USA! USA!

Martin Eiermann5.02.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Wer sich an den Schlagzeilen hierzulande orientiert, könnte Deutschland glatt für den 51. Bundesstaat der USA halten.

Der Startschuss fällt, die Gatter fliegen auf, Staub verdeckt die Sicht. Iowa, New Hampshire, South Carolina, Florida, es geht Schlag auf Schlag in die erste Kurve. Die Ellenbogen ausgefahren, die Egos unverwundbar, die gegenseitige Hatz unnachgiebig. Von der Seite brüllen die Anhänger, und aus dem Hintergrund schütten die Männer in den grauen Anzügen immer dann Geld nach, wenn die Maschinerie des gegenseitigen Zerhackens zum Erliegen zu kommen droht. Die ersten Verlierer lecken sich bereits die Wunden, während der Rest entschlossen scheint, mit blutigen Flanken bis in den Sommer hinein weiterzugaloppieren. Das Rennen, so sagt man, enthülle Charakter. Man muss nicht einmal Englisch sprechen, um hautnah bei den Vorwahlen der Republikaner dabei zu sein. Neunundzwanzig Beiträge zu Spitzenreiter Mitt Romney hat „Zeit Online“ allein im vergangenen Monat publiziert, bei „Spiegel Online“ sind es ganze 60 Texte: Porträts, Hintergrundberichte, Nachrichten, Meinungen, Analysen, Reportagen von der vordersten Front und aus den Lagezentren der Strategen und Beraterstäbe. Wenn sich auf der anderen Seite des Atlantiks ein Ex-Gouverneur und ein abgehalfterter Choleriker um die parteiinterne Krönung balgen, schreiben sich die Schlagzeilen hierzulande fast von alleine. Wie viele Beiträge die „New York Times“ wohl zur gescheiterten Landtags-Kandidatur von Doris Schröder-Köpf gebracht hat?

Der „American Dream“ hat seine Strahlkraft verloren

Ich habe fünf Jahre in den USA gelebt, einen Großteil davon während der Regierungszeit von George W. und seiner Schergen. Wenn die Sprache auf Deutschland kam, folgte – Achtung, Generalisierung! – entweder eine Entschuldigung für die desaströse Außenpolitik Washingtons oder eine verbale Liebeserklärung an Berlin: coole Stadt, so hip, so underground. Man, I’d fucking love to live there. Berlin, der Sehnsuchtsort, wenn die Vorstadtidylle der USA zu eng oder das Spektakel des Alltags zu groß erscheinen. Um die Machtkämpfe innerhalb der Union oder die K-Frage der SPD ging es eher selten. Weder „Spiegel“ noch „Zeit“ würden so viel Platz und Ressourcen in den US-Wahlkampf pumpen, wenn es dafür keine Leser gäbe. Doch was fasziniert uns Deutsche so am Geplänkel dort drüben, dass wir uns anscheinend gar nicht daran sattlesen können? Es liegt sicherlich nicht daran, dass diese Vorwahlen 2012 an Spannung nicht zu überbieten wären – die Anzahl der Berichte zum Wahlkampf 2004 lag etwas unter dem heutigen Niveau, 2008 war es dafür eine noch höhere Taktung. Die große Sehnsucht kann es auch nicht sein – zwar wandern pro Jahr “über 30.000 Deutsche”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,696863,00.html in die USA aus, die ganz große Strahlkraft hat der „American Dream“ in Europa jedoch schon lange verloren. Die Armen, die Unterdrückten, die „huddled masses, yearning to breathe free“ – sie bleiben angesichts der amerikanischen Aversion gegen gesetzliche Gesundheitsvorsorge und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit wohl doch lieber in Europa. Immerhin regiere hier statt der freien die soziale Marktwirtschaft.

Brot und Spiele

Was also fasziniert den deutschen Redakteur und den deutschen Leser am US-Präsidentschaftswahlkampf? Zum einen ist es sicherlich die historisch enge Beziehung zu den USA. Adenauers Politik der Westanbindung bringt auch heute noch neue Triebe hervor – trotz Irak, trotz Libyen, trotz Guantanamo und Bush. In einer Welt der Schurken und Helden stehen die USA auf der guten Seite. Es ist eine vertrackte Hassliebe: Während wir Drohneneinsätze als völkerrechtswidrig brandmarken und den US-Konsumfetischismus kritisieren, reckt sich die Hand schon wieder verschämt zur Versöhnung. _We might not always agree – but you’re surely the best buddy we’ve got._ Und zum anderen? US-Politik macht Spaß. Das Spiel von Geld und Macht, die Dramen der Vorwahlen, der Kampf gegeneinander bis aufs blanke Messer – das alles steht anscheinend in scharfem Kontrast zur Trägheit der deutschen Kandidatenkür. Schwarzwaldklinik gegen Dr. House, Tatort gegen CSI. Spiel, Spaß und Spannung, gelegentlich gemischt mit einer Prise Politik. Auch das ist eine Form der Sehnsucht. „I’m gonna show you and everybody else that Willy Loman did not die in vain. He had a good dream. It’s the only dream you can have – to come out number-one man“, so schreibt es Arthur Miller im Schauspiel „Tod eines Handlungsreisenden“. Statt um die Inhalte geht es “um die Inszenierung”:http://www.guardian.co.uk/film/2012/feb/03/newt-gingrich-brad-pitt-screen: Wer ist der Beste, wer ist der Stärkste, wer hat im Ziel die Nase vorn? Der Wettkampfgedanke ist tief in der amerikanischen Politik verankert. Und in einer Zeit, in der in Rom und Athen die Technokraten regieren, ist er auch in Europa anschlussfähig. Brüssel mag weit entfernt erscheinen – an South Carolina jedoch ist man hautnah dran. Wenn der Leser nach Brot und Spielen verlangt, müssen diese auch geboten werden – und sei’s aus Übersee.

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