Die Sterne stehen ungünstig

von Martin Eiermann27.09.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Am Donnerstag wird im Bundestag über den Euro-Rettungsschirm abgestimmt – und wenn man dem Tenor der Berichterstattung Glauben schenkt, ist damit das Ende der Koalition schon besiegelt. Der Glaskugel-Journalismus hat Hochkonjunktur.

_Ihr habt ja alle so gut reden, ihr wisst ja nicht wie das ist, wenn du eines Morgens aufwachst und Bundeskanzler bist._ Die Toten Hosen haben diese Zeilen 2002 über und für Gerhard Schröder gesungen. Und auch wenn Frau Merkel mit ihrem Amtsvorgänger bis auf die Residenz im Kanzleramt relativ wenig gemeinsam haben dürfte: So ganz unpassend sind die Worte auch heute nicht. Denn kaum ist Papst Ratze abgereist, steht mit der Abstimmung über das Rettungspaket für Griechenland die nächste Aufreger-Debatte ins Haus. Bekommt die FDP die Populisten aus den eigenen Reihen unter Kontrolle? Was macht die CSU? Steht die Kanzlermehrheit? Und wie geht es weiter mit der schwarz-gelben Koalition? Und weil diese Fragen nicht nur für Frau Merkels weitere Karriereplanung sondern auch für den Rest der politisch interessierten Republik relevant sein dürften, wird fleißig in den redaktionseigenen Glaskugeln gelesen.

Ende, aus, vorbei

Alexander Görlach hatte hier auf The European bereits Anfang Februar verkündet: “Es ist vorbei e mit der Koalition. Bei der Financial Times kommentierte Thomas Schmoll l kaum einen Monat später: Das Ende der Merkel-Republik naht. l zur Sicherheit den Lesern bereits jetzt, ob Schwarz-Gelb auseinander fliegt. . Denn, Zitat SPON: Die l für Merkel und für die Koalition. Den Vogel schießt jedoch die WELT ab, die bereits nach der langwierigen Wahl Wulffs zum Bundespräsidenten im Juli 2010 : Schwarz-Gelb am Ende? , über die Wahlniederlagen dieses Jahres, den Machtverlust in Schleswig-Holstein 2012 und Niedersachsen 2013 bis zur Bundestagswahl 2013. _Alea iacta est_ heißt es allerorts, bevor überhaupt irgendjemand gewürfelt hat. Ein wenig ist es wie im antiken Gallien, wo der Druide vor den Augen des gesamten Dorfes die Krähen befragte, aus Eingeweiden las und dann im Brustton der Überzeugung seine Weissagungen preisgab. Es war dabei weitgehend egal, ob diese Prophezeiungen korrekt waren oder nicht, denn immerhin waren hier geradezu göttliche Kräfte am Werke, die der Normalsterbliche nicht verstehen brauchte und schon gar nicht hinterfragen sollte. Was diesen Aussagen ihre Aussagekraft verlieh, war weniger der Inhalt selber als das ganze heidnische Brimborium aus Zaubersprüchen, Aberglauben, fremden Schriftzeichen und großer Gestik drumherum. Oder, anders ausgedrückt: Vorhersagen müssen nicht unbedingt inhaltlich überzeugen, solange sie nur überzeugend genug vorgetragen werden.

Die Wege des Herrn sind unergründlich

Womit wir wieder bei den Toten Hosen und der Zukunft der Regierungskoalition wären: Es ist ein schwieriger Spagat zwischen den Ansprüchen des Journalismus – zu analysieren, einzuschätzen, abzuwägen und auch Ausblick zu geben auf die möglichen Konsequenzen heutiger Entwicklungen und Entscheidungen – und dem blinden Voranstolpern, dass von den Worten selber lebt und nicht vom dahinter stehenden Wissen. Wer dazu noch mit der Autorität journalistischer Traditionsmarken spricht, kann so ziemlich alles als substanzielle Vorhersagen verkaufen und als Erklärbär-in-Chief das begründete Verlangen der Leser nach einordnenden Worten befriedigen. Wenn spekulatives Gerate als substanzieller Ausblick verkauft wird, ist eine Grenze überschritten. Und wenn die Vorhersagen dann wieder und wieder nicht eintreffen, wird es irgendwann unglaubwürdig. Ich habe inzwischen schon so oft vom Ende dieser Koalition gelesen, dass diese Meldungen schon zum Hintergrundrauschen degeneriert sind. Dabei ist das Nicht-Wissen nichts, wofür es sich zu schämen lohnt. Jede Abstimmung, jede Entscheidung, jede Diskussion (und auch jeder Artikel) ist notwendigerweise eine Weichenstellung, die bestimmte Entwicklungen wahrscheinlicher macht als andere, ohne dabei in den bedingungslosen Determinismus abzudriften. Wer die Zukunft aller Komplexität zum Trotz vorhersagen zu können glaubt, negiert genau diese Ergebnisoffenheit. Es ist der notwendigerweise scheiternde Versuch, perfektes Wissen vorzutäuschen anstatt offen zur eigenen Unwissenheit zu stehen. Ausgerechnet der Oberdruide der katholischen Kirche dürfte das übrigens genauso sehen. Er müsste dazu nur Paulus Brief an die Römer zitieren:

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