Revolutionärer Medieneifer

von Martin Eiermann24.05.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Erst Ägypten, jetzt Spanien. Das Frühjahr 2011 hält die Medien mit neuen Protesten auf Trab. Doch vergleichbar sind die Ereignisse nur bedingt, eindeutig sowieso nicht. Das darf sich auch der Journalismus eingestehen. Wohin das alles führt? Keine Ahnung.

Die Regionalwahlen in Spanien sind vorbei, die Proteste gehen weiter. Zehntausende gehen weiter täglich gegen die Regierung auf die Straße und fordern… ja was eigentlich? Seit Mitte der vergangenen Woche berichten die deutschen Medien von den Protesten. Es geht um die “Generation Staatspleite , um die Rolle der spanischen Jugend , die politische Haltung von Penelope Cruz l und die Unzumutbarkeit der Reformpolitik Zapateros. Der Spiegel hat dazu einen schönen Absatz geschrieben, der bevorzugt ans Ende l der neuen Meldungen l zu Spanien kopiert wird. Da heißt es dann journalistisch-selbstbewusst: Auslöser der Protestaktionen und der . Das in Spanien verwendete D’Hondt-Verfahren n der Stimmenzählung hat in der Praxis zur Folge, dass kleinere Parteien und die Stadtbevölkerung zugunsten der beiden Großen und der Wähler auf dem Land benachteiligt werden. Zu den wirtschaftlichen Entwicklungen gesellt sich also eine Politik, die mit massiven Glaubwürdigkeitsproblemen und den eigenen Unzulänglichkeiten zu kämpfen hat. Vor allem in einer Situation der wirtschaftlichen und beruflichen Perspektivlosigkeit wiegt das enttäuschte Vertrauen in die Regierung besonders schwer. Was für Volksvertreter sind das, die nicht im Interesse oder zu Nutzen des Volkes regieren? RP Online hat das übrigens mit als erstes erkannt. Der Grundtenor aller Protestierenden: Die Reaktion der Regierung auf die Krise ist nicht mehr demokratisch legitimiert . Die Demonstranten haben neben diffusen Abwehrreaktionen gegen staatliche Wirtschaftspolitik auch sehr konkrete politische Forderungen: Dass Wahlprogramme künftig verbindliche Verträge zwischen Wählern und Gewählten sein sollen. Wer nicht entsprechend handelt, soll belangt werden können. Sie fordern zudem eine Änderung des Wahlrechts und der Zuordnung der Wahlkreise. y einst im Brustton frühimperialer Verblendung und königstreuer Duseligkeit formulierte – the biography of great men . Das gilt übrigens auch für die Medien. Eine besseres Klima für kritischen, wertvollen Journalismus mag man sich kaum vorstellen. An wichtigen Fragen und kontroversen Debatten mangelt es genauso wenig wie an einer interessierten Öffentlichkeit. Die Einschränkungen sind höchstens hausgemacht: Die stakkatohafte Verkürzung auf Informationshappen, der veraltete Glaube m an die unangefochtene Deutungshoheit der Leitmedien, das Ringen um die ganz großen Erzählbögen. Dabei reicht es vielleicht manchmal schon, zu sagen: Keine Ahnung, was das alles bedeutet. Wir beobachten erst einmal.

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