Wer nicht fragt, bleibt dumm

von Martin Eiermann15.01.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Die New York Times will wissen, wie kritisch sie Aussagen von Politikern hinterfragen soll – und zeigt dabei, dass Informationen schon lange nicht mehr die wichtigste Währung im Netz sind.

Eine nette Besonderheit (großer) amerikanischer Zeitungen ist es, dass sie sich den Luxus eines hausinternen Kritikers leisten können. Ein Geologe, der tief unter die Oberfläche der täglichen Berichterstattung horcht und auf seismische Anomalien hinweisen kann. Ein Diplomat, der zwischen Lesern und Redaktion vermittelt. Ein Qualitätskontrolleur, der die Arbeit gegen die gesetzten Standards abgleichen kann. Der “Public Editor” der New York Times, Arthur S. Brisbane, hat sich in dieser Funktion am Donnerstag “mit einer einfachen Frage / an die Leser gewandt: bq. Sollten die Reporter der New York Times die ‘Fakten’ hinterfragen, die von Personen verbreitet werden, über die sie schreiben (und wann sollten sie dies tun)? : It’s not information overload, it’s filter failure. , und schon muss sich der US-Präsident mitten in der Haushaltsdebatte gegen Vorwürfe wehren, er sei ein verkappter muslimischer Amerikahasser. Das verändert zwangsläufig auch die Arbeit und Aufgaben des Journalisten. Informationen sind schon lange nicht mehr die wichtigste Währung im Web. Wichtig ist heute immer stärker die Fähigkeit zur Einordnung von Informationen und zur Steuerung von Informationsflüssen.

Eine Grundhaltung lässt sich nicht outsourcen

Wenn Zeitungen nicht mehr Informationsanbieter sind, sondern primär als Filter für Informationen und Matchmaker zwischen Inhalten und Lesern agieren, ist auch die Logik von der vornehm-objektiven Zurückhaltung perdu. Dann ist es plötzlich enorm wichtig zu wissen, welchen Aussagen ich eigentlich aus welchen Gründen Glauben schenken sollte – oder eben nicht. Eines der größten Probleme im Bezug auf die Berichterstattung zur Eurokrise ist sicherlich der fehlende Durchblick vieler Journalisten e (auch ich zähle mich dazu) im Bezug auf die Sinnhaftigkeit immer neuer Lösungsvorschläge. So werden im Zweifelsfall die Nachrichten zu neuen EZB-Richtlinien oder griechischen Reformvorschlägen ungefiltert an die Leser durchgewunken. Den eigenen Kopf zieht man vielleicht damit aus der Schlinge, zu mehr Verständnis wird eine solche Herangehensweise jedoch kaum führen. Natürlich gibt es inzwischen Portale, die sich als Lückenfüller betätigen und Aussagen auf faktische Wahrheit und Plausibilität abklopfen: PolitiFact / der Tampa Bay Times, der laufende Fact-Check / des Caucus g oder – hier in Deutschland – die Arbeit von Seiten wie dem Bildblog . Das ist schön und funktioniert nicht schlecht. Aber es ist in etwa so, als ob ein Autobauer sagte, er überlasse die Sicherheitstests den Unfallgutachtern: Schließlich sei eine fehlkonstruierte Knautschzone nirgendwo besser zu erkennen als an der zerstörten Karosserie auf der A7. Doch dann ist es zu spät: Dann ist der Unfall passiert und die Falschaussage in der Welt. Wer die Filterfunktion ernst nimmt, kann Arthur Brisbanes Frage eigentlich nur mit Ja, immer

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu