Living la vida loca

von Martin Eiermann31.05.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Es ist schön, dass wir unsere europäischen Nachbarn besser kennenlernen wollen. Schade nur, wenn es beim Kaffeeklatsch bleibt.

Samstagabend gegen 22.30 Uhr war es geschafft. Mit dem 3:1 in der 69. Minute hatte David Villa den Sack zugemacht, der FC Barcelona wurde zum vierten Mal Champions-League-Sieger. “Auf sieben Seiten l lieferte Spiegel Online am Sonntag Hintergründe zum Sieg der Katalanen über die Elf aus Manchester. Die unterschiedlichen Spielphilosophien der beiden spanischen Clubtrainer Guardiola (Barça) und Mourinho (Madrid) kamen zur Geltung. Der Stolz der Katalanen, für die der Fußball immer auch ein Bollwerk gegen die Dominanz des spanischen Staates war. Die Lehren aus dem Pokalfinale der spanischen Liga. Die letzten Vorbereitungen von Manchester und Barcelona auf das Endspiel der Champions League – und die Verzweiflung der Briten, die sich einem schnell und dynamisch kombinierenden Gegner anscheinend hilflos ausgeliefert sahen. Dies sei, so gab Alex Ferguson nach dem Abpfiff ebenso niedergeschlagen wie anerkennend zu, die wohl beste Elf der Welt, vielleicht der beste FC Barcelona aller Zeiten.

Spanien ist Fußball

Warum das alles wichtig ist für einen Beitrag, der sich doch eigentlich mit Politik und Medien beschäftigen sollte? Weil dieser Hintergrundtext zum Fußball – knapp 5.000 Wörter lang – bezeichnenderweise das Beste und inhaltlich Tiefgreifendste war, was ich in den letzten Tagen bei Deutschlands führendem Nachrichtenportal zum Thema Spanien gelesen habe. Dabei ist es wohl kaum wahr, dass der Rest des Landes sich mit den Regionalwahlen am vergangenen Wochenende in die Siesta verabschiedet hat. Auch nach dem Votum kampieren die Aktivisten der Bewegung _Democracia Real Ya_ noch auf den Plätzen der spanischen Metropolen. Zur ersten Pressekonferenz der Demonstranten am 15. Mai kamen nach Angaben der ZEIT gerade einmal drei Journalisten, inzwischen nehmen beide großen Parteien den Druck der Straße ernst. Es geht um die Chancen der jungen Generation, das Wahlrecht, die Öffnung der miefigen Zwei-Parteien-Politik, Korruption, die Sparprogramme der Regierung und so vieles mehr. Die Ziele mögen teils unklar und unvorhersagbar sein , der Protest jedoch ist real. Vier Beiträge hat Spiegel Online seit dem Urnengang am vorvergangenen Sonntag dazu veröffentlicht, etwa 2.200 Wörter insgesamt. Neben einem Lagebericht l von der Puerta del Sol in Madrid gab es ein kurzes Gemengelage aus Agenturmeldungen l zum Wahlergebnis, eine Meldung zur möglichen Privatisierung der Staatslotterie l und – wieder kurz und knackig – einen Text zur gewaltsamen Räumung eines Protestcamps l in Barcelona am Freitag. Der einzige genuin eigenständige Text in dieser Sammlung ist der Bericht der spanischen Schriftstellerin Eugenia Rico aus Madrid. Die Abteilung „Hintergrund und Recherche“ ist offensichtlich von Hamburg aus kollektiv unterwegs in den Urlaub. Nur zum Vergleich: Die spanischen Gurkenexporte – beziehungsweise der Ärger der dortigen Bauern, zum Herd der Ehec-Epidemie abgestempelt und entsprechend gemieden zu werden – bekamen im gleichen Zeitraum fünf Artikel eingeräumt. Im Interview mit dem Magazin Newsweek hat der ehemalige US-Innenminister James Watt t einmal lamentiert, man holze gesunde Bäume ab, nur um daraus schlechte Zeitungen zu machen. Am Wahrheitsgehalt dieser Aussage hat sich auch durch den Medienwandel nicht unbedingt etwas geändert. Und tatsächlich drängt sich angesichts der Diskrepanz zwischen Länge und Tiefe der Berichterstattung von Sport und Politik wieder einmal der Eindruck auf, dass Letztere schlichtweg den Anschluss zu verlieren droht. Klar: Politik stärkt die eigene Reputation, sie ist das Aushängeschild des deutschen Qualitätsjournalismus, das Objekt der medialen Aufmerksamkeit und das Subjekt der Tischgespräche im Borchardt und im Café Einstein. Das Problem mit Aushängeschildern ist jedoch mitunter, dass sie relativ wenig über die eigentlichen Inhalte aussagen. Und so ist es möglich, dass selbst die großen deutschen Politikmagazine zwar groß und magazinig sind, aber eben auch oftmals nur oberflächlich politisch. Es fehlt dabei weniger an der Masse – Spiegel Online macht vor, wie sich aus wenigen Agenturmeldungen schnell eigene Nachrichtenbeiträge zusammenkopieren lassen – als an der inhaltlichen Tiefe. Welche Konsequenzen ziehen die etablierten Parteien aus der Wahl? Lässt sich der lose Forderungskatalog der Demonstranten in eine konkrete politische Programmatik übersetzen? Wie kann vermittelt werden zwischen den Zwängen der Sparpolitik und den Sorgen der Menschen? Darüber ist wenig zu lesen, und noch weniger Neues und Hintergründiges.

Was ist uns wichtig?

Am 19.5. bereits berichtete der Spiegel schon einmal über die Bewegung Democracia Real Ya : Der Wandel sei greifbar, so der Tenor damals. „Viele haben das Gefühl, dass endlich der Moment gekommen ist, etwas zu tun. ,Jetzt und hier‘ hat jemand in roter Schrift auf ein Plakat an der Puerta del Sol geschrieben.“ Ist das nicht gerade das Spannende am Journalismus? Jene Situationen, in denen gefestigte Gefüge aufbrechen und die Grenzen des Möglichen sich verschieben, in denen sich mit den Institutionen auch die Geisteshaltung der Menschen und die Normen des Diskurses ändern. Hier kann die Berichterstattung eingreifen, Analysen bereitstellen und vor allem aktiv und intelligent aufklären (Es ist kein Zufall, dass einige der ältesten deutschen Zeitungen aus der Hochzeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert datieren). Diese Anforderungen sollten wir auch weiterhin an den Journalismus zu stellen bereit sein. Man darf sich freuen für den FC Barcelona und über die Spielanalyse. Und doch sollten wir fragen dürfen, warum wir nicht nach mehr verlangen, warum guter Politjournalismus gleichzeitig ein Inselphänomen zu werden droht. Das ist das Paradoxe an der aktuellen Situation: Wir sind überzeugt von der Dynamik der Proteste in Spanien, wir glauben an ihre Relevanz – und wissen doch erstaunlich wenig darüber.

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