Dr. House, übernehmen Sie

Martin Eiermann7.06.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Wer aktuell eine Zeitung aufschlägt oder eine Nachrichtenseite aufruft, sieht sich mit einer dahinsiechenden Nation konfrontiert. EHEC ist immer und überall Thema. Doch rechtfertigt die Risikosituation das mediale Dauerfeuer? Und was erklärt es?

Es ist doch zum Weinen. Griechenland kämpft gegen die Überschuldung, Ägypten und Tunesien um die Demokratie. Japan versucht, trotz “neuer Schadensmeldungen aus dem AKW Fukushima”:http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2011-06/japan-atom-kernschmelze erste Schritte zurück in die Normalität zu tätigen. Obamas Berater sind “tief zerstritten über die richtige Afghanistan-Strategie”:http://www.nytimes.com/2011/06/06/world/asia/06gates.html?hp, ein schneller Rückzug erscheint heute wahrscheinlicher als noch im vorigen Jahr. Sogar der Sport macht politische Schlagzeilen: Die Chinesin Li Na triumphiert bei den French Open und die Mächtigen des Landes stoßen angesichts von “so viel Soft Power”:http://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2011/06/li-na-the-face-of-chinese-soft-power/239923/ schon einmal mit Reisschnaps auf die Zukunft des Drachen an.

Beschäftigungstherapie EHEC

Gleichzeitig haben wir die scheinbar perfekte Beschäftigungstherapie in Form der EHEC-Hysterie direkt vor die Füße gelegt bekommen. Was normalweise in einer Folge „Dr. House“ abgehandelt wird, hält jetzt die Nation auf Trab und beschert den spanischen Bauern nebenbei einen wöchentlichen Einkommensverlust in Höhe von Dutzenden Millionen Euro. Deutschland scheint kollektiv dahinzusiechen; die wenigen Gesunden tasten sich mit kriminalistischer Sorgfalt in Richtung der Erregerquelle vor. Der Schreiber schreibt, der Leser liest – und wieder ist ein Tag vollbracht, ohne dass die interne Logik des Journalismus Schaden genommen hat. Eine Behandlung des Themas ist angesichts von mittlerweile 21 Toten und über 1.500 Infizierten durchaus berechtigt. Doch die Frage des „ob“ ist notwendigerweise losgelöst von der Frage des „wie“. Und an diesem „wie“ – also an der redaktionellen Gewichtung und medialen Inszenierung – scheiden sich zu Recht die Geister; der Medienkonsument in mir rebelliert. Denn auch im Internet ist nachrichtlicher Platz nicht unbegrenzt vorhanden, genauso wenig wie die Arbeitsstunden und die Koffeinreserven von Journalisten niemals enden und versiegen. Jede Schlagzeile zu EHEC bedeutet, dass andere Texte auf den Webseiten der Nachrichtenportale nach unten und damit in Richtung der kognitiven Peripherie rutschen. Die Hierarchisierung von Meinungen und Meldungen bedeutet also immer auch Meinungsmache: Der Diskurs zu bestimmten Themen wird zulasten anderer Themen forciert. Wenn da bloß nicht dieses elende Hamsterrad wäre: Es dreht sich, es verlangt nach Aktualität und bestraft allzu oft denjenigen, der aus dem Tritt kommt oder lieber über die Käfiggrenzen hinaus in die Weltgeschichte guckt. Das ist die traurige, medienpessimistische Kehrseite einer aktiven, kurzweiligen und auch nicht immer qualitätsarmen Medienlandschaft.

Wie können wir berichten?

Lange haben auch wir uns gefragt, welche Thematik interessant und relevant genug ist, um unsere Aufmerksamkeit von anderen Themen abzuziehen – und nach welchen Kriterien wir das überhaupt beurteilen können. Letztendlich gibt es nicht viel, was eine absolute Priorisierung von EHEC journalistisch legitimieren könnte – die Alltagsrelevanz für einen Großteil der eigenen Leser vielleicht, eine Chronistenpflicht oder die Möglichkeit, durch aktive Berichterstattung zur Prävention und zur Eindämmung des Erregers beizutragen. All das sind jedoch sehr weiche Faktoren, die sich schlecht an der Anzahl der Infizierten oder an der (glücklicherweise relativ geringen) Zahl der Opfer orientieren können – was übrigens angesichts von geschätzten “15.000 Grippeopfern pro Jahr”:http://www.abendblatt.de/hamburg/article449895/Bis-zu-15-000-Grippetote-pro-Jahr.html auch nicht viel mehr wäre als eine schlecht verhüllte Milchmädchenrechnung. „Practice has a logic which is not that of the logician“, so Pierre Bourdieu in seinem Werk “„The Logic of Practice‟”:http://books.google.com/books?id=YHN8uW49l7AC&pg=PA86&lpg=PA86&dq=Practice+has+a+logic+which+is+not+that+of+the+logician&source=bl&ots=0dTkIrzr-V&sig=_gg0tedkeijHQeumlyJk923BOLE&hl=en&ei=6BLtTZ3AEYbu-ga4k7XCDw&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CBUQ6AEwAA#v=onepage&q=Practice%20has%20a%20logic%20which%20is%20not%20that%20of%20the%20logician&f=false. Die Praxis bezieht ihre interne Logik aus sich selbst heraus, aus dem Tun und Handeln. Sie ist das Resultat eines immerwährenden Ringens um Diskurse und diskursive Normen. Das ist auch im Journalismus und im Fall von EHEC nicht anders. Wenn die „ZEIT“ in den vergangenen 30 Tagen 59 Texte dazu bringt, die „Süddeutsche“ 61 und „Spiegel Online“ 77 Beiträge, dann hat das weniger damit zu tun, dass das Bakterium und die aus ihm resultierende Ansteckungswelle nicht in weniger Zeichen erklärt werden können – oder dass aus echter Betroffenheit mit den Schicksalen der Erkrankten und Verstorbenen berichtet wird – als vielmehr mit medialem Gruppendenken und der Befriedigung eines eher diffus formulierten Hungers der Leser nach Informationen, so trivial oder repetitiv sie auch oftmals sein mögen. Übrigens: “Einen der besseren EHEC-Beiträge”:http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,766780,00.html gab es heute – man höre und staune – bei „Spiegel Online“. Ein gut gemachter Infokasten, eine nette und informative Flash-Grafik, fundierte medizinische Grundlagen. Mehr davon bitte – und insgesamt weniger EHEC.

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