Leben und Sterben lassen

Martin Eiermann12.02.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Hilflos lesen wir von den neuesten Hiobsbotschaften aus Syrien. Wenn die Panzer erst einmal rollen, werden große Worte plötzlich ganz klein.

Seitdem es der UN-Sicherheitsrat am vergangenen Samstag verpasst hat, die geplante Syrien-Resolution zu verabschieden – es wäre Resolution 2035 geworden –, habe ich mich auf “diversen Liveblogs”:http://www.guardian.co.uk/world/middle-east-live/2012/feb/09/syria-un-helps-homs-assault-live, bei Al Dschasira oder auf Twitter herumgetrieben, um den Ereignissen in Syrien halbwegs zu folgen. Doch selbst die intensive Berichterstattung kann das Gefühl der Ohnmacht nicht verhindern. Auch die beste Reportage kann die Panzer nicht stoppen, mit denen die syrische Regierung um die Stadt Homs herum die eigene Bevölkerung in Stücke schießt. Das ständige Klicken des “Refresh”-Knopfes hat sogar etwas voyeuristisches: ‘Mal schauen, ob schon wieder Blut fließt.’ Und irgendwann dämmert die Erkenntnis, dass diese Gewalt – der Verlust dutzender Leben an einem Tag, in einer Stadt – wahrscheinlich jeden Tag irgendwo auf der Welt Alltag ist. An den meisten Tagen produziert das Sterben nur keine Schlagzeilen und wir sind ganz glücklich damit, nicht nachzufragen. Vielleicht hat diese Erkenntnis etwas Gutes. Solange die Moral sich regt, kann die Gewalt nicht einfach als Alltagsangelegenheit abgetan werden, eingezwängt zwischen dem Kleinklein der Parteipolitik und den neuesten Promi-Nachrichten. Doch was hilft es den Menschen vor Ort, wenn wir jetzt darüber schreiben?

Was kümmert uns die Welt?

Da sich das moralische Unbehagen schlecht vermeiden lässt, kann es vielleicht als Ausgangspunkt für ein paar Einsichten dienen. Zwei Gedanken setzen sich fest: Zum einen wissen wir wirklich nicht besonders viel über die Welt. Das ist nicht als Anschuldigung gemeint, sondern erst einmal als Beschreibung der Realität. Der Rückversicherer Munich Re “schätzt”:http://articles.nydailynews.com/2011-01-03/news/27086242_1_natural-disasters-climate-change-haiti-earthquake, dass im Jahr 2010 bis zu 300.000 Menschen bei Naturkatastrophen ums Leben gekommen sind. Das sind etwas mehr Todesopfer als durch Handfeuerwaffen “zu beklagen waren”:http://www.smallarmssurvey.org/armed-violence/non-conflict-armed-violence.html: Laut der “Small Arms Survey” starben im Jahr 2010 245.000 Menschen durch Kleinkaliberwaffen, Kriege nicht mit eingerechnet. Die Zahl der “Kriegstoten”:http://www.cissm.umd.edu/papers/files/deathswarsconflictsjune52006.pdf lag im gleichen Zeitraum bei 50.000. Die genauen Zahlen sind umstritten, doch sie zeigen zumindest eines: Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Eine Tatsache, die uns – vor allem im Westen – oftmals nicht bewusst ist. Das bedeutet nicht, dass uns das Unheil in der Welt nicht kümmert – doch selbst das Dauerfeuer der Medien führt offensichtlich nicht dazu, dass sich alle Informationslücken schließen (die globalen Korrespondentennetze der großen Agenturen schrumpfen seit Jahren stetig). Und das hat Konsequenzen: Wie sollen wir Mitgefühl zeigen, wenn uns das Wissen fehlt? Der Informationsmangel hat den Empathiemangel zur Folge. Es ist lobenswert, sich zu abstrakten Werten zu bekennen – doch die Kosten von Gewalt lassen sich nicht als statistischer Durchschnitt lesen. Sie werden von einzelnen Menschen getragen. Das führt zum zweiten Punkt. Allen Solidaritätsbekundungen zum Trotz sind wir überraschend machtlos, das Töten zu stoppen. Menschenrechte, Bekenntnisse zur “Responsibility to Protect” und ernste Mienen auf dem diplomatischen Parkett können nicht verdecken, dass die UN-Resolution “aufgrund knallharter Machtspiele”:http://theeuropean.de/stefano-casertano/9838-macht-und-prinzipientreue-im-nahen-osten gescheitert ist. Und auch die Tweets, Videos und Augenzeugenberichte der letzten Woche haben die syrische Armee nicht gestoppt. Angesichts der Kriege im Irak und in Afghanistan ist das Säbelrasseln im Westen (zum Glück!) leiser geworden. Auf globaler Ebene gilt weiterhin das Gesetz des Schulhofes: Wenn jemand sich an Schwächeren vergehen will, wird ihn wahrscheinlich niemand daran hindern.

Hoffen auf ein Happy End

Was bedeutet das für uns? Ich bin ein großer Befürworter der journalistischen Nutzung sozialer Medien, trotz der offensichtlichen Probleme (lassen sich die Informationen verifizieren? Was bleibt von der Objektivität? Usw.). Das bloße Hinsehen ist komplett ungeeignet, Gewalt zu unterbinden. Aber das ist auch nicht das primäre Ziel der Berichterstattung. Aufmerksamkeit kann helfen, diplomatischen Druck aufzubauen, internationale Strafverfolgung in die Wege zu leiten und die Weichen für die Zukunft zu stellen. Zu viele Opfer von Gewalt verschwinden namenlos in die Vergessenheit. Die Herausforderung ist es, nicht direkt wieder wegzuschauen. Schlechte Nachrichten dürfen nicht zur Normalität werden; Gewalt darf nicht zur Verzweiflung führen, sondern sollte zur Prävention antreiben. “Die Welt ist voll Elend”, hat Hellen Keller einmal gschrieben, “aber sie ist auch voll Hoffnung.” Das mag bedeuten, dass wir uns vom Kontrollzwang verabschieden. Wir, als Einzelne und als Staaten, können nicht davon ausgehen, den Lauf der Geschichte kontrollieren zu können und gute Vorsätze immer in die Realität umzusetzen. Wir sitzen am Steuer, aber wir sind gleichzeitig auch Passagiere. Das bedeutet, sich auf das Elend, das Unerwartete und Unerwünschte vorzubereiten. Ein zu großes Vertrauen in die eigene Macht oder die Überlegenheit der eigenen Werte kann uns blind machen für plötzlich hereinbrechende Katastrophen. Die “Beiträge von Thomas Friedman”:http://topics.nytimes.com/top/opinion/editorialsandoped/oped/columnists/thomaslfriedman/index.html in der New York Times lese ich immer mit einem gewissen Unbehagen – als ob sich das Chaos der Welt in 1000 Wörtern beiseite wischen ließe. Vielleicht sind Tweets und Youtube-Videos wirklich bessere Darstellungen der Welt als weitgreifende Analysen. Nicht nur weil sie wirklich vor Ort entstehen, sondern weil sie notwendigerweise unvollständig und flüchtig sind. Ein Live-Blog erlaubt Atempausen, keine Abbinder. Und so lange der Vorhang nicht gefallen ist, dürfen wir auf ein Happy End hoffen.

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