Malen nach Zahlen

von Martin Eiermann5.07.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Superhelden und Bösewichte – die Personalisierung jeder Geschichte ist eine Unart des Boulevards. Umso ĂŒberraschender ist die Abstrahierung im Fall der Griechenlandkrise: Wir reden ĂŒber Zahlen, nicht mit Menschen. Schön, wenn es auch anders geht.

Vor einer Woche hatte ich “an dieser Stelle”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/7191-medienspektakel-griechenland einen Artikel von Spiegel Online zur Griechenland-Krise – oder, genauer, zur Reaktion der deutschen Politik und der Deutschen auf diese Situation – kritisiert. Angebliche „Tabus“ werden heraufbeschworen und „massive“ WiderstĂ€nde herbeiinterpretiert, bis sich am Ende der nachrichtliche Wert vor allem aus dem Tenor der Meldung heraus generiert. Wer Skandale hochschreibt, hat immer etwas zu berichten. Es wird “kopiert, verkĂŒrzt, dramatisiert, vereinfacht, und repliziert”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/6629-abschreibejournalismus-kommt-in-mode. Übrig bleiben oftmals Informationsbrocken ohne Bezug zu grĂ¶ĂŸeren ZusammenhĂ€ngen und ohne die FĂ€higkeit, auch komplexe Themen erklĂ€rbar zu machen oder intelligent zu durchleuchten.

Das Politische ist persönlich geworden

Die Personalisierung von Themen ist ein Werkzeug innerhalb dieses boulevardesken Repertoires. Merkel gegen Rösler, Rösler gegen Westerwelle, SchĂ€uble gegen alle, Batman gegen den Joker. Personalien produzieren tragische Helden, große Gewinner und Verlierer, einsame KĂ€mpfer gegen Unrecht und Neuverschuldung. Und sie beinhalten das große Risiko, bei allem Fokus auf GefĂŒhls- und Mienenspiele die Dinge außer Acht zu lassen, die hinter den Kulissen und abseits der persönlichen Inszenierung Prozesse und Entscheidungen nachhaltig beeinflussen können. Und doch verhindert die Personalisierung von Themen einen zentralen Fauxpas des Nachrichtenjournalismus: das Reden und Schreiben ĂŒber Menschen, anstatt mit und von ihnen. Agenturmeldungen sind ein Gipfel dieser Entwicklung, getippt von gesichts- und namenlosen Redakteuren in den Schreibstuben der Republik, wie Wolf Schneider in seinem Buch „Wörter machen Leute“ einst angemerkt hat. In akkurater SterilitĂ€t informieren sie ĂŒber Dinge, Events, Entwicklungen, Entscheidungen. Wenn menschliche Akteure zu Wort kommen, dann tun sie dies meistens in der indirekten Rede, im Reich des „sei“, „wĂ€re“, „habe“ und „könne“. FĂŒnf Worte Ruhm, mehr ist meistens nicht drin fĂŒr „die Griechen“ und ihresgleichen. Das _sei_ nun mal so. _Man mĂŒsse_ das so machen. Die wirtschaftlichen Fakten _ließen_ keine andere Wahl. Die Zahlen _seien_ eindeutig. Die Entmenschlichung der Berichterstattung macht es leichter, zu wettern und abzuurteilen. Da ist es ĂŒberraschend erleuchtend, dass sich SPON in den vergangenen Wochen zusehends mit den Menschen vor Ort beschĂ€ftigt hat. Griechenland, klagt ein Ladenbesitzer, drohe zum “Kasino der Zocker”:http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,770523,00.html zu werden. Der Olivenbauer Georgios Nikolaou “erzĂ€hlt von der Korruption im Land”:http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,771001,00.html und von den ZwĂ€ngen, mit denen sich die Landbevölkerung durch sinkende Preise fĂŒr AgrargĂŒter konfrontiert sieht. “Jannis Varvargios erklĂ€rt”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,771303,00.html, wie auch er als Arzt immer tiefer in das System der „Fakelaki“ – der Schmiergeldvergabe und -annahme – hineingezogen worden ist. Der Fall des ehemaligen LokfĂŒhrers Georgios Fotiadis illustriert, wie der volkswirtschaftliche Abstieg eines Landes “sich auf ganz persönlicher Ebene replizieren kann”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770889,00.html. Körperlich und geistig Behinderte kĂ€mpfen um Anerkennung durch das griechische Gesundheitssystem, “wĂ€hrend in Athen eine große Party steigt”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770588,00.html. Der Regisseur Dimitris Meletis “beklagt das Sitzfleisch”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,771602,00.html der korrupten politischen Eliten. Die Liste lĂ€sst sich fortfĂŒhren. Die PortrĂ€ts des „Spiegel“ sind manchmal simpel, “manchmal theatralisch aufgebauscht”:http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770490,00.html. NatĂŒrlich verklĂ€ren und vereinfachen wir, jeder Text erzĂ€hlt ganz bewusst eine Geschichte, inklusive Spannungsbogen und Pointe. Niemand zwingt uns, mit den Meinungen ĂŒbereinzustimmen oder mitleidsduselig mit dem Kopf zu nicken. Und doch erfĂŒllen die Stimmen aus Griechenland einen wichtigen Zweck: Jemand redet mit den Menschen, hört ihnen zumindest fĂŒr einige Minuten zu – und Deutschlands Leser lesen mit.

Gesichter der Krise

Die deutsche Nonne und Philosophin “Edith Stein”:http://de.wikipedia.org/wiki/Edith_Stein hat Empathie einmal als „die Erfahrung eines fremden Bewusstseins“ umschrieben. Doch wie können wir mit anderen mitdenken, mitfĂŒhlen und mitfiebern, wenn wir nichts ĂŒber ihre GefĂŒhle und Sorgen wissen? Es sind auch diese PortrĂ€ts der Einzelschicksale, die dabei helfen, gegen die unsĂ€gliche Rhetorik der „Pleite-Griechen“ anzuschreiben. Wir lesen, dass sich „dort unten“ keinesfalls verbohrte Sozialschmarotzer tummeln, sondern Menschen, denen die Probleme ihres Landes besser bewusst und vertrauter sind als jedem durchschnittlichen deutschen Medienkonsumenten. Menschen, die Teil des Systems der Fakelaki sind, die Geld vom griechischen Staat kassieren – und genau deshalb intelligent darĂŒber sprechen können. Die FĂ€higkeit, Informationen in Minuten aus zahllosen online verfĂŒgbaren Quellen zusammenzusuchen, erlöst uns nicht aus der Verantwortung, mit den Menschen zu reden und uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Geschichte der Griechenlandkrise ist nicht nur eine Geschichte ĂŒber Parlamentsmehrheiten, abstrahierte wirtschaftliche Parameter und die Laufzeiten von Staatsanleihen. Es ist auch die Geschichte der elf Millionen Menschen, die mit diesen Problemen leben mĂŒssen und deren Zukunft direkt verwunden ist mit der Zukunft des griechischen Staates und der dortigen Wirtschaft. Solange wir mehr ĂŒber die Griechen zu wissen glauben, als wir von ihnen hören, kann ein kurzer RealitĂ€tscheck nicht schaden. Wir geben der Krise, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Gesicht.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die erstaunlichen GeschÀfte der Greta Thunberg-Lobby

Greta Thunberg bricht mit einem Segelboot in die USA auf. Das globale Medienspektakel um die KlimaschĂŒtzerin erreicht einen neuen Höhepunkt. Doch im Hintergrund ziehen Profis ihre PR-Strippen und machen erstaunliche GeschĂ€fte.

"Ganz klar die AuslÀnderkriminalitÀt."

Vor einigen Wochen stellte Friedrich Merz völlig zu Recht - aber natĂŒrlich auch völlig entsetzt - fest, dass sehr viele Polizisten und Soldaten mittlerweile UnterstĂŒtzer der Alternative fĂŒr Deutschland sind.

Der Rest der Welt hĂ€lt Deutschland fĂŒr verblödet

Deutschland ist nur fĂŒr kaum mehr als 1 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, wĂ€hrend China, der grĂ¶ĂŸte Emittent, vom Pariser Klimaschutzabkommen das Recht auf Steigerung seiner CO2-Emissionen eingerĂ€umt bekommen hat. Die politisch herbeigefĂŒhrte Verelendung der deutschen Bevölk

Die SPD tut eigentlich sehr viel fĂŒr die Menschen

Die Halbzeitbilanz entscheide ĂŒber den Verbleib der SPD in der GroKo, sagt die kommissarische Parteichefin Schwesig. Was sie weiter saghte, sehen Sie hier!

Unsere Positionen sind keineswegs AfD-nah

Gern unterstellen unsere Gegner der WerteUnion, unsere Positionen seien AfD-nah. Die RealitĂ€t ist aber, dass die WerteUnion Positionen vertritt, die ĂŒber Jahrzehnte unbestritten Positionen der CDU/CSU waren. Leider hat die alte ParteifĂŒhrung diese Positionen in den letzten Jahren aber ĂŒber Bord

Warum Sie aus der Klimakirche austreten sollten

Es gibt in der Wissenschaft unterschiedliche Meinungen darĂŒber, ob es eine allgemeine KlimaerwĂ€rmung gibt und welchen Anteil der Mensch daran hat. Diese unterschiedlichen Positionen werden von Politik und Systemmedien nicht offen diskutiert; vielmehr wird wahrheitswidrig behauptet, dass nur ein un

Mobile Sliding Menu