Neulich beim Griechen

von Martin Eiermann28.06.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Jeder ist zum Griechenland- und Währungsexperten mutiert. Wir debattieren Umschuldung, Währungsreform und Schuldenschnitt; unsere Informationsquellen sind die Massen- und Leitmedien. Doch wie stark unterscheidet sich die dortige Berichterstattung noch vom Kampagnenjournalismus des Boulevards?

Es ist so eine Sache mit Meinungen: Die Summe oder der Bekanntheitsgrad der zustimmend nickenden Köpfe sagen erst einmal nichts über den Wahrheitsgehalt oder die Idiotie der von ihnen benickten Aussagen aus, genauso wenig wie sich verändernde Mehrheitsverhältnisse im gleichen Atemzug die Validität der vorgetragenen Argumente gleich mit verändern. Die Erde war nie eine Scheibe, und auch durch das Ende der christlich-mittelalterlichen Dogmatik ist sie nicht plötzlich runder geworden. Wenn der „Spiegel“ jetzt vom „massiven Misstrauen“ der Deutschen in den Euro “schreibt , dann heißt das also nicht automatisch, dass ein solches Misstrauen auch gerechtfertigt wäre. Und mehr noch: Es bedeutet nicht einmal, dass wir hierzulande wirklich auch massive Zweifel an der Stabilität und Zukunft unserer Währung hätten. Konkret geht es im Text um eine Studie im Auftrag der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. 71 Prozent der von Allensbach Befragten gaben an, „weniger“, „kaum“ oder „gar kein“ Vertrauen in den Euro zu haben. Weniger Vertrauen in den Euro habe ich auch – es wäre schließlich auch ein Zeichen von Realitätsverweigerung, angesichts der griechischen Finanzsituation und der wiedererwachten Europaskeptiker anderes zu behaupten –, doch „massiv“ werden meine Bedenken dadurch noch lange nicht. Wie viele Menschen wirklich „gar kein“ Vertrauen mehr in die Währung haben oder sie sogar gerne abgeschafft sähen, habe ich bisher nicht herausfinden können, bei Allensbach und der „FAZ“ geht niemand ans Telefon. Und ich habe meine Zweifel, ob „SPON“ sich bemüht hat, ebenfalls an diese Zahlen zu kommen.

Spektakel, Zirkus, Trallala

Womit wir wieder einmal beim Thema wären: Der Medienzirkus lebt von der Aufmerksamkeit. Der Wert einer Meldung bemisst sich weniger an den Inhalten als an den Wellen, die sie zu schlagen fähig ist. „Also wird nach Kräften nachgeplappert und mitgehämmert, und es ist, je nach Perspektive, entweder spaßig oder niederschmetternd“, wie der geschätzte Kollege Stefan Gärtner in der Titanic schreibt . Ein „massiver“ Vertrauensverlust ist diesen Parametern zufolge immer die bessere – weil aufregendere – Meldung als die Nachricht, dass der gesunde Menschenverstand 71 Prozent der Deutschen zu einer Portion Skepsis verleitet. Noch ein Beispiel? „Wenn es um Griechenland geht, ist das ,P-Wort‘ für Europas Staats- und Regierungschefs bislang ein Tabu. Jede Frage nach einer möglichen Pleite des europäischen Sorgenkinds schmettern Politiker ab: ,So weit wird es nicht kommen‘“, posaunt „SPON“ in Endzeitstimmung in den digitalen Äther hinaus . Was schon insofern nicht stimmt, als dass das ominöse „P-Wort“ mitnichten ein Tabubegriff ist. Rainer Brüderle („Die Folgen einer Staatspleite und damit verbundener Gefahren für alle Anleger können auch die Banken nicht wollen“), Philipp Rösler („Eine Staatspleite hätte schwerwiegende Konsequenzen für alle Länder der Euro-Zone“), der österreichische Kanzler Werner Faymann („Kann eine Staatspleite nicht ausschließen“), Bundesbankchef Jens Weidmann („… dass wir eine schwere Staatsschuldenkrise in einigen kleineren Ländern haben“) und Griechenlands Premier Papandreou („Der Sparkurs ist notwendig, um den Staatsbankrott zu verhindern“) haben alle explizit auf die drohende Zahlungsunfähigkeit Griechenlands hingewiesen. Alles andere könnte man vor allem im Fall Papandreou auch getrost als Augenwischerei bezeichnen. Und auch das „Abschmettern“ kritischer Nachfragen entpuppt sich schnell als medienwirksamer Strohmann. Sogar der deutsche Finanzminister beschäftigt sich sehr konkret und öffentlich mit Gedankenexperimenten für den finanzpolitischen Ernstfall: „Wir setzen alles daran, eine krisenhafte Zuspitzung für Europa zu verhindern, müssen aber gleichzeitig auf alles vorbereitet sein“, so zitiert der „Spiegel“ im gleichen Artikel. Schäuble stellt Forderungen an das griechische Parlament, lobt die Krisenresistenz des Euro und zieht Vergleiche zur Finanzkrise 2008. Abschmettern sieht anders aus, Tabuisierung ebenfalls. Es ist schon eine Kunst, auch konträre Aussagen und herbeifabulierte Übertreibungen so elegant zu verpacken, dass am Ende ein lesbares Gesamtkunstwerk herauskommt. Doch solch einen Beschiss am Leser vermutet man eigentlich eher in den gesammelten Werken hochbezahlter PR-Agenten und professioneller Spin-Doktoren, nicht in den Wirtschaftsmeldungen der zweitgrößten deutschen Nachrichtenseite.

Die subtile Macht der Seriosität

Als nach dem Amtsantritt der Regierung Papandreou das Ausmaß des griechischen Schuldenberges langsam ersichtlich wurde, blies die „Bild“ zum wohldokumentierten und -kritisierten Angriff / auf die „Pleite-Griechen“. Das Schöne dabei war die Vorhersehbarkeit der „Bild“-Kampagne. Niemand erwartete etwas anderes als Stammtischparolen, und nur wenige dürften das hysterische Gezeter für bare Münze genommen haben. Doch „SPON“ ist nicht die „Bild“, die Aura der Respektabilität ist bei erstem immer noch vorhanden. Und es ist genau das Fehlen dieser anti-boulevardesken Warninstinkte, das die subtile Wirkung der oberflächlichen Berichterstattung noch verstärkt und das Unwissen tief zu verankern hilft. Ich lese den Mainstream, Artikel um Artikel, aus Zeitmangel überfliege ich manche Passagen, ich springe von einem Informationshappen zum nächsten, mir fehlt der Hintergrund zur Einordnung und Bewertung – genau dazu lese ich doch! – und merke irgendwann, dass der Kaiser nackt ist: Ich konsumiere Wörter und Worthülsen, ohne dabei auch zwangsläufig mit Inhalten konfrontiert zu werden. Und genau hier fußt das Problem der fortschreitenden Boulevardisierung der Massenmedien: Meldungen und Meinungen ohne fundierte Informationen sind die potemkinschen Dörfer des Journalismus, hohl nach innen und nach außen mit dem Glanz großer journalistischer Marken und der Leichtigkeit fließender Sätze nett verkleidet. Wir verurteilen die Hysterie der Klatschpresse, loben den „Qualitätsjournalismus“ und übersehen dabei gerne, dass sich das eine vom anderen manchmal nur marginal unterscheidet. Wir lesen, wir nicken, wir replizieren Meinungen und Meldungen. Nur um ihre Validität sorgen wir uns ungern. _Update, 12:02 Uhr: Allensbach hat die einzelnen Umfragewerte vorbeigeschickt. 19% der Deutschen haben großes Vertrauen

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