Schwarze Kinder gehen immer

von Martin Eiermann12.07.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Pünktlich zur Afrikareise der Kanzlerin erlebt eine ganz bestimmte Art des Betroffenheitsjournalismus eine kleine Renaissance: Bilder von hungernden Kindern, Kurzmeldungen über Not und Elend. Doch wie ernst ist es uns damit? Dient die Sekundenaufmerksamkeit nicht vielmehr der Befriedigung des eigenen Gewissens nach dem Motto: Ich nicke, also fühle ich?

„Es ist ein Trip auf einen Kontinent im Schatten der Wahrnehmung: Die Kanzlerin reist an diesem Montag nach Afrika“, schreibt Spiegel Online zum Auftakt der Auslandsreise der Kanzlerin und als Aufmacher des dazu passenden “Interviews mit Agrarministerin Ilse Aigner”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,773478,00.html. Um der Wahrnehmung und Fantasie der Leser etwas auf die Sprünge zu helfen, kann die Redaktion zum Glück “schnell und wortgewaltig nachlegen”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,773657,00.html: „Kinder, die kraftlos auf dem Boden liegen, Frauen, die sich und ihre Familien mit letzter Kraft voranschleppen: Die Bilder von den Menschen, die in Ostafrika unter der Jahrhundertdürre leiden, sind erschütternd.“ Zwölf Millionen Menschen, so das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, brauchen allein in und um Somalia herum dringend Hilfe.

Man lebt nur einmal

Warum die drastischen Worte, warum die Bildserien von unterernährten Kindern und hilflos dreinblickenden Müttern? Geht es wirklich darum, Aufmerksamkeit auf die Ränder der Wahrnehmung zu lenken – oder sollten wir mit Camus einwenden, dass auch eine solch gut gemeinte Berichterstattung letztlich nur dazu dienen kann, all jene zu beruhigen, die echtes Mitgefühl schon längst durch Spendenbereitschaft ersetzt haben? Wir konsumieren häppchenweise Eindrücke vom Elend, die uns höchstens ein gleichermaßen erstauntes wie kurzlebiges _Oh Gott!_ zu entlocken vermögen. Dann geht es weiter, auf zum Kaffee, zurück zur Arbeit, zu etwas Leichterem, zurück in unseren Alltag. Man lebt nur einmal, und das zum Glück hier und nicht in Afrika. Der zitierte SPON-Beitrag ist inzwischen bereits in den Tiefen des Archivs verschwunden, der große Aufmacher ist innerhalb von Stunden zu einem kleinen Link zusammengeschrumpft. Empathie, so scheint es mir, hat eine geringe Halbwertzeit. Man mag antworten: „Die Rolle der Medien ist die Aufklärung, sie legen Zeugnis ab. Verantwortlich für die Problemlösung sind letztendlich andere.“ Stimmt, es gibt einen Unterschied zwischen „WELT Kompakt“ und der Welthungerhilfe. Es ist nicht die Aufgabe des Journalismus, Hungernde mit Essen zu versorgen oder heimatlosen Migranten ein Stück Halt zurückzugeben. Das müssen und können die Medien nicht leisten. Und doch erstaunt es mich immer wieder, dass sich die Idee der Hilfsbereitschaft numerisch fassen und auf einige Zeilen, auf die Überweisung von Spendengeldern oder 8,8 Milliarden Euro für die Entwicklungszusammenarbeit reduzieren lässt. 0,4 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung sind das. Viel Geld, das Herrn Schäuble regelmäßig Sorgenfalten auf die Stirn zaubert. Und gleichzeitig doch erschreckend wenig, wenn man daran denkt, mit welcher Penetranz gleichzeitig von „globalen“ Problemen oder „erschütternden“ Lebensrealitäten die Rede ist. Wir sind zu tief in das globale System des Gebens und Nehmens verstrickt, um uns ernsthaft über die Persistenz von Armut, Hunger und dergleichen zu wundern und glauben nur allzu gerne, dass sich durch das Ausfüllen eines Überweisungsträgers oder den sonntäglichen Kollektenbeitrag auch nur irgendetwas an dem System ändern würde, das solche Probleme perpetuiert und die globale NGO-Transferleistungsindustrie überhaupt erst notwendig macht.

Journalismus muss zur Radikalität bereit sein

Dass hier wieder einmal SPON als Beispiel zitiert wird, ist zumindest teilweise dem Zufall geschuldet – wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Vielleicht ist es illusorisch, andere Berichte und Leserreaktionen herbei zu wünschen – kein Artikel kann das entschlossene Wegschauen verhindern oder unmittelbar auf Veränderung hinwirken. Und doch erlöst das nicht von der Pflicht, die Aufgaben, die es zu erfüllen gibt, auch gut zu erfüllen. Betroffenheitsjournalismus per Wiedervorlage genügt diesen Kriterien oftmals eher nicht. Wenn sich die Berichterstattung zu Leid und Elend an Klicks messen lassen muss und ansonsten in das Hintergrundrauschen der Berichterstattung zurückfällt, ist etwas faul im Laden. Wenn Merkels Afrikareise primär als willkommene Gelegenheit gesehen wird, Mitleidsbilder kurz angewärmt neu zu präsentieren und dann ebenso schnell wieder verschwinden zu lassen, dann sind die Maßstäbe durcheinandergeraten. An seinem besten Tag ist der Journalismus nicht nur hungrig nach Antworten jenseits knapper Agenturmeldungen und griffiger Statements, sondern auch radikal in der Offenheit für ebensolche Antworten. Radikal nicht im Sinne eines Hau-den-Lukas-Draufgängertums, das mit großen Buchstaben und provozierenden Sätzen zu punkten versucht. Radikal auch nicht im Sinne eines Antipodentums, das aus Prinzip dagegen ist und sich hinter der Fassade des Unwortes „Das wird man ja noch sagen dürfen“ zu verstecken glaubt. Radikal allerdings in der Bereitschaft, um Ecken zu denken und scheinbar Selbstverständliches fundiert zu hinterfragen. Eine “Anklage der westlichen Entwicklungspolitik”:http://www.guardian.co.uk/society/2009/feb/19/dambisa-moyo-dead-aid-africa kann in dieser Hinsicht genauso passend sein wie die Forderung, “Grenzen aufzugeben”:http://www.theeuropean.de/parag-khanna/6208-autoritaet-und-globalisierung. Guter Journalismus weiß zu hinterfragen, ob die Richtlinien der Genfer Flüchtlingskonvention sechzig Jahre nach ihrer Verabschiedung immer noch adäquat sind, ob die Politik des Westens “Korruption begünstigt oder verhindert”:http://www.theeuropean.de/dirk-niebel/7263-deutsche-entwicklungskooperation oder – wie der „Spiegel“ im April gefragt hat – welche sehr menschlichen Opfer das oftmals virtuelle “Lebensmittel-Spekulantentum”:http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-78145129.html fordern kann. Dazu gehört, immer auch ein bisschen neben sich selbst zu stehen und nicht zaudernd vor dem Schlagbaum der Systemkritik jedweder politischer Couleur innezuhalten. Dazu gehört, dem Leser auch genug Geistesgabe zuzumuten, um ihn nicht allein mit Häppchen abzuspeisen, sondern “Fundiertes gut zu verpacken”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,773173,00.html. Guter Journalismus ist hungrig und mutig. Das einzufordern ist die tägliche Aufgabe der Medienmacher und Medienkonsumenten – oder, anders gesagt, die Aufgabe von uns allen.

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