Apocalypse Now

von Martin Eiermann6.09.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Sommer hat uns alle zu Pessimisten gemacht: Hinter jeder Ecke wartet das Chaos, die deutsche Innenpolitik ist zum Trauerspiel verkommen. Wie soll es nur weitergehen mit diesem Land?

_Man wird Gehässigkeiten unter Königen aufkommen sehen, Uneinigkeiten und Kriege drohen. Große Veränderung, neue Tumulte wachsen. Die bürgerliche Ordnung wird man verletzen._ Geschrieben hat diese düsteren Worte der Astrologe und Arzt “Nostradamus”:http://de.wikipedia.org/wiki/Nostradamus im 16. Jahrhundert. Heute würde er sich wohl in der Ecke der Verschwörungstheoretiker tummeln, zu Lebzeiten haben die „Prophezeiungen“ ihn in ganz Frankreich bekannt gemacht und sogar König Karl IX in ihren Bann gezogen. Die Faszination seiner Schriften erklärt sich im ehrfürchtigen Gruseln vor einer scheinbar vorhersagbaren Zukunft genauso wie in der schummrig-schaurigen Endzeitstimmung, die allen Vierzeilern zugrunde liegt. Oder, auf neudeutsch: Da hat einer kapiert, wie sich die Massen am besten berieseln lassen.

S.O.S. in der Innenpolitik

Kaum sind wir aus dem Sommerloch zurück ans Licht gekrochen, will ich schon wieder zurück in die innenpolitische Einöde. Die Innenpolitik gibt allen Grund dazu: Die Koalition zerfleischt sich. Ein Gewerkschaftsboss “schießt”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,784491,00.html gegen Steinbrück. Das Vogtland “zittert”:http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,784468,00.html. Der “braune Spuk”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,784358,00.html lässt die demokratischen Parteien ratlos zurück. Innenminister Friedrich “zählt Terroristen”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,784447,00.html. Wir haben zu viele Schulden und zu wenige Rettungsschirme. Der Plenarsaal kocht, bis Frau Merkel das Lachen gefriert. Neue Tumulte wachsen, die bürgerliche Ordnung zerbricht. _The shit is hitting the fan._ „Hurra, wir leben noch!“, hat Mathias Richel vorige Woche “hier geschrieben”:http://www.theeuropean.de/mathias-richel/7859-innenpolitik-reloaded. Oder, “in den Worten”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/7858-nach-der-sommerpause unseres sinnkriselnden Chefredakteurs: „Es hilft alles nichts, ich muss wieder in die Wälder.“ Beide Artikel sind Ausdruck perplexer Verwunderung und latenter Frustration, dass wir scheinbar jeden Tag aufs Neue die Apokalypse durchleben müssen. Nur: Bisher ist uns der Laden noch nicht um die Ohren geflogen – was wieder einmal zu bestätigen scheint, dass die Mär vom Chaos doch eher in den Köpfen der Menschen und den Themensitzungen der Medien herumgeistert. Kleinigkeiten werden dramaturgisch hochstilisiert, Unwägbarkeiten werden mit düsteren Worten prognostiziert, Politik wird zur Personaldebatte und Personaldebatten zu Schlammschlachten. Alles muss irgendwie episch sein, aufregend, tragisch, komisch, abnormal. Das Verwunderliche daran: Journalisten sind ja nicht blind. Wir kapieren doch, dass die Welt morgen nicht untergeht, dass die Griechen nicht Konkurs anmelden und auch Deutschland einig Vaterland nicht in plötzlich erscheinenden Abgründen versinkt. Wir wissen genug über die Krise der FDP, um angesichts der Wahlergebnisse aus MeckPomm nicht wirklich überrascht zu sein. Und wir wissen genug über den politischen Betrieb, um zu ahnen, dass sich ab heute die Parteien im Bundestag wieder bekriegen werden als wäre Sommerschlussverkauf am Wühltisch. Wir wissen all das – und schreiben dann trotzdem von Blamagen und Skandalen und Ohrfeigen und all diesen Dingen, die sich sehr schlimm anhören und es “bei näherer Betrachtung meistens nicht sind”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/7831-praesident-wulff-kritisiert-die-ezb. Wir wissen sogar, dass wir mitunter Mist fabrizieren. Oder glauben die Agenturmeldungsumschreiber “aus Stefan Niggemeiers kleiner Fallstudie”:http://www.stefan-niggemeier.de/blog/stern-de-anatomie-einer-attrappe/ wirklich, dass dort tagtäglich Großes erwächst? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Warum der Zirkus?

Was bleibt, ist wieder einmal die “Frage nach dem Warum”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/7681-krawalle-in-grossbritannien. Die plumpe Antwort wäre, jetzt von den dummen Lesern zu sprechen, deren Aufmerksamkeitsspanne nach zwei Brüsten und zehn Sätzen scheinbar an ihre Grenzen stößt. Na gut, wer’s glauben mag. Aber erklärt das, warum wir morgens in die Redaktion kommen? Sehen wir uns lediglich als Nachlassverwalter der Volksverdummung oder als hilflose Passagiere im Geisterzug? Wohl kaum. Es ist immer interessanter, über wichtige Fragen zu schreiben als über Nichtigkeiten. Es ist schön, wenn sich komplexe Fragen auf Personalien reduzieren lassen oder wenn sich das bunte Meinungs- und Parteienspektrum in Gute und Böse einteilen lässt. Als Debattenmagazin sind wir uns all dessen wohlbewusst. Und genau, weil wir uns nicht hinter dem Schild der Ignoranz und des Unwissens verstecken können und wollen, ist etwas Selbstreflexion und Rückgrat von Nöten. Das Schöne am Journalismus ist, dass er sich täglich neu erfinden kann. Jeder Text, jede Schlagzeile, jede redaktionelle Bearbeitung ist eine Weiche, die täglich zigtausendmal neu gestellt wird. Auf jede Entscheidung des Chefredakteurs kommen unzählige kleine Entscheidungen: Für dieses Wort und gegen jenes. Für diesen Blickwinkel und gegen jenen. Unzählige Möglichkeiten, um bessere Medien zu ringen. In Bert Brechts „Geschichten“ begegnet der Protagonist Herr Keuner dem Herrn Wirr, dem Kämpfer gegen die Zeitungen. „Ich bin ein großer Gegner der Zeitungen“, sagt Herr Wirr, „ich will keine Zeitungen.“ Herr Keuner sagt: „Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen: Ich will andere Zeitungen.“ Wir wollen mehr von all dem, was uns antreibt und stolz auf die eigene Arbeit macht. Mehr davon, und weniger vom ganzen Rest. Ab morgen kann es losgehen.

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