Wann wird's mal wieder richtig Sommer?

von Martin Eiermann2.08.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Wer bisher noch nicht reif für den Urlaub war, ist es nach einer Woche SPON Panorama. Das Sommerloch schlägt unbarmherzig zu.

Auch wenn man es angesichts von Wind und Regen kaum glauben mag: “Der Sommer ist da . Und kein Sommer ist in der Berliner Medienlandschaft komplett ohne die penetrante Nachsilbe des -lochs; einer luftigen Umschreibung der Tatsache, dass man sich das Kleinhirn nicht erst am Ballermann ertränken oder unter der Toskanasonne wegbrennen muss, um vorzugsweise und mit Nachdruck einen ausgesprochenen Mist in die Welt hinauszuposaunen. Die Ferienzeit des einen ist eben die nachrichtliche Flaute des anderen, vor allem wenn einer zur politischen Speerspitze und anderer hinter den redaktionellen Schreibtisch gehört.

Im Spiegel’schen Kuriositätenkabinett

Es ist schon bizarr, was es so alles zu entdecken gibt, wenn der Tinnitus der parteipolitischen Dauerbeschallung einmal verstummt. In Schwäbisch-Gmünd stürzt sich Spiegel Online in die Provinzposse: Zwar soll Bud Spencer seinen Namen nicht über einem Tunnel prangen sehen, dafür wird ein Schwimmbad l nach dem alten Protz benannt. Und apropos Muskelprotz: Arnold Schwarzenegger hat gleich doppelt Grund zum Feiern: Sein Kinderbett ist auf einer Alm aufgetaucht , mit der Bald-Ex-Frau klappt es auch wieder besser l (und das ist angesichts der Gewalt in deutschen Küchen l nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit). In London bekommt der dümmliche Nachwuchs l jetzt in Form der Krawattenfarbe ein eigenes Hoheitsabzeichen verliehen und darf sich ganz offiziell dem Klassenkampf am Schulhofzaun widmen, während sich die deutschen Schützenbrüder um die Frage kloppen, ob Mann auch Königin l sein darf. Und weil wir schon einmal in Deutschland und bei Schützenkalauern gelandet sind: Den Vogel schießen diese Woche die Brandenburger Klotürdiebe l ab. Auf der Suche nach den 22 verschwundenen Raststättentüren tappt der Freund und Helfer der Deutschen leider weiter im Dunkeln. Womit wir schon tief drin im Ressort „Bunte und Bravo“ angekommen wären. Die alte Skandalnudel l Charlie Sheen wird von den Produzenten von „Big Brother“ medial reanimiert. Julia Roberts ist auch nicht ganz so pretty, wie sie als woman einmal war , Mel C l betreibt Werbung in eigener Sache und gegen die unkeusche Konkurrenz aus Übersee. Scarlett Johansson gibt stilvoller l einen Korb als die meisten ein Kompliment, während Emma Stone den lieben Kollegen mit süßem Lip Gloss den Kopf verdreht . Dafür hat die amerikanische Arbeitsagentur sich entschieden, den schleppenden Aufschwung am Arbeitsmarkt durch 20.000 neue Hobby-Angebote neu zu beleben . Denen gehen in den USA aber auch nie die Neuigkeiten aus!

Ein Königreich für eine Klickstrecke!

Und was bleibt, falls doch die große Flaute eintritt? Klar, das Internet, das braucht schließlich keine Pause und ist sowieso schon bewährtes Ablenkungs- und Berieselungsmittel. Wäre doch gelacht, wenn sich nicht irgendein Promi im Netz blamiert. Wo sind eigentlich die Praktikanten, wenn man sie braucht? Los geht’s: Schief l ist das neue klangvoll in der Musik. Twitter ist nichts für James Bond l (wen interessiert schon das Frühstücksei aus dem Hause Craig?). Die alten Screenshots von anno dazumal l sind auch in der Wiedervorlage gelandet, das gibt’s obendrauf. Man kann sie niemals oft genug sehen. Ein bisschen Service am Kunden l passt da ganz gut als Beilage, zur Not auch ein zweites Mal . Und wenn alle Stricke reißen und es draußen entweder zu heiß oder zu nass zum Lustwandeln ist, gibt es immer noch die bewährte Klickstrecke, wahlweise in den Geschmacksrichtungen niedlich l oder peinlich-kurios . Sahne l gibt’s umsonst. Nur Brasilien trauert : Löwe Ariel ist an den Folgen eines Bandscheibenvorfalls gestorben. Da bleibt einem die Freude über südafrikanische Wiederauferstehungen l fast im Halse stecken. Aber die ist angesichts dieses wilden Trivialitätenkabinetts ohnehin schon flöten gegangen. Was bleibt als Wort zum Dienstag? Ein finales Beispiel: „Nordlichter haben größere Gehirne“, überschrieb der „Spiegel“ gestern eine Meldung l zu einer anthropologischen Studie der Universität Oxford. Wie man von den Machern der Studie 0 erfährt, hat das jedoch strikt etwas mit dem Volumen und nichts mit der Leistungsfähigkeit der Hirne oder der Intelligenz ihrer Träger zu tun und disqualifiziert die Überschrift demnach zumindest als Suggestivsünde. Oder, etwas umgemünzt: Nur weil sich die Besucher millionenfach-munter auf den Seiten der Hamburger Kollegen tummeln, muss man nicht zwingend einen echten Mehrwert herbeischlussfolgern. Wer vorher noch nicht reif für den Urlaub war, ist es nach einer Woche SPON Panorama bestimmt. Viele Buchstaben können eben erstaunlich wenig aussagen, vor allem wenn die Meldungen immer wieder durch diese nervigen Sommerlöcher verschwinden.

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