Wer hat den Größten?

Martin Eiermann25.10.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Das Auto-Ressort ist die Kinozeitschrift des Qualitätsjournalismus: frei von Tiefe, frei von Mehrwert und nur unter Aufgabe jeglicher Ansprüche zu genießen.

Wer auf dem Weg in den Kinosaal die überall ausliegenden Zeitschriften mitnimmt, tut das bestimmt nicht wegen der Inhalte. Wer es trotzdem tut, wird bitter enttäuscht. Die kostenlosen Film-Magazine sind nichts anderes als neu verpackte PR-Schleudern der Filmverleihe, in denen selbst der hirnloseste Mist noch als „Erlebnis für die ganze Familie“ oder „erfrischende Unterhaltung“ verkauft wird. Der Informationsgehalt der Interviews gleicht dem Nährwert eines Glases Wasser. Dafür sind die Bilder zahlreich und bunt und regen zum Nachdenken an, für welche Filme man denn sonst noch zehn Euro hinlatzen könnte. Und wenn man die Cola auf den Nachbarn schüttet, saugt das Magazin zur Not auch etwas Flüssigkeit auf. Mit anderen Worten: Erwartungshaltung null.

„Fetter Auspuff, lass mal Klickstrecke machen“

Ähnliches geht mir durch den Kopf, wenn ich in einem Anfall von langeweilegetriebenem Herumvagabundieren auf den “Auto-Seiten von Spiegel Online”:http://www.spiegel.de/auto/#ref=ressortblock strande (wie zum Beispiel gestern Nachmittag). Ob es sich überhaupt lohnt, über etwas so Offensichtliches zu schreiben? Ach was, sei’s drum, irgendwann muss es raus. Das Auto-Ressort ist für mich das Pendant zur Kinozeitschrift: der Informationsgehalt eher spärlich, die journalistische Eigenleistung vernachlässigbar, das Ergebnis entsprechend vorhersehbar. Im “Reise-Ressort”:http://www.spiegel.de/reise/ gibt es immerhin noch Geschichten über “Europas krude Leuchtturmwärter”:http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,793048,00.html und “Reisen abseits der Norm”:http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,793021,00.html. Ich frage mich ja wirklich, wie die Inhalte ressortintern produziert werden. Sitzen da einige testosteronschwangere Redakteure vor ihren Bildschirmen, bis einer irgendwann zum anderen sagt: „Guck mal, neuer Audi. Fetter Auspuff. Lass mal Klickstrecke machen.“ Oder entstehen die meisten Storys aus Probefahrten, wenn “dank der beigefügten PR-Mappe”:http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,792140,00.html das notwendige Info- und Bildmaterial nicht erst aufwendig zusammenrecherchiert werden muss? Im Endeffekt ist es wahrscheinlich egal. Und wenn mal wieder etwas Politik ins Portfolio muss (man schreibt immerhin unter dem Dach von Deutschlands politischem Wochenmagazin), dann hat der Ramsauer sicherlich wieder irgendwelche klugen Worte gesprochen. “Helmpflicht für Radfahrer”:http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,792572,00.html vielleicht, oder irgendwas mit Autobahnen. Das Leben kann so schön simpel sein.

Was zählt?

Um fair zu sein: Um ihren Job beneide ich die dort sitzenden Redakteure nicht. Man muss schon ein arger Materialismus- und Markenfetischist sein, um sich tagtäglich neu für Chromräder und PS-Zahlen begeistern zu können. Oder bin ich einfach ein bisschen zu engstirnig – Politik ist ja schließlich auch nicht immer eine aufregende Angelegenheit, und trotzdem stürzen sich die Politik-Redaktionen jeden Tag aufs Neue ins Getümmel? Moment; immer langsam mit den jungen Pferdestärken. „Ich bin zum Ergebnis gekommen, dass Politik zu wichtig ist, um sie den Politikern zu überlassen“, hat Charles de Gaulle einmal formuliert. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit oder Streikrecht sind heute noch verbriefte Konsequenzen dieser zentralen Maxime der Demokratie. Mit anderen Worten: Politik zählt. Selbst wenn wir nicht wählen gehen – wir sollten es eigentlich tun. Wir _sollten_ uns engagieren, interessieren, aufregen und all die ganzen anderen Dinge tun, die nun einmal wichtig sind in einer repräsentativen Demokratie. Ein Auto dagegen ist … ein Auto. Frei definiert als Kasten mit vier Rädern, Wumms unter der Haube und Blingbling außendrum. Ein Konsumgegenstand, Statussymbol, Medikament gegen die Mid-Life Crisis. Und eigentlich unwichtig. Wenn wir also das eine Ressort mit dem anderen vergleichen, sind wir bei der klassischen Situation mit den Äpfeln und Birnen angekommen. Oder im Kinosaal. Das beste Rezept gegen die Enttäuschung ist es daher vielleicht, von vorneherein erst gar nichts zu erwarten.

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