Das Märchen von der Kostenloskultur

von Martin Eiermann26.02.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Während wir über ACTA und die „Kostenloskultur“ streiten, bezahlen anderswo die Menschen den tragischen Preis für guten Journalismus.

Im April 2008 tippte der ehemalige Herausgeber des “Wall Street Journal”, Gordon Crovitz, eine Grundsatzkolumne in seinen Computer – einen dieser Texte, die sich durch das andauernde Zitieren und Weiterverlinken so tief im Netz festsetzen, bis sie irgendwann – pars pro toto – als Ausdruck eines gewissen Zeitgeistes gelten dürfen. Der Titel: “Optimism and the Digital World . Das Thema: Die permanente Verfügbarkeit von Informationen zu jedem Thema, aus jeder Region dieser Welt. Wenn der Telegraph den Beginn der Moderne signalisierte, dann ist das Internet scheinbar deren Vollendung – und der Übergang in ein neues Zeitalter, in dem die Menschen dank Informations- und Kommunikationstechnologie mehr Optionen, mehr Kontrolle, mehr Freiheit l in Syrien ums Leben gekommen. Ein Mann, der, so schreibt der Londoner Bürochef der New York Times, in Erinnerung bleiben wird, so lange es Kriegsberichterstatter gibt. , den Franzosen Rémi Ochlik und den syrischen Blogger Remi al Sayyed 8 – kam jede Hilfe zu spät. Colvin, die Veteranin des Journalismus von der vordersten Front, hatte noch kurz vor ihrem Tod mit ihrem Arbeitgeber gehadert : Ihre Berichte erschienen bei der Times of London , 1044 wurden verhaftet, 1959 angegriffen oder bedroht. Nicht darin mitgerechnet sind die zahllosen Citizen-Journalists d hunderte von verwackelten Aufnahmen ins Netz stellen oder über Webseiten wie Bambuser / per Livestream an den Zensoren vorbei in die Welt hinaus senden. Während wir uns hier auf der Konsumentenseite also über die Kostenloskultur ereifern und uns im Akronym-Dschungel zwischen ACTA, SOPA und PIPA den Kopf heißreden, ducken sich die Journalisten vor Ort lieber hinter die nächste Mauer – vor den Granaten in Syrien, vor Vergeltungstaten der Kartelle in Mexiko, vor der staatlichen Zensur in China. Die Liste lässt sich beliebig fortführen. Es muss nicht immer ein Spiel um Leben und Tod sein, oftmals reichen schon Zensur und die Androhung von beruflichen und privaten Konsequenzen, um den Berichterstattern einen hohen Preis abzuverlangen. 499 Medien in 68 Ländern wurden alleine 2010 zensiert. Freedom is not free

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