Bis dass der Tod sie scheide

von Martin Eiermann15.11.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Wer noch Zweifel an der intimen Beziehung zwischen Journalismus und Zivilgesellschaft hat, wird umdenken müssen. Der technologische Fortschritt zementiert den Bund der beiden: Das eine ist nicht mehr ohne das andere machbar.

Als ich vor vier Wochen “an dieser Stelle”:http://theeuropean.de/martin-eiermann/8506-occupy-und-die-medien über den Strukturkonservatismus vieler Medien schrieb und den Journalismus als Motor des kritischen Diskurses und intelligenten Nachfragens durch die Occupy-Bewegung abgelöst sah, erreichte mich kurz danach ein Leserbrief von Stefan Laser. Er stellte eine sehr gute Frage: Was sei denn schlimm daran, „wenn sich Bürger und Journalismus immer näher kommen“? Ist das nicht die viel gesuchte „neue Form der öffentlichen Partizipation“, mit der wir uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Apathie herausziehen können? Um es kurz zu machen: Ich glaube an die wachsende Rolle einer politisch sensibilisierten und emanzipierten Öffentlichkeit. Wer heute Habermas’ kritisches Fazit zum Strukturwandel der Öffentlichkeit liest und dabei primär an massenmediale Konformität, Werbung und Sinnverflachung denkt, vergisst die glänzende Kehrseite der Medaille: Nie war es so einfach, so viele fundierte Informationen zusammenzutragen. Nie waren die Bandbreite der Analysen so groß und die Hemmschwelle zum Diskurs so niedrig wie heute. Mit dem postulierten Ende der “Gutenberg-Ära”:http://muse.jhu.edu/login?uri=/journals/library_trends/v057/57.1.epstein.pdf (als Zeitraum der massenhaften und formalistischen Verschriftlichung von Wissen) deutet sich auch ein zweiter möglicher Umbruch an: das Ende der zwangsläufigen Ausgliederung von Wissen an Eliten oder Institutionen. Früher war eben nicht alles besser.

Ein Appell gegen den Zweckpessimismus

Die möglichen – und notwendigen – Kritiken einer solchen grundoptimistischen Haltung sind wohl bekannt: Allzu leicht werde Klasse durch Masse ersetzt. Allzu bereitwillig gehe der Journalismus faustische Pakte ein, die letztendlich die eigenen Ansprüche untergraben. Allzu prekär seien die Arbeitsverhältnisse geworden, und auch der Politisierungsgrad der Gesellschaft sei (zumindest gemessen an Wahlbeteiligungen) nicht plötzlich in die Höhe geschnellt. Doch darum geht es mir an dieser Stelle nicht. Warum? Der Philosoph Vittorio Hösle hat es so formuliert: „Natürlich müssen wir in der Praxis optimistisch denken, um Dinge verändern zu wollen. Aber in der Theorie müssen wir Pessimisten sein und den Wahrheitsgehalt von Aussagen ständig hinterfragen.“ Oder, umgekehrt aufgezäumt: Selbst wenn wir dem deutschen Kulturpessimismus mit Hingabe frönen, sollten wir die realen, kleinen Veränderungen und Fortschritte nicht aus den Augen verlieren. Die These von der zunehmenden Wichtigkeit der digitalen Öffentlichkeit wird durch kritische Anmerkungen verfeinert, nicht entkräftet. Im Journalismus ist dies eindeutig erkennbar. Drei Beispiele dazu: Die Öffentlichkeit macht Medien. Im Laufe der vergangenen zwei Jahre hat eine zunehmende Anzahl klassischer Medien sich entschieden in Richtung der eigenen Leser geöffnet. Der Konsument von Nachrichten wird zum Reporter, Analysten und – seit Neuestem – zum Redakteur. Als Reporter sammelt er Informationen, ob bei der Berichterstattung zu Hurrikan Irene auf der Webseite der „New York Times“ oder als Leser-Reporter bei „Bild“. Als Analyst sichtet er Dokumente – wie zum Beispiel Hunderttausende Dateien aus dem Wikileaks-Archiv – und gibt Hinweise an die Redaktion weiter. Beim “Freitag” oder bei CNN ist der Leser sogar mit eigenem Blog auf der Seite vertreten (CNNs iReport hat gerade gestern “eine Runderneuerung verpasst bekommen”:http://www.niemanlab.org/2011/11/cnns-just-revamped-ireport-imagine-all-the-data/?utm_source=Daily+Lab+email+list&utm_medium=email&utm_campaign=591bf5ee2c-DAILY_EMAIL). Und seit Oktober 2011 ist man bei der britischen Zeitung „Guardian“ sogar bei der Redaktionsplanung dabei, “ganz entspannt per Online-Spreadsheet”:http://www.guardian.co.uk/help/insideguardian/2011/oct/10/guardian-newslist. Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel hat diese Tendenz als “embedded journalism”:http://theeuropean.de/miriam-meckel/5386-embedded-journalism beschrieben: klassische Journalisten werden immer mehr zum Teil „kollaborativer Informations- und Geschichtsproduktionen“.

Wir alle machen Medien

Zweitens: Die Öffentlichkeit übt Kritik. Eine klassische Wächterfunktion innerhalb der Demokratie hatte der Journalismus inne. Er sollte informieren, hinterfragen, kontrollieren. Der Journalist, so ein geflügeltes Wort, sollte auf jeder Party zu Gast sein und sich nirgendwo zu wohl fühlen. Wenn wir jetzt konstatieren, dass diese Funktion zumindest teilweise von anderen Akteuren wahrgenommen wird, ist das erst einmal kein Grund zur Verzweiflung. Durch die Ausweitung der Kontrollkompetenz auf die Zivilgesellschaft hat sich zumindest die Summe des Möglichen entschieden vergrößert. Die Debatten um den „Bundestrojaner“, um Occupy und um Guttenberg sind Beispiele dafür, dass diese Möglichkeiten auch genutzt werden. Es ist teilweise ein Zufall, dass sie alle links der Mitte situiert sind. Denkbar ist es ohne Weiteres, dass sich zum Beispiel eine öffentliche Basis gegen die Europa-Politik der Kanzlerin im Netz mobilisiert und wichtige, kritische Fragen zu stellen bereit ist. Der dritte Punkt betrifft weniger die Prozesse selbst als die daraus folgenden Konsequenzen: Die Öffentlichkeit macht Politik. Demokratie, das wusste schon Tocqueville, lebt von der Fähigkeit der Menschen, sich für das gemeinsame Staatsprojekt zu begeistern. Ob das Internet uns politisiert? Schwer zu sagen. Noch nie war es in der Neuzeit so einfach, politische Meldungen komplett aus dem eigenen Alltagshorizont auszublenden. Aber für alle Interessierten bietet es einen bis dato unbekannt einfachen Zugang zu Diskussionen, irgendwo zwischen antiker Polis und französischem Kaffeehaus. Auch davon kann der Journalismus nur profitieren. Nur eine Frage bleibt unbeantwortet: Der klassische Journalismus war relativ verlässlich. Ob Sturm, Wind oder Kälte – morgens lag immer die Zeitung im Briefkasten. Medien waren eine feste institutionelle Größe, im besten Sinne des Wortes. Sind wir bereit, diese Verlässlichkeit der Grundversorgung aufzuweichen? Und was machen wir, wenn wir morgens beim Aufstehen merken, dass sich kein „neues Medium“ um alte Fragen gekümmert hat? Oder, anders formuliert: Sollten wir die Ansprüche an den klassischen Journalismus zurückschrauben, nur weil er nicht mehr alternativlos ist?

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