Malen nach Zahlen

von Martin Eiermann5.07.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Superhelden und Bösewichte – die Personalisierung jeder Geschichte ist eine Unart des Boulevards. Umso überraschender ist die Abstrahierung im Fall der Griechenlandkrise: Wir reden über Zahlen, nicht mit Menschen. Schön, wenn es auch anders geht.

Vor einer Woche hatte ich “an dieser Stelle d einen Artikel von Spiegel Online zur Griechenland-Krise – oder, genauer, zur Reaktion der deutschen Politik und der Deutschen auf diese Situation – kritisiert. Angebliche „Tabus“ werden heraufbeschworen und „massive“ Widerstände herbeiinterpretiert, bis sich am Ende der nachrichtliche Wert vor allem aus dem Tenor der Meldung heraus generiert. Wer Skandale hochschreibt, hat immer etwas zu berichten. Es wird kopiert, verkürzt, dramatisiert, vereinfacht, und repliziert . Übrig bleiben oftmals Informationsbrocken ohne Bezug zu größeren Zusammenhängen und ohne die Fähigkeit, auch komplexe Themen erklärbar zu machen oder intelligent zu durchleuchten.

Das Politische ist persönlich geworden

Die Personalisierung von Themen ist ein Werkzeug innerhalb dieses boulevardesken Repertoires. Merkel gegen Rösler, Rösler gegen Westerwelle, Schäuble gegen alle, Batman gegen den Joker. Personalien produzieren tragische Helden, große Gewinner und Verlierer, einsame Kämpfer gegen Unrecht und Neuverschuldung. Und sie beinhalten das große Risiko, bei allem Fokus auf Gefühls- und Mienenspiele die Dinge außer Acht zu lassen, die hinter den Kulissen und abseits der persönlichen Inszenierung Prozesse und Entscheidungen nachhaltig beeinflussen können. Und doch verhindert die Personalisierung von Themen einen zentralen Fauxpas des Nachrichtenjournalismus: das Reden und Schreiben über Menschen, anstatt mit und von ihnen. Agenturmeldungen sind ein Gipfel dieser Entwicklung, getippt von gesichts- und namenlosen Redakteuren in den Schreibstuben der Republik, wie Wolf Schneider in seinem Buch „Wörter machen Leute“ einst angemerkt hat. In akkurater Sterilität informieren sie über Dinge, Events, Entwicklungen, Entscheidungen. Wenn menschliche Akteure zu Wort kommen, dann tun sie dies meistens in der indirekten Rede, im Reich des „sei“, „wäre“, „habe“ und „könne“. Fünf Worte Ruhm, mehr ist meistens nicht drin für „die Griechen“ und ihresgleichen. Das _sei_ nun mal so. _Man müsse_ das so machen. Die wirtschaftlichen Fakten _ließen_ keine andere Wahl. Die Zahlen _seien_ eindeutig. Die Entmenschlichung der Berichterstattung macht es leichter, zu wettern und abzuurteilen. Da ist es überraschend erleuchtend, dass sich SPON in den vergangenen Wochen zusehends mit den Menschen vor Ort beschäftigt hat. Griechenland, klagt ein Ladenbesitzer, drohe zum Kasino der Zocker l zu werden. Der Olivenbauer Georgios Nikolaou erzählt von der Korruption im Land l und von den Zwängen, mit denen sich die Landbevölkerung durch sinkende Preise für Agrargüter konfrontiert sieht. Jannis Varvargios erklärt , wie auch er als Arzt immer tiefer in das System der „Fakelaki“ – der Schmiergeldvergabe und -annahme – hineingezogen worden ist. Der Fall des ehemaligen Lokführers Georgios Fotiadis illustriert, wie der volkswirtschaftliche Abstieg eines Landes sich auf ganz persönlicher Ebene replizieren kann . Körperlich und geistig Behinderte kämpfen um Anerkennung durch das griechische Gesundheitssystem, während in Athen eine große Party steigt . Der Regisseur Dimitris Meletis beklagt das Sitzfleisch l der korrupten politischen Eliten. Die Liste lässt sich fortführen. Die Porträts des „Spiegel“ sind manchmal simpel, manchmal theatralisch aufgebauscht . Natürlich verklären und vereinfachen wir, jeder Text erzählt ganz bewusst eine Geschichte, inklusive Spannungsbogen und Pointe. Niemand zwingt uns, mit den Meinungen übereinzustimmen oder mitleidsduselig mit dem Kopf zu nicken. Und doch erfüllen die Stimmen aus Griechenland einen wichtigen Zweck: Jemand redet mit den Menschen, hört ihnen zumindest für einige Minuten zu – und Deutschlands Leser lesen mit.

Gesichter der Krise

Die deutsche Nonne und Philosophin Edith Stein n hat Empathie einmal als „die Erfahrung eines fremden Bewusstseins“ umschrieben. Doch wie können wir mit anderen mitdenken, mitfühlen und mitfiebern, wenn wir nichts über ihre Gefühle und Sorgen wissen? Es sind auch diese Porträts der Einzelschicksale, die dabei helfen, gegen die unsägliche Rhetorik der „Pleite-Griechen“ anzuschreiben. Wir lesen, dass sich „dort unten“ keinesfalls verbohrte Sozialschmarotzer tummeln, sondern Menschen, denen die Probleme ihres Landes besser bewusst und vertrauter sind als jedem durchschnittlichen deutschen Medienkonsumenten. Menschen, die Teil des Systems der Fakelaki sind, die Geld vom griechischen Staat kassieren – und genau deshalb intelligent darüber sprechen können. Die Fähigkeit, Informationen in Minuten aus zahllosen online verfügbaren Quellen zusammenzusuchen, erlöst uns nicht aus der Verantwortung, mit den Menschen zu reden und uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Geschichte der Griechenlandkrise ist nicht nur eine Geschichte über Parlamentsmehrheiten, abstrahierte wirtschaftliche Parameter und die Laufzeiten von Staatsanleihen. Es ist auch die Geschichte der elf Millionen Menschen, die mit diesen Problemen leben müssen und deren Zukunft direkt verwunden ist mit der Zukunft des griechischen Staates und der dortigen Wirtschaft. Solange wir mehr über die Griechen zu wissen glauben, als wir von ihnen hören, kann ein kurzer Realitätscheck nicht schaden. Wir geben der Krise, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Gesicht.

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