte Trennung zwischen Print und Online nur Verlierer. „SPON“, weil der Online-Redaktion damit die ewig knappen Ressourcen Geld und Brainpower vom Magazin streitig gemacht werden. Und das Magazin, weil fast jeder Aspekt der journalistischen Arbeit durch die Trennung weniger einfach, weniger produktiv und weniger überzeugend wird, PDF hin oder her. Wenn Print langfristig überleben kann, dann als Juniorpartner in einer symbiotischen Beziehung mit der Online-Redaktion. Die „Encyclopedia Britannica“ hat die überfällige Wende vollzogen und die gedruckte Ausgabe eingestellt. Für ein Lexikon ist das absolut sinnvoll. Für ein Wochenmagazin mag es weiterhin einen Markt am Kiosk geben. Doch dieser Markt hat nichts mit dem inhärenten Wert des gedruckten Magazins oder der künstlichen Verpackung desselben als digitale Ausgabe zu tun. Er bemisst sich alleine an der Fähigkeit gedruckter Medien, parallel zum Netz einen Mehrwert für die Leser zu liefern. Ein Mehrwert, der sich langfristig weniger aus der Nostalgie zum gedruckten Wort generieren lässt, sondern den auch ein Magazin wie der „Spiegel“ sich Woche für Woche über die Inhalte neu erarbeiten muss. Und wenn die letzte PDF-Ausgabe verkauft ist, werdet ihr sehen, dass man Exzellenz nicht drucken muss.

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