Die Fakten sind heilig

Martin Eiermann11.10.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Lebensleistung eines Menschen wird weniger von den Taten bestimmt als von den Worten über die Taten. Doch wenn Fakten dem Journalisten heilig sein sollen, welche Fakten sind dann heiliger als der Rest?

„Comment is free, but the facts are sacred.“ Unter dieses Motto stellt die britische Zeitung „The Guardian“ seit 1921 die eigene Arbeit; auch heute noch werden die Redakteure “darauf eingeschworen”:http://www.guardian.co.uk/info/guardian-editorial-code. Es ist ein gutes Motto: Denn so viel wir auch über diskursive Normen und Relativismen streiten mögen, gibt es immer noch Dinge, die mit großer Wahrscheinlichkeit zutreffend sind und solche, die mit noch größerer Wahrscheinlichkeit ins Reich der Märchen gehören. Wasser kocht bei 100 Grad Celsius, in Deutschland leben mehr Menschen als in der Schweiz, die FDP hat in Berlin eine ordentliche Klatsche kassiert. Wer diese Fakten bezweifelt, spinnt. Die allermeisten angeblichen „Fakten“ tun uns den Gefallen der Einfachheit allerdings nicht: Welche Konsequenzen hätte ein Ausschluss Griechenlands aus der Euro-Zone? An wem scheitern die Friedensbemühungen in Nahost? Woran krankt die FDP? Das alles sind Fragen, bei denen die Fakten selbst – und nicht nur deren Interpretation – für Kontroversen sorgen. Fragen, bei deren journalistischer Aufarbeitung schon das Heranziehen oder Weglassen von Informationen für Furore sorgen kann und einen entscheidenden Einfluss auf das Gesamtbild hat. Fragen, bei denen die Grenze zwischen Meinung und Meldung mindestens verschwimmt – und oftmals hoffnungslos antiquiert erscheint.

Welche Fakten? Wessen Fakten?

Nirgendwo war das in der vergangenen Woche so eindeutig wie bei der Berichterstattung der deutschen Medien zur Vergabe des Friedensnobelpreises. Seit seiner Einführung ist der Preis immer auch ein Politikum (hat Obama die Ehrung eigentlich verdient?) – doch anscheinend ist sogar die Berichterstattung über die Preisträger nicht frei davon. Zum Vergleich zwei Passagen aus den ersten ausführlichen Beiträgen von „SPON“ und „Zeit Online“ zu der Preisträgerin Ellen Johnson-Sirleaf. Der “„Spiegel“ schrieb”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,790570,00.html: bq. In Afrika erntete die Auszeichnung zunächst wenig Beifall, eher eine Mischung aus Zustimmung und Schweigen. Denn zu unbekannt ist Gbowee, die eine Preisträgerin aus Liberia, zu umstritten die andere. Johnson-Sirleaf regiert zwar als einzige Frau des Kontinents ein Land, aber die „Iron Lady“, wie sie auch genannt wird, hat keineswegs nur Unterstützer auf dem Kontinent. […] Johnson-Sirleaf freilich, heute 73-jährig, verkörpert, abgesehen von ihrem Geschlecht, eher das alte Afrika. Ausgebildet in Harvard, verstrickt in langjährige innenpolitische Grabenkämpfe, im politischen Alltag gehärtet, machthungrig – so kennt man auch ihre männlichen Kollegen. Und “„Die Zeit“”:http://www.zeit.de/politik/ausland/2011-10/tawakkul-karman-portraet: bq. Als erste Staatschefin in der postkolonialen Geschichte des Kontinents ist Ellen Johnson-Sirleaf ein Leitbild für ganz Afrika: Ihr Erfolg stärkt die Position und das Selbstvertrauen der wenigen Frauen, die sich gegen die traditionellen Machtzirkel der Männer durchsetzen konnten. Es werden immer mehr, in Ruanda sind die Hälfte der Parlamentsabgeordneten weiblich, in Südafrika gibt es starke Ministerinnen und Oppositionspolitikerinnen, im panafrikanischen Parlament sind die Stimmen der Frauen nicht mehr zu überhören. Hoppla, denkt der aufmerksame Leser. Schreiben zwei der größten deutschen Nachrichtenseiten wirklich über ein und dieselbe Person? Wem ist zu trauen? Und wenn Fakten schon heilig sind, wessen Fakten sind dann heiliger?

„Nicht Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten“

Es ist nicht so, dass der objektive Nachrichtenjournalismus im Netz weniger gefragt wäre und „Zeit“ oder „Spiegel“ allein deswegen bewusst in die Meinungsecke drängten (was sie zweifelsfrei tun). Nein: Das Netz hat lediglich den Zerfallsprozess journalistischer Machtstrukturen beschleunigt. Mit dem aus der ressourcen- und kapitalintensiven Print-Landschaft hervorgewachsenen Elfenbeinturm ist auch das Interpretationsmonopol der Zeitungen gefallen – und mit ihm wiederum die Dominanz des angeblich Objektiven. Man kann jetzt den Verfall von journalistischen Standards bemängeln und klagen, dass die strikte Trennung von Meinung und Meldung doch so wichtig sei für die Integrität der eigenen Zunft. Aber vielleicht ist es ehrlicher, diese Trennung erst gar nicht vorzugaukeln – und stattdessen den Leser ernst genug zu nehmen, um ihm die Beurteilung von Fakten zuzutrauen und mit der Transparenz das dafür notwendige Rüstzeug an die Hand zu geben: Anstatt nach dem Wann und Wo zu fragen, brauchen wir die Frage nach dem „von wem gesagt“. Heiner Geißler hat einmal gesagt: „Nicht Taten bewegen Menschen, sondern die Worte über die Taten.“ Der Mann muss es wissen, er besitzt neben einem langen Lebenslauf auch die nötige Wortgewalt. Für den Rest von uns gilt, dass der Journalismus – als sprichwörtliche „Rohfassung der Geschichte“ – immer auch ein Kampf um Sichtweisen ist. Meldung, Meinung, Kommentar, Porträt – es ist an der Zeit, unsere damit verbundenen Vorstellungen von Objektivität gründlich zu hinterfragen.

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